Dieser Bremer will seine Cousine vor den Taliban retten

Dieser Bremer will seine Cousine aus Afghanistan retten

Bild: Privat

Seit die Taliban wieder die Macht in Afghanistan übernommen haben, leben Frauen dort in Unterdrückung. Ein Bremer möchte seine Cousine vor dem Terror der Taliban retten.

Ajabnoor Khan quält seit Wochen eine nagende Nervosität. Der 25-jährige Bremer mit afghanischen Wurzeln will seiner Cousine Amira (Name geändert) ein selbstbestimmtes Leben in Deutschland ermöglichen. Ein Plan, bei dem viel schief gehen kann.

Amira lebt in Afghanistan, hat dort studiert und für internationale Organisationen gearbeitet. Doch seit die Taliban vor drei Jahren wieder die Macht übernommen haben, gleiche ihr Leben dem einer Gefangenen, erzählt ihr Cousin. "Frauen sollen ihr Leben eigentlich nur dem Haushalt und der Familie widmen, finden die Taliban", sagt der Informatik-Student. Für die 23-jährige Amira sei die Aussicht auf so ein Leben eine Qual. Sie sei eine gebildete, anpackende Person.

Keine Selbstbestimmung für Frauen

Eine verschleierte Frau mit schwarzem Umhang gestikuliert mit ihren Händen. Das Gesicht ist verpixelt.
Amira hat in Afghanistan studiert und für internationale Organisationen gearbeitet. Nun gibt sie anderen Frauen Deutschunterricht. Bild: privat

Um die Situation seiner Cousine anschaulicher zu machen, organisiert Ajabnoor Khan ein Telefonat mit ihr. "Ich möchte eine eigenständige Frau sein", sagt Amira uns am Telefon. Das sei im Afghanistan der Taliban nicht möglich. Berufs- und Bildungsperspektiven für Frauen seien seit dem Abzug der westlichen Alliierten verschwunden. Das eigene Haus dürfe man nur noch in männlicher Begleitung verlassen. Die ohnehin konservative afghanische Gesellschaft tue dies, um jegliche Selbstbestimmung von Frauen zu verhindern.

Amira spricht fließend Deutsch. Das habe sie sich selbst beigebracht in der Zeit, als noch zahlreiche deutsche Hilfsorganisationen im Land gewesen seien. Zur Zeit gebe sie anderen Frauen heimlich Deutschunterricht, erzählt sie und zeigt uns Video-Aufnahmen davon. Auf dem Boden eines fensterlosen Zimmers sitzen zehn, in traditionelle Hijabs gekleidete Frauen beisammen, diskutieren über die korrekte Konjugation deutscher Verben und fragen sich gegenseitig Vokabeln ab. Sollten die afghanischen Behörden von dieser Runde erfahren, droht den Beteiligten Haft und sogar körperliche Züchtigung.

Ich möchte eine eigenständige Frau sein.

Amira

Amira hofft, dieser Lebenssituation entfliehen zu können. Ihre Vision: Ein Studium in Bremen. "Ich möchte im Bereich Verteidigung von Frauen und Kindern studieren und ihnen materielle und moralische Unterstützung geben", sagt sie.

Spendenkampagne unterstützt Amiras Weg in die Freiheit

Ihr Cousin Ajabnoor Khan ist selbst 2015 als Teenager übers Mittelmeer geflüchtet, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Heute steht er kurz vor dem Abschluss seines Medieninformatik-Studiums und jobbt als Barkeeper und Software-Tester. "Ich bin Deutschland sehr dankbar", sagt er.

Eine Frau mit Doktorhut und Doktormantel hält zusammen mit einem Mann ein Schriftstück in die Kamera. Die Gesichter der beiden sind verpixelt.
Amira hofft auf ein selbstbestimmtes Leben in Deutschland. In Bremen möchte sie an der Hochschule studieren. Bild: privat

Seit Monaten arbeitet er daran, auch Amira ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Ihre Papiere und Zeugnisse hat er beglaubigen lassen, selbst ein Studienplatz an der Hochschule Bremen und eine Unterkunft sind bereits organisiert. Mittels einer Spendenkampagne, die der Bremer Journalist und Influencer Hubertus Koch tatkräftig unterstützt hat, ist sogar genug Geld zusammengekommen, um die 11.208 Euro bereitzustellen, die ausländische Studierende als Pfand für den deutschen Staat auf einem Sperrkonto hinterlegen müssen.

Ich werde alles für sie tun, was ich kann, denn in Afghanistan ist sie als Frau ein Nichts.

Ajabnoor Khan, Informatik-Student und Cousin von Amira

Und dennoch bleibt Ajabnoor Khan nervös. Noch ist offen, ob seine Cousine Afghanistan überhaupt verlassen kann. Der Bremer wird nach eigenen Angaben Verbindungsleute bezahlen müssen, die für Amira Behördengänge erledigen und die Reise arrangieren. Um das zu finanzieren, sammelt der Student auch weiterhin Spenden. "Ich werde alles für sie tun, was ich kann, denn in Afghanistan ist sie als Frau ein Nichts", sagt er.

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Autor

  • Manz Sebastian
    Sebastian Manz Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Februar 2024, 19:30 Uhr