Interview

Bremerin aus Teheran: "Der Iran ist die Hölle für Frauen"

Deutsche protestieren für Mahra Amini

Bremerin aus Teheran: "Der Iran ist die Hölle für Frauen"

Bild: DPA | Sachelle Babbar

Im Iran ist eine Frau in Polizeigewahrsam gestorben. Ihr Tod macht die Bremer Studentin Asadi aus Teheran tief traurig, er überrascht sie aber nicht.

Im Iran herrscht seit dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini Ausnahmezustand. Laut den iranischen Staatsmedien gab es in 15 Städten Proteste, Aktivisten sprechen von mehr als 30 Städten. Die Masse protestiert gegen das Regime – und solidarisiert sich mit Amini. Sie war von der Sittenpolizei festgenommen worden – weil sie gegen die strenge islamische Kleiderordnung verstoßen hatte. Was genau mit Amini bei ihrer Festnahme geschah, ist unklar. Sie starb am Freitag in einem Krankenhaus. Kritiker werfen der Moralpolizei vor, Gewalt angewendet zu haben.

Nazanin Asadi (32), die vor einem Jahr für ihr Studium aus Teheran nach Bremen gezogen ist, ist über Aminis Tod nicht überrascht. Die Sittenpolizei verhafte täglich Frauen, drohe ihnen und vergewaltige sie. Auch Asadi nahmen sie schon fest. Im Interview erzählt sie davon und erklärt, warum sie glaubt, dass Aminis Tod den Iran langfristig verändern könnte.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie von Mahsa Aminis Tod erfahren haben?
Es hat mich sehr traurig gemacht. Ich kann mich seitdem nicht mehr richtig auf meine Arbeit, mein Studium konzentrieren. Ich kann von hier aus so gut wie nichts machen. Ich bin in Sorge und Angst um meine Familie, mein Vater, meine Schwester und ihre Kinder wohnen noch im Iran. Es ist für mich gerade sehr stressig, hier zu sein und nichts für sie tun zu können. Meine Familie und meine Freunde sind in keiner sicheren Situation, viele von ihnen protestieren auch.

Sie werden jetzt Menschen töten und sie wollen nicht, dass die Welt davon Zeuge wird.

Nazanin Asadi
Plakate von Mahsa Amini
Menschen halten Plakate mit Fotos von Mahsa Amini. Bild: DPA | Ying Tang
Was hören Sie aus dem Iran? Wie geht es Ihrer Familie?
Sie sind alle traurig, aber auch wütend. Wütend darüber, was passiert ist. Mahsa ist nur eine von vielen Frauen. Mit meiner Schwester habe ich gestern noch gesprochen, seit heute habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr. Ich habe sie mehrere Male angerufen, aber es klappt nicht. Die Regierung hat das Internet abgeschaltet. Und wenn sie das tun, heißt das, dass etwas Schlimmes, ein Massaker passieren wird. Im Iran ist donnerstags und freitags Wochenende, die Woche startet am Samstag, das heißt, die Regierung braucht das Internet jetzt nicht. Das ist der Grund, warum sie uns davon abschneiden. Sie werden jetzt Menschen töten und sie wollen nicht, dass die Welt davon Zeuge wird.
Amini soll auf der Wache zusammengebrochen sein. Laut Polizei hatte sie einen Herzanfall, andere sagen, sie bekam einen tödlichen Schlag auf den Kopf. Wie haben Sie die Sittenpolizei erlebt?
Wir hören im Iran jeden Tag von Frauen, die von der Sittenpolizei festgenommen werden. Es sind keine Einzelfälle, sondern das passiert täglich. Auch ich bin schon zweimal festgenommen worden. Die nehmen dich fest und zwingen dich, einen Vertrag zu unterschreiben, dass du dich künftig an die Kleiderordnung hältst, die schreiben deine Ausweisnummer und deine Handynummer auf und machen ein Foto von dir. Und wenn du das nicht tust, dann drohen sie dir Vergewaltigungen an und schlagen dich.

Ich glaube, Mahsa ist das Ende der Diktatur.

Nazanin Asadi
Was ist passiert, als Sie festgenommen worden sind?
Das erste Mal war, als ich nach der Regierungswahl, die nur Wahl genannt wird, protestiert hatte. Das war an der Universität. Ich war mit mehreren Studenten zusammen, als die Polizei kam und uns festnahm. Ich war drei Wochen lang im Gefängnis, das war wie eine kleine Polizeiwache, ich konnte nicht raus. Dann ließen sie mich einfach gehen. Das zweite Mal nahm die Sittenpolizei mich fest, weil meine Bluse nicht lang genug war. Sie ging bis an die Knie, muss aber über die Knie gehen. Sie nahmen mich mit und hielten mich vier Stunden lang da fest, ich wollte ihnen meine Handynummer nicht geben. Dann hat mir ein Polizist ins Gesicht geschlagen und einfach mein Handy genommen.
Proteste im Iran
Auf Teherans Straßen ist der Verkehr teils lahmgelegt. In der Hauptstadt wurde Amini festgenommen. Bild: DPA | picture alliance
In vielen Städten im Iran gibt es zurzeit heftige Proteste, sie sollen die größten seit drei Jahren sein, nach offiziellen Angaben sind 17 Menschen getötet worden. Was denken Sie über die Proteste?
Dass so viele Menschen in so vielen Städten protestieren, ist neu. Auch in den kleinen Städten sind viele auf den Straßen. Manche verbrennen Fotos von führenden Regierungspolitikern, die in allen Gebäuden hängen. Manche verbrennen den Hijab vor den Augen der Polizei, auch das ist neu. Wenn du das machst, wirst du definitiv getötet. Das hätten sich viele sonst nicht getraut. Das ist wirklich überraschend. Ich kann es kaum glauben. Ich glaube, Mahsa ist das Ende der Diktatur.

Ich glaube, dass sich jetzt – nach Mahsa – etwas verändert. Die Chance für Veränderung ist jetzt richtig groß.

Nazanin Asadi
Was hoffen Sie für den Iran und seine Bürger?
Ich hoffe, dass das Terror-Regime, das kein von den Iranern gewähltes Parlament ist, von der Welt verschwindet. Wenn es verschwindet, bedeutet es, dass Frieden kommt. Nicht nur im Iran, sondern auch in seinen Nachbarländern. Für Frauen bedeutet es Gleichberechtigung mit den Männern. Gleichberechtigung dreht sich nicht nur um den Hijab, sondern um das Leben von Frauen. Der Iran ist die Hölle für Frauen. Du hast keine Rechte: Wenn du dich von deinem Mann trennst, nimmt er die Kinder, es gibt die Zwangsheirat, vom Erbe erhält der Bruder das Doppelte. Alles ist ungerecht, es ist die pure Ungerechtigkeit für Frauen. Das Regime sieht Frauen nicht als Menschen, sondern als etwas, das Kinder gebärt. Aber ich glaube, dass sich jetzt – nach Mahsa – etwas verändert. Gebildete Männer, vor allem junge, unterstützen Frauen, sie wollen Gleichberechtigung. Die Chance für Veränderung ist jetzt richtig hoch.

Das Interview wurde aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Nachrichten, 22. September 2022, 15 Uhr