Die Tore zum Jenseits werden geöffnet: Was passiert in den Raunächten?

Gepeinigte Seelen: die Mystik der Rauhnächte

Bild: DPA | Armin Weigel

"Zwischen den Jahren" – das ist die Zeit der Mythen und Geister, in der die Tore zwischen den Welten geöffnet sind. Woher kommen die Mythen der Raunächte und warum glauben viele dran?

Rauhnächte – die Wilde Jagd beginnt: Dämonen, Werwölfe und Geister zu früh verstorbener Kinder ziehen mit Frau Holle übers Firmament und durch die Lande und verbreiten Angst, Schrecken und Elend. Die zwölf Nächte kurz nach der Wintersonnenwende bis zum 6. Januar sind sagenumwoben.

Drei Menschen sitzen in einer alten Diele in einem Bauernhaus und unterhalten sich.
In Farge-Rekum treffen sich buten un binnen-Reporter Volker Kölling und Mitglieder des Heimatvereins. Bild: Radio Bremen

Wir treffen uns mit der Kulturwissenschaftlerin Dorle Dracklé und Mitgliedern des Heimatvereins Farge-Rekum zum Teeplausch über das Thema. Vorsorglich hinter den sicheren Wänden des Kahnschifferhauses in Rekum – während draußen der Nebel über die Weser wabert und Fratzen aus dem Uferholz zu starren scheinen.

Dorle Dracklé ist sichtlich angetan von dem alten Reetdachhaus, in dem sich nachspüren lässt, wie einfach die Menschen hier noch vor einhundert Jahren gewohnt haben. Rosemarie Dietrich vom Heimatverein Farge-Rekum zeigt der Professorin und Leiterin des Institutes für Ethnologie und Kulturwissenschaft der Bremer Uni die Küche praktisch im Originalzustand: Über eine offene Feuerstelle ragt ein weiter Rauchabzug. Die Decken sind von Ruß geschwärzt. "Wir haben hier praktisch alles original gelassen. Dieser kleine Raum war in vielen Häusern damals der einzige Raum, der im Winter geheizt wurde", sagt Rosemarie Dietrich. Dorle Dracklé beschwört das Bild herauf, wie hier die Großfamilie des Kahnschiffers saß.

Es waren ja nicht nur die längsten Nächte des Jahres, die allein die Menschen schreckten. Es gab ja auch viel weniger Licht als heute: Vielleicht das aus der Feuerstelle und ein, zwei Kerzen. Ansonsten saßen die Menschen da in absoluter Dunkelheit.

Dorle Dracklé, Ethnologin

Woher stammen die Mythen der Rauhnächte?

Bernhard Dietrich vom Heimatverein stammt aus dem Allgäu und ist dort in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen, wie er sagt. Er bestätigt das Bild von den dunklen Winternächten:

Da saßen die Menschen auch winters zusammen auf einem kleinen Hof. Draußen mitunter meterhoch Schnee und es rüttelte an den Fensterläden. Da kann ich mir schon erklären, wie die Menschen zu abenteuerlichen Erklärungen kamen und wie all die Geschichten zu den Rauhnächten entstanden.

Bernhard Dietrich
Eine Frau mit grauen Haaren blickt in die Kamera
Ethnologin Dorle Drackle kennt sich aus mit Mythen der Rauhnächte. Bild: Dorle Drackle

Bei der Begutachtung des Tannenbaumes sinniert Professorin Drackle über die Entstehung der Rauhnachtsmythen: "Wie Weihnachten sind auch die Rauhnächte etwas, in das ganz viele uralte Traditionen eingeflossen sind. Die Christen benannten es als heilige Zeit und legten jeden Tag für einen Heiligen fest", sagt Drackle. Aber damit sollten offenbar ältere Riten überdeckt werden: Der Weihnachtsbaum mit seinem Grün geht auf die Römer zurück, die damit die Tage der Saturnalien schmückten – mit wildem Karnevalstreiben bis zum 30. Dezember und Geschenken.

"Bis heute finden wir diese Elemente dieses römischen Karnevals auch in den Rauhnächten hier", sagt die Ehtnologin: "Das in Süddeutschland sehr verbreitete Glockenlaufen, das Krachmachen zum Beispiel." Neben den Traditionen, die das römische Heer mit nach Deutschland brachte, sei hierzulande vor dem Christentum schon ein Mischglaube von Slawen, Kelten und Wikingern vorhanden gewesen. "Und viele dieser Religionen kannten den unbesiegten Feuergott, der wie der Saturn der Römer in diesen Nächten gefeiert werden wollte: Er versprach, dass wieder neues Leben aufkeimen würde. Das war mit Aussagen für die Zukunft verbunden", so Drackle weiter.

Spekulatius sind Wunschkekse zum Schutz der Kinder

Spekulatius Kekse
Schützt der Spekulatius Kinder? Bild: DPA | Zoonar | Dr. Lange

Die Wahrsagerei in den Rauhnächten sei ja bis heute üblich: "Es geht um die wichtigen Fragen des Lebens: In dieser Zeit kann ich vorhersehen, von welcher Gestalt mein Liebster oder meine Liebste sein wird. Ob wir Kinder haben werden, wie unsere Zukunft wird." Bis heute wird dafür Blei gegossen, in Kaffeesatz gerührt und aus der Hand gelesen. Selbst sonst sehr nüchterne Ratio-Menschen erwischt man in den Rauhnächten beim Ausüben uralter Kulthandlungen nach dem Motto: "Ich glaub nicht dran. Aber schaden kann es ja nicht", erzählt sich die Runde bei Tee und Spekulatiusgebäck: Die Kekse seien übrigens die Wunschkekse der Weihnachtszeit, mit denen man den Schutz für die Kinder herbeibete, die sie knabberten, erzählt die Kulturwissenschaftlerin von der Tradition aus den Niederlanden.

Ein Löffel mit Blei wird über eine Kerze gehalten.
Selbst sehr rationale Menschen gießen an Silvester Blei, um zu sehen, was das neue Jahr bringt. Bild: DPA | Frank Rumpenhorst

Grundsätzlich entstehe Religion aus dem Wünschen, aus dem Gebet, einem Grundanliegen eines jeden Menschen. Und zu den Zeiten der Rauhnächte nehme der Mensch für sich in Anspruch, über mehr Magie zu verfügen als sonst im Jahr. Der Allgäuer Bernhard Dietrich pflichtet ihr bei und erzählt davon, wie er in seiner Kindheit lernte, Ställe in den Rauhnächten auszuräuchern. Das "Räuchern" ist eine Ursprungserklärung für das Wort Rauhnächte. Dietrich glaubt bis heute an manchen Ritus: "Da hatte es Unruhe und Probleme beim Kalben einer Kuh gegeben, anderswo ging es einer Sau nicht gut. Da gingen wir dann durch den Stall. Nach dem Räuchern war das dann weg – das ist so und man kann es sich nicht erklären." Bei Häusern seien sie genauso vorgegangen.

Da gibt es manche arme Seele, die nach dem Sterben nicht fortkommt, weil sie zwischen den Jahren gefangen ist. Das passiert häufiger als man denkt. Der hilft man dann und danach ist wieder Ruh.

Bernhard Dietrich

Die gefährliche Zeit – die Öffnung der Tore zum Jenseits

Eine Frau hängt bei Kälte draußen Wäsche auf.
Wäsche aufzuhängen zwischen den Jahren kann den Tod bringen, heißt der Aberglaube. Bild: Radio Bremen

Die Kulturwissenschaftlerin Dorle Dracklé bestätigt die seit alters her weit verbreitete Ansicht, dass in den Rauhnächten das Tor zum Jenseits geöffnet sei und so eben auch Dämonen, Monster und Untote besonders leicht in das Reich der Lebenden schlüpfen könnten: "Es wird allenthalben von einer dunklen und eben auch gefährlichen Zeit ausgegangen." Rosemarie Dietrich erinnert sich, wie ihre Mutter ihr einbläute, zwischen den Jahren auf keinen Fall, Wäsche aufzuhängen.

Sie (die Mutter) sagte, in den Rauhnächten gingen die Dämonen und der Teufel um und wenn sich einer von ihnen in der Wäsche verfangen würde, würde sie zum Leichenkleid von jemandem aus diesem Haus

Rosemarie Dietrich, Heimatverein Bremen-Farge

Heute habe sie einen Trockner und würde in den Rauhnächten trotzdem nicht waschen, sagt Dietrich: "Das ist so in mir drin."

Aus der Runde tauchen nach dem Waschverbot schnell noch weitere Dinge auf, die der Mensch tunlichst unterlassen sollte, um nicht das Böse in der Zeit der Rauhnächte auf sich aufmerksam zu machen: In der Früh darf man nicht pfeifen. Man darf Türen nicht laut zuschlagen, sonst gibt es Gewitter. Man darf nicht arbeiten, sonst kommt Unglück über Haus und Hof. Bernhard Dietrich: "Auch den Kindern sagte man, sie müssten besonders ruhig sein. Überhaupt denke ich mir, dass das ja Regeln waren, die den Menschen zur Ruhe bringen sollten, ihn praktisch erziehen sollten." Die Ausnahme von diesen Tagen der Ruhe fällt auch ihm sofort ein.

Ungewöhnliche Traditionen und Bräuche

Menschen mit Kostümen und gruseligen Masken.
In Süddeutschland ist wie hier der Perchtenlauf bekannt – im Norden das Rummelpottlaufen. Bild: DPA | Votava

Nicht alle Rauhnächte wurden ruhig begangen: Im Allgäu gebe es bis heute das Perchtenlaufen, mit dem die jungen Männer des Dorfes mit Kuhglocken lautstark die bösen Geister austreiben. "Und manche verkleiden sich eben auch als die bösen Geister und so geht es bei diesen Umzügen mitunter hoch her. Es kann sogar Handgreiflichkeiten geben, sodass sie in einigen Gemeinden mitunter verboten werden sollten." Arend Wessels, der Archivar des Heimatvereins, kennt ähnliche Rauhnacht-Rituale auch aus dem Norden: "Hier ist vom Rummelpottlaufen die Rede: Da ziehen dann auch die jungen Männer durch die Gegend und machen mit Schlegeln in Pötten jede Menge Krach. Hauptsache laut."

Die Ethnologin Dorle Dracklé bestätigt, dass es ungezählt viele verschiedene Bräuche zu den Rauhnächten gibt: "Da reicht es manchmal von einem Dorf in das nächste zu fahren und schon trifft man auf eine andere Tradition. Eine friedliche ist auch noch das Anklopfen der Kinder traditionell am 28. Dezember und eben nicht zu Halloween." Warum der Mensch diese spirituelle Seite in diesen Tagen derart auslebt, erklärt die Professorin mit dem Drang des Menschen, sich nicht in das Unvermeindliche fügen zu wollten.

Wir sind ja immernoch Menschen, die sterben werden. Wir haben heute Versicherungen und Doppelglasfenster und alles Mögliche zu unserem Schutz. Aber es gibt eben die Unsicherheit – und das ist das Leben.

Dorle Dracklé, Ethnologin

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  • Volker Kölling Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Dezember 2022, 19:30 Uhr