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Kann man kranke Kinder in Bremen noch gut versorgen, Herr Trapp?

Kann man kranke Kinder in Bremen noch gut versorgen, Herr Trapp?

Bild: Radio Bremen

Praxen sind überlastet, auf Kinderstationen fehlt Personal: Wie ernst die Lage ist, erklärt der Bremer Kinderarzt Stefan Trapp im Interview mit Felix Krömer.

Kinderärzte bundesweit schlagen Alarm: Medikamente sind knapp, Kliniken und Praxen arbeiten am Anschlag. Bremen ist da keine Ausnahme. Seit über einer Woche beklagen Mediziner in Bremen, ihre Praxen seien überfüllt. Mehrere Infektionswellen treffen gleichzeitig auf Personal- und Medikamentenmangel. Was daraus entstehen kann, musste Moderator Felix Krömer selbst erfahren. Zu Beginn der Sendung erzählt er, wie schwierig sich die Suche nach einem Kinderarzt für die erkrankte Tochter kürzlich gestaltete.

Die Politik hat Hilfe versprochen, doch wie realistisch ist eine Verbesserung der Lage in kurzer Zeit? Und wie besorgniserregend ist die Situation wirklich? Diese und weitere Fragen bespricht Krömer mit dem Vorsitzenden des Bremer Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Stefan Trapp.

1 Wie ernst ist die Lage?

"Eigentlich haben wir fünf nach zwölf", sagt Trapp schon vorweg. "Bei uns ist es voll." Der Mediziner kann die Erfahrung Krömers nachvollziehen. Auch bei ihnen in der Praxis sei es momentan schwer, die Ärzte telefonisch zu erreichen. Er plädiert für Verständnis. Die Mitarbeitenden am Tresen müssten gleichzeitig Patienten empfangen, Telefongespräche führen und die Menschen in der Praxis betreuen.

Viele Leute sind unzufrieden, bemängeln eine schlechte telefonische Erreichbarkeit. Aber sie sind auch unzufrieden, wenn wir nur sitzen und telefonieren und unseren Job nicht machen.

Vorsitzender des Verbandes Kinder- und Jugendärzte in Bremen Stefan Trapp im Studio von buten un binnen.
Stefan Trapp, Vorsitzender des Bremer Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte

Dass man die Kinder in den Praxen aber nicht richtig versorgen kann, davor sollte man keine Angst haben. Welche Sorgen die Mediziner hingegen haben und was dieses Jahr – und diese Winterzeit – von den vorherigen unterscheidet, erklärt er ab Minute 02:58.

2 Wie reagieren die Eltern?

In so einer Lage sind Kinderärzte oft auf die Beschreibungen der Eltern angewiesen, wenn es darum geht zu entscheiden, ob ein Kind unbedingt in die Praxis muss oder eben nicht. Viele Eltern seien aber besorgt und stünden derart unter Druck, dass sie die Symptome ihrer Kinder dramatisieren würden, erzählt Trapp. Einige würden hingegen aggressiv.

"Es gibt ganz, ganz viele verständnisvolle Eltern", sagt Trapp. "Aber es gibt natürlich auch Menschen, die in einer Stresssituation sind und es schlecht aushalten." Manche würden ausfällig oder gar bedrohlich. Ab Minute 06:47 erzählt Trapp über solche Reaktionen und die Auswirkungen auf die medizinischen Teams.

3 Welche Faktoren tragen zu dieser angespannten Lage bei?

"In den letzten drei Jahren der Pandemie haben wir unser Immunsystem nicht trainiert", erklärt der Mediziner. Das Tragen vom Mund-Nasen-Schutz hat dazu geführt, dass der Körper weniger in Kontakt mit Krankheitserregern gekommen ist. Und zwar nicht nur mit dem Coronavirus, sondern auch mit anderen, alltäglichen Viren, die die Atemwege befallen können.

Wir können uns gegen diese Krankheitserreger wehren, brauchen aber diesen Austausch mit Bakterien und Viren. Und der fehlt Erwachsenen, aber vor allem auch Kindern im ersten Lebensjahr.

Vorsitzender des Verbandes Kinder- und Jugendärzte in Bremen Stefan Trapp im Studio von buten un binnen.
Stefan Trapp, Vorsitzender des Bremer Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte

Ja nach Erkrankung und Zustand müssten dann die Kinder in eine Klinik, aber auch dort ist die Lage momentan angespannt. "Wir haben drei schöne Kinderkliniken in Bremen", sagt Trapp, "aber ein Großteil der allgemeinpädiatrischen Betten kann nicht genutzt werden." Woran das liegt und wie die Nebeneffekte der Pandemie sowie der Krieg in der Ukraine sich auf die Versorgung von Kindern und Jugendlichen auswirken, erfährt man ab Minute 14:23.

4 Wie kann man die Lage verbessern?

Die Politik will auf die angespannte Lage reagieren. Mehrere Ideen stehen im Raum: Das Bremer Gesundheitsressort hat kürzlich vorgeschlagen, das geschlossene Kinderimpfzentrum in eine Art Kinderambulanz zu verwandeln. "Ich glaube, ganz wichtig ist, dass wir uns alle zusammensetzen und gemeinsam überlegen", sagt Trapp dazu. Dann könne man sicherlich Konzepte finden, die sich auch kurzfristig umsetzen ließen.

Kritisch bewertet der Kinderarzt den Vorschlag auf Bundesebene, Fachkräfte aus anderen medizinischen Bereichen auf die Kinderstationen zu verlegen. Denn die Betreuung von schwerkranken Kindern etwa auf Kinderintensivstationen erfordert entsprechend spezialisierte Kompetenzen. "Da können Sie niemanden von einer orthopädischen Erwachsenenstation hinstellen mit gutem Willen" und eine Intensivpflege von Kindern erwarten, so Trapp. Außerdem herrsche in der Erwachsenenpflege ebenfalls Fachkräftemangel.

Welche Möglichkeiten sich gerade anbieten und wieso manch ein Vorschlag auf Skepsis stößt, diskutieren Trapp und Moderator Krömer ab Minute 21:25.

5 Wie ernst sind Engpässe bei Medikamenten?

Fiebersäfte und andere Medikamente für Kinder sind momentan knapp. Doch wie gefährlich ist dieser Mangel? Lebensgefährlich sei die Lage nicht, beruhigt Trapp.

Es ist nicht so, dass lebenswichtige Medikamente nicht zu kriegen sind.

Vorsitzender des Verbandes Kinder- und Jugendärzte in Bremen Stefan Trapp im Studio von buten un binnen.
Stefan Trapp, Vorsitzender des Bremer Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte

Allerdings bekomme man seit Monaten einige Arzneimittel nicht oder nur knapp, und das sei problematisch. Der Arzt bemängelt ebenfalls, dass die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Problem noch nicht groß genug ist. "Richtig problematisch finde ich, dass es niemanden in der politischen Verantwortung so richtig zu stören scheint." Eigentlich sollte es bereits einen Aufschrei geben. Was dabei sinnvoll wäre, erklärt Trapp ab Minute 54:35.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. November 2022, 19:30 Uhr