Fragen & Antworten

Das ist Greenwashing und so können Bremerinnen und Bremer es erkennen

Fair oder nicht – Erkennen Menschen in Bremen nachhaltige Produkte?

Bild: DPA | Zoonar | Marek Uliasz

Produkte oder Dienstleistungen werden von Unternehmen oft als grüner und nachhaltiger beworben, als sie sind. Wir erklären, wann Bremerinnen und Bremer hier besonders aufpassen sollten.

65 Prozent der Deutschen halten den Umwelt- und Klimaschutz laut Umweltbundesamt für ein sehr wichtiges Thema. Viele Menschen richten ihren Konsum auch dementsprechend aus. Gleichzeitig ist oft nicht klar, dass zahlreiche Unternehmen mit nachhaltigen Produkten werben, obwohl diese gar nicht besonders umweltfreundlich sind.

Was ist Greenwashing?
Wenn Produkte oder Dienstleistungen grüner oder nachhaltiger scheinen, als sie sind, handelt es sich um Greenwashing. "Unternehmen schaden mit ihren Produkten der Umwelt und versuchen gleichzeitig, diese in ein grünes Licht zu rücken", erklärt Peter Gerhardt, Geschäftsführer des Vereins Denkhausbremen, die Image-Methode. Das können Werbeaussagen sein, die scharf an der Wahrheit vorbei gehen oder Gütesiegel, die Verbraucherinnen und Verbraucher verwirren sollen. "Es gibt auch Pseudo-Organisationen, die bestimmte Umweltaussagen zertifizieren oder bescheinigen, aber von der Industrie abhängig sind", sagt der Experte aus Bremen.
Wie lässt sich Greenwashing erkennen?
"Das ist leider nicht so einfach", sagt Sonja Pannenbecker von der Verbraucherzentrale. "Bei Lebensmitteln sollte genau darauf geachtet werden, worauf sich etwas bezieht, wenn es als nachhaltig oder besonders grün beworben wird. Verbraucherinnen und Verbraucher sollten sich kritisch fragen: Ist das wirklich ein Fortschritt?", sagt die Expertin. "Doch um es wirklich zu erkennen, braucht es Experten wie Umweltorganisationen oder die Verbraucherzentrale", meint sie. Somit ist es für Verbraucherinnen und Verbraucher immer mit Aufwand verbunden, um Greenwashing zu erkennen.

Auch Hannah Simon von der Klimaschutzagentur Energiekonsens aus Bremen weiß, dass es nicht leicht ist, Greenwashing zu entlarven. "Es kommt darauf an, was die Unternehmen preisgeben. Manche veröffentlichen Nachhaltigkeitsberichte auf ihren Websites. Wenn man nichts findet, ist es ein Zeichen, dass nicht so viel getan wird in dem Bereich", sagt sie. "Leider gibt es noch keine Logos oder Siegel, auf die man sich verlassen kann." Wem es wichtig ist, bei dem eigenen Konsum auf Klimaschutz zu achten und Produkte von klimafreundlichen Unternehmen zu erwerben, sollte sich in diesem Fall nicht für den Kauf entscheiden, rät Hannah Simon.
Illegal abgeholzter Wald auf Gunung Kemiri, Indonesien, Sumatra
Viele Unternehmen werben mit grünen Slogans, obwohl sie für Rodungen im Regenwald mitverantwortlich sind. Bild: DPA | blickwinkel/Agami/P. Morris
Was sind Beispiele für Greenwashing?
Oft stehe auf Papier aus dem Handel die Werbebotschaft "recyclingfähig", sagt Experte Peter Gerhardt. Doch jedes Papier ist grundsätzlich recyclebar und die Aussage nichts wert. "Viel interessanter wäre, wo das Papier herkommt." Besonders verwerflich findet er auch den Umgang mit Palmöl: "Es gibt einen runden Tisch für nachhaltiges Palmöl", sagt er. Die Gewinnung von Palmöl hänge aber überwiegend mit Regenwald-Rodungen, Menschenrechtsverletzungen und der Zerstörung des Lebensraums von Tieren zusammen. "An diesem Tisch sitzen viele Unternehmen, die ihre Interessen durchsetzen, jedoch kaum Verbände. Es wird als nachhaltiges, verantwortungsvolles Palmöl vermarktet, ist es aber nicht", sagt Gerhardt. Das sei auch bei Soja, Fisch, Holz und neuerdings auch bei Bioenergie, mit Holzpellets aus Raubbau, der Fall.

Es gibt für fast jedes Produkt ein Gütesiegel, was wertlos ist. Leider sind halb wahre Aussagen nicht strafbar.

Peter Gerhardt, Geschäftsführer vom Verein Denkhausbremen.
Peter Gerhardt, Geschäftsführer des Vereins Denkhausbremen

Sonja Pannenbecker von der Verbraucherzentrale Bremen ist durch ihren Job als Referentin für Lebensmittel und Ernährung öfter mit Produkten oder Dienstleistungen konfrontiert, die grüner oder nachhaltiger scheinen, als sie sind. "Im Lebensmittelbereich sehen wir häufig, dass die Verpackung zwar nachhaltiger, aber die CO2-Bilanz des Produktes dadurch nicht besser ist. Aber es wirkt dann eben so", weiß sie. Als Beispiele nennt sie Bambusbecher und Komposttüten: "Bambus wird häufig als umweltfreundliche Alternative für Coffee-to-go-Becher und anderes Geschirr angepriesen. Tatsächlich handelt es sich aber oft nur um Kunststoffe mit Bambusbeimischung. Die können gesundheitsschädlich sein und dürfen zudem gar nicht verkauft werden", erklärt die Referentin der Verbraucherzentrale. Auch spreche bislang wenig dafür, dass Kunststoffe, die als kompostierbar beworben werden, eine gute Alternative sind. "Sie werden nur in wenigen Kompostwerken abgebaut, in den meisten sogar als Störstoff aussortiert", weiß Sonja Pannenbecker.

Woran können sich Verbraucherinnen und Verbraucher halten? Gibt es Grenzen für Unternehmen?
"Viele Begriffe sind nicht geschützt. Jedes Unternehmen nimmt das Wort Nachhaltigkeit inflationär in den Mund, was aber gar nichts aussagt", sagt Peter Gerhardt. Deshalb ist er der Meinung, dass die Politik das regeln müsste. "Es sollten nur Produkte in den Handel kommen, die unbedenklich sind." Aktuell liege es in den Händen der Verbraucherinnen und Verbraucher, obwohl diese oft nicht wüssten, welche Produkte unbedenklich sind.
Bei Bio-Siegeln wie Demeter, Naturland oder Bioland könnten sich die Verbraucherinnen und Verbraucher zumindest darauf verlassen, dass die Produkte tatsächlich unter kontrollierten, ökologischen Bedingungen hergestellt werden. Das sage aber nichts über faire Arbeitsbedingungen aus. Hier sei das Gepa-Siegel ein guter Anhaltspunkt.
Wie viel Wert hat es, wenn sich ein Unternehmen als klimaneutral bezeichnet?
Immer mehr Unternehmen, darunter auch große, werben mit Klimaneutralität. Klingt erst einmal super. Dass sich dahinter aber eine Mogelpackung und somit auch Greenwashing verstecken kann, weiß Hannah Simon von der Klimaschutzagentur Energiekonsens.

Unternehmen gleichen CO2-Emissionen aus, indem sie Zertifikate kaufen, etwa für Aufforstungsprojekte. Dabei ist es viel wichtiger, den Energiebedarf größtmöglich zu senken.

Hannah Simon von der Klimaschutzagentur Energiekonsens aus Bremen.
Hannah Simon, Klimaschutzagentur Energiekonsens Bremen

Die Projekte hätten zwar sinnvolle Ansätze, aber: "Nicht aus allen Bäumen wird etwas. Bis sie ein Level erreichen, wo sie überhaupt CO2 binden, dauert es viele Jahre", sagt Hannah Simon. Die Klimaschutzagentur rät Unternehmen deshalb, erst einmal Energie einzusparen. Gebäude können gedämmt und effizientere Technik eingesetzt werden. "Wenn dann noch CO2 Emissionen übrig sind, ist es ratsam, diese zu kompensieren. Aber die vorherigen Schritte sind deutlich wichtiger, als das reine Kompensieren", sagt die Expertin von der Klimaschutzagentur.

Worauf kann ich achten, wenn mir ein nachhaltiger Konsum wichtig ist?
"Regionale und saisonale Ernährung bewirkt viel, wenn jemand umweltfreundlich leben möchte", sagt Sonja Pannenbecker von der Verbraucherzentrale. Wenn möglich in Bio-Qualität. Auch ein kritischer Fleischkonsum spielt eine wichtige Rolle: Die deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, diesen auf 300 Gramm pro Woche beziehungsweise 15 Kilogramm im Jahr zu reduzieren. Aktuell liegt er durchschnittlich bei 58 Kilogramm pro Person jährlich.

Werbeaussagen sollten kritisch hinterfragt werden.

Porträt von Sonja Pannenbecker
Sonja Pannenbecker, Verbraucherzentrale Bremen

Bei Kleidung oder Bedarfsgegenständen ist das offizielle Siegel "blauer Engel" ein guter Wegweiser, vom Rat für nachhaltige Entwicklung gibt es den nachhaltigen Warenkorb, dort sind alle verlässlichen Siegel aufgeführt. Wichtig sei zudem, auf die Langlebigkeit und den Energieverbrauch von Produkten zu achten. "Viele Produkte sind darauf ausgelegt, dass sie nicht reparabel sind. Oft ist es teurer, sie zu reparieren, als sie neu zu kaufen", sagt Pannenbecker. Repaircafés sind ein Anlaufpunkt, wenn jemand Hilfe bei der Reparatur braucht.

Auch bei Kleidung können Verbraucherinnen und Verbraucher auf Langlebigkeit achten: "Konsumenten können vorher überlegen, ob die Kleidung zu den übrigen Teilen im Kleiderschrank passt und ob das neue Stück auch noch im nächsten Sommer getragen werden kann." Second-Hand-Kleidung oder faire Mode mit offiziellen Siegeln können außerdem eine Alternative sein. Pannenbecker betont, dass es sich nur um einige Beispiele handelt, es könne noch viel mehr getan werden. Auf der Website des Nachhaltigen Warenkorbs gibt es noch mehr Inspiration.

Bremer Verbraucherschützerin: "Bio heißt auch wirklich Bio"

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. September 2022, 19:30 Uhr