Warum diese 2 Bremerhavener Gründerinnen "was Eigenes" wollten

Wie Frauen aus Bremerhaven ihren Traum vom eigenen Unternehmen leben

Bild: Radio Bremen

Das neue Starthaus in Bremerhaven setzt bei Gründungen besonders auf Frauen, insbesondere auf alleinerziehende Mütter. Zwei selbständige Bremerhavenerinnen sagen, wie es geht.

Jenifer Dagligils kratzt Tapetenreste von den Wänden. Rings um sie herum liegen Werkzeuge und Baumaterial. Es ist augenscheinlich noch viel zu tun an ihrem "Lieblingsplatz" in Bremerhaven. So soll das Café einmal heißen, wenn die 31-jährige mit den Bauarbeiten fertig ist. Jenifer Dagligil will als Selbstständige durchstarten und das bedeutet nun einmal zunächst: Tapeten abkratzen, werkeln, sauber machen: "Wenn man etwas von der Pieke auf selber aufbaut, dann muss man erst einmal so etwas mitgemacht haben, damit später Lorbeeren ernten kann", zeigt sich die Gründerin überzeugt.

Der Gedanke, selbst ein Unternehmen zu gründen, ist lange in ihr gereift. Die Risiko-Abwägung, eine persönliche Krise und dann die Suche nach sich selbst, haben sie auf den Weg gebracht: "Ich kann mich ganz schwierig unterordnen", räumt sie unumwunden ein. Sie sei leider eine Perfektionistin, könne nicht loslassen. Da habe der Schluss für sie nahegelegen: "Mach’ doch mal etwas Eigenes."

"Super-cooles Team"

Mann, ca. Ende 50, am Schreibtisch, vor Pinwand mit angestecktem Mikro
Hofft auf alleinerziehende Mütter, die eine Gründung wagen wollen: Lars Mickeleit aus dem Starthaus in Bremerhaven. Bild: Radio Bremen

Die Bremerhavenerin ist gelernte Immobilienkauffrau, hat Küchen geplant, in einer Redaktion gearbeitet. Aber nebenbei hat sie immer in der Gastronomie gejobbt und einen Foodblog betrieben. Auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleitet sie nun das im Februar gegründete Bremerhavener Starthaus, das Gründerinnen und Gründer berät: "Das ist ein super-cooles Team, das mich von Anfang an unterstützt hat", sagt Dagligil. Auch einen langen Atem hätten die Wirtschaftsförderer mit ihr bewiesen, als sie noch mit sich gekämpft habe, bei der Frage etwa, ob sie wirklich eine Chefin sein könne.

Bei den ersten Schritten als Unternehmerin hilft in Bremerhaven auch das Arbeitsförderungszentrum. Hier berät Lars Mickeleit Gründungswillige, checkt mit ihnen die Business-Idee, klärt sie über mögliche Fördermittel und bürokratische Fallstricke auf. Natürlich berät das Starthaus in Bremerhaven auch Männer bei ihren Gründungen. Aber Frauen hätten besonders viel Potential, um erfolgreiche Unternehmerinnen zu werden, glaubt Mickeleit: "Die bereiten sich besser vor, die sind gewissenhafter und vorsichtiger bei der Gründung, gucken, dass das Risiko nicht so hoch ist."

Starthaus will alleinerziehende Mütter fördern

Frau, um die 30, mit rosa-grau gefärbten Haaren und Pearcings
Raphaela Nehmer hat inzwischen drei eigene Geschäfte aufgebaut. Bild: Radio Bremen

30 Prozent der Klienten, die Mickeleit betreut sind Frauen. Mickeleit versucht aber besonders eine Gruppe zu ermutigen sich selbstständig zu machen. "Das sind alleinerziehende Mütter. Weil die die Möglichkeit haben, im Rahmen einer Unternehmensgründung auch die Kindererziehung mit abzudecken."

In Bremerhavens Innenstadt hat vor vier Jahren Raphaela Nehmer ihren Traum von der Selbsständigkeit verwirklicht. Sie hat hier einen eigenen Laden für Mangas und Merchandice, inzwischen sogar eine zweite Filiale in Bremen und schon seit 2015 ein eigenes Tattoo-Studio. Sie hatte damals Hilfe vom Lars Mickeleit. "Als Selbstständige habe ich bessere Möglichkeiten, mich selbst zu verwirklichen. Ich möchte gern einen Ort, wo ich gerne hingehe, wo ich mich wohlfühlen, wo ich meinen Lebensunterhalt verdienen kann, aber auch meine Mitarbeiter sich wohlfühlen und Spaß an der Arbeit haben", fasst Nehmer die Gründe zusammen, deretwegen sie gern selbstständig ist.

Kampf mit alten Vorurteilen

Die Unternehmerin ist Mutter von vier Kindern, hat zehn Angestellte und zwei Azubis – mit 33. Leicht werde es Frauen in bestimmten Bereichen nicht unbedingt gemacht, sagt sie. Viele Frauen hätten im Hinterkopf, dass sie nicht so ernst genommen würden wie Männer, anders angeguckt, anders wahrgenommen würden. Nehmer sagt das aus eigener Erfahrung heraus: "Ich kenn’ das durch mein eigenes Erscheinungsbild", sagt sie: "Wenn ich zum Beispiel in eine Bank gehe, direkt hoch in die Geschäftsabteilung marschiere, dann werde ich erst einmal doof angeguckt. Dann versuchen drei Leute, mich abzufangen, und der vierte fragt mich, was ich da möchte."

Eine Frage, die Nehmer allerdings gelassen beantworten kann: Sie ist Unternehmen, hat drei Geschäfte, hat Konten bei der Bank: "Ich gehöre in die Abteilung", stellt sie fest. Gründerin Jenifer Dagligil dagegen steht mit ihrem "Lieblingsplatz" noch ganz am Anfang: Doch auch sie beißt sich durch. Spätestens im November möchte sie ihr Frühstücks-Café eröffnen.

Autorinnen und Autoren

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. September 2022, 19.30 Uhr