Inflation: Darum zieht eine Bremer Studentin aus ihrer Wohnung aus

Eine Studentin hält ein Plakat mit der Aufschrift "Dieses Semester war richtig scheiße" hoch

Darum zieht eine Bremer Studentin aus ihrer Wohnung aus

Bild: DPA | dpa | Swen Pförtner

Erst die Einschränkungen durch Corona, jetzt wird durch die Inflation alles teurer – keine leichte Zeit zu studieren. Drei Bremer Studentinnen erzählen, wie ihre Lage ist.

Sie habe sich den Luxus einer eigenen Wohnung geleistet, doch jetzt hat sich Carolin Ryngler dazu entschlossen, auszuziehen: "Mit der Inflation und den steigenden Preisen rund um die Miete ist es mir nicht mehr möglich, so viel Geld zurückzulegen, dass ich die Betriebskosten im nächsten Jahr bezahlen könnte." Ryngler ist Studentin – sie hat ein Stipendium. Das bringt ihr ungefähr so viel Geld wie der BAföG-Höchstsatz. Bisher liegt der bei 861 Euro im Monat. Nebenbei arbeitet die 24-Jährige noch. Und doch fällt sie durch alle Raster durch.

Eine Studentin sitzt in ihrer Wohnung
Studentin Carolin Ryngler möchte ihr Master-Studium durchziehen und gibt deshalb ihre Wohnung auf. Bild: Radio Bremen | Niklas Hons

Das liegt vor allem daran, dass Carolin Ryngler das Stipendium hat. Würde sie BAföG bekommen, könnte sie zum Beispiel Wohngeld beantragen. Das geht mit dem Stipendium nicht. Die Wohnung hat Ryngler schon gekündigt. Jetzt überlegt sie sich, entweder zu ihrem Freund nach Osterholz-Scharmbeck zu ziehen oder zu ihrer Tante nach Bremerhaven. Eine Wohnung in Bremen ist bei den aktuellen Mietkosten im Moment nicht drin.

Sie habe auch schon überlegt, ihr Master-Studium zu schmeißen und erstmal zu arbeiten. Aber die 24-Jährige möchte das Studium und auch ihren Nebenjob als Geschäftsführerin bei der Europa-Union in Bremen behalten. In der Hoffnung, dass es sich in Zukunft auszahlt.

Irgendwo ist es ja nur noch ein Jahr, das ich durchhalten muss. Ich muss ja irgendwie dieses eine Jahr schaffen, dann habe ich meinen Master und dann ändert sich die Situation hoffentlich. Würde ich noch weiter am Anfang des Studiums stehen, hätte ich wohl tatsächlich abgebrochen und mich für eine Ausbildung entschieden.

Carolin Ryngler, Studentin

Geld ausgeben nur noch im Supermarkt

Und damit ist Ryngler nicht die einzige. Maite Wulff studiert im vorletzten Semester. Auch sie hat durch die Inflation überlegt, ein Urlaubssemester einzulegen und erstmal Geld zu verdienen: "Aber dann weiß ich nicht, ob ich danach noch weiter machen möchte, wenn man einmal raus ist. Deswegen würde ich das jetzt erstmal durchziehen, dann vielleicht nach dem Bachelor arbeiten und etwas zur Seite legen und dann eventuell noch den Master machen", sagt die 28-Jährige.

Ein Einkaufswagen fährt durch einen Supermarkt
Für viele Studierende beschränken sich die Ausgaben durch die Inflation nur noch auf Essen im Supermarkt. Bild: DPA | Marco Martins

Im Supermarkt habe Wulff die Inflation am stärksten gemerkt. Darüber hinaus einkaufen oder ins Café gehen geht aktuell für sie nicht, sagt Wulff: "Seit drei oder vier Monaten bin ich nicht mehr Shoppen gewesen. Deshalb weiß ich gar nicht, wie sich da die Preise entwickelt haben."

Dadurch, dass sie einen Studiengangs-Wechsel hinter sich hat, fällt auch Wulff in gewisser Weise durch das BAföG-Raster. Denn durch den Wechsel ihres Nebenfachs hat sie ihren Anspruch auf Ausbildungsförderung verloren. Die Studentin hat zwei Jobs: Einen Nachhilfe-Job und einen festen Job. Das macht 20 Stunden Arbeit in der Woche. Und trotzdem ist sie in ihrer Freizeit stark durch die Inflation eingeschränkt.

Nebenkosten bereiten WGs Sorge

Lara Herford studiert Germanistik im Master im zweiten Semester. Sie bezieht den BAföG-Höchstsatz. Nebenbei arbeitet sie für ihren Professor und verdient dort pro Monat noch ungefähr 450 Euro. Sie merkt die Inflation dadurch, dass sie sich ebenfalls nicht mehr alles leisten könne, was vorher noch drin war: "Man überlegt mehrfach, was man jetzt genau braucht, was vielleicht doch nicht und worauf man verzichten kann. Man überlegt, welche Gerichte man noch essen kann und welche eben einfach zu teuer geworden sind und was man als Alternative essen kann."

Für Herford ist die Nebenkosten-Abrechnung am teuersten geworden: "Diese ganze Energie-Sache ist wirklich enorm teuer geworden." Damit habe ihre WG große Probleme, und auch beim Einkaufen im Supermarkt merke man, dass alles sehr teuer geworden sei.

Ich glaube, jeder Student hat Angst vor der Nebenkosten-Abrechnung. Die, die sie schon haben, sind wirklich am verzweifeln und versuchen, mehr Jobs zu bekommen.

Lara Herford

Das Studium für die Arbeit zu pausieren wäre für sie auf jeden Fall nicht in Frage gekommen: "Ich plane, an der Universität zu bleiben und arbeite gerade für meinen Professor. Das wäre einfach eine Chance, die ich fallen lassen würde, die ich gar nicht fallen lassen möchte." So lange sie noch BAföG bekomme, gehe es einigermaßen. Auch wenn der BAföG-Satz trotz der Erhöhung aus ihrer Sicht noch nicht ausreicht: "Die Erhöhung wurde Anfang des Jahres geplant. Da hat man noch nicht mit den höheren Energiekosten gerechnet." Der Höchstsatz wird für das kommende Wintersemester von 861 auf 934 Euro im Monat angehoben.

Studentinnen: BAföG sollte reformiert werden

Alle drei Studentinnen verbindet, dass sie das bisherige BAföG-System ungerecht finden. Nur noch ungefähr elf Prozent der Studierenden bekommen BAföG. Als die Förderung im Jahr 1973 eingeführt wurde, waren es 47 Prozent der Studentinnen und Studenten. Der Grund: Die Gehälter in Deutschland sind gestiegen. Allerdings sind die Freibeträge, die Eltern maximal verdienen dürfen, damit ihr Kind BAföG bekommt, in der Zeit nicht entsprechend erhöht worden.

Allgemein ist es aus Sicht der Studentinnen ein Problem, dass Studierende abhängig vom Einkommen der Eltern Förderung bekommen oder nicht. Wenn die Eltern keinen Unterhalt für das Studium zahlen wollen, müssen Studierende ihre Eltern verklagen, um zu ihrem Recht zu kommen.

Ich finde es schwierig, dass man die finanzielle Freiheit eines Menschen so stark an das Einkommen der Eltern koppeln muss.

Carolin Ryngler

Und selbst bei höheren Freibeträgen würden wohl noch Studierende, wie zum Beispiel Carolin Ryngler oder Maite Wulff, keinen Anspruch auf Förderung haben. Ryngler fordert deshalb: "Die Hilfen für Studierende müssten viel individueller und auf den Einzelfall zugeschnitten sein." Momentan würden Studierende vor allem über das BAföG ihre Hilfe bekommen. Und das Problem ist laut Ryngler, dass man auch andere Zuschüsse nur kriegt, wenn man auch BAföG bekommt.

Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 11. August 2022, 8:10 Uhr