Hätten Sie’s gewusst? Das alles in Bremen ist aus Glas

Mitarbeiter der Augenprothetik Lauscha GmbH beim Herstellen einer Augenprothese
Bei der Herstellung von Glasaugen machen sich Ocularisten zunutze, dass sich Glas unter Hitzeeinwirkung präzise formen lässt. Bild: Imago | Imagebroker/Gerhard

Durch Fensterscheiben und Geschirr kennt jeder Glas. Doch es ersetzt auch Augen und Edelsteine und hüllt Gebäude ein. Beispiele aus Bremen, die zeigen, was Glas alles kann.

1 Gläserne Augen

In einem Setzkasten liegt ein Teil der insgesamt 132 Pathologien des historischen Glasaugenarchivs der Augenklinik des Rostocker Universitätsklinikums. (Archivbild)
Das menschliche Auge ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Entsprechend unterschiedlich sehen auch Glasaugen aus, wie unser Foto aus dem Glasaugenarchiv Rostock zeigt. Bild: DPA | Jens Büttner

Prothesen aus Glas? Das ist keine Seltenheit. Seit 1835 wird Glas in Deutschland für künstliche Augen genutzt. Denn mit Glas lassen sich Augen erzeugen, die besonders lebendig erscheinen.

Dazu zeichnen Augenprothetiker wie der Bremer Ocularist Ingo Greiner-Leben zunächst auf einer mundgeblasenen Glaskugel eine Iris nach, fügen feine Adern ein und setzen eine künstliche Pupille ins Zentrum. Anschließend überziehen sie den Rohling mit Kristall. Auf diese Weise entsteht eine Tiefenwirkung, durch die die Prothese täuschend "echt" erscheint. Ganz am Ende schälen die Ocularisten die Prothese aus. Anders gesagt: Sie passen das künstliche Auge der schalenförmigen Augenhöhle des Patienten an. Die alte Prothese, sofern vorhanden, dient ihnen dabei als Referenz. Eine schwierige Arbeit. Entsprechend dauert die Ausbildung zum Ocularisten mit Fachrichtung Glas sieben Jahre.

Schätzungen zufolge benötigen weltweit acht Millionen Menschen Augenprothesen. Allerdings werden diese nicht nur aus Glas, sondern teils auch aus Kunststoff gefertigt. Doch Augenprothesen aus Glas sind insgesamt preiswerter und lassen sich schneller passgenau fertigen als solche aus Kunststoff: innerhalb weniger Stunden. Außerdem halten sie länger. Laut Berufsverband Deutscher Augenprothetiker (BVDA ) liegt die durchschnittliche Tragedauer eines Glasauges bei etwa einem Jahr.

2 Fische, Stiere und Kristalle aus Glas

Ob in Gestalt von Ringen für Finger und Ohren, als Anhänger für die Halskette oder als Ersatz für Edelsteine: Glas ist ein idealer Werkstoff für Schmuck. "Einmalig ist es", sagt gar Irene Borgardt. Und Borgardt muss es wissen: Sie betreibt eine Glasmanufaktur in Bremens Böttcherstraße und im Buntentorsteinweg. Außerdem bietet sie Kurse im Mundblasen an. Glas sei als einziger Werkstoff zugleich transparent, fest und vielseitig einsetzbar, schwärmt sie.

Wie vielseitig Glas einsetzbar ist – das zweigen nicht zuletzt ihre eigenen Werke: Die Palette reicht von dem gläsernen Modell einer Coronakugel über menschliche und tierische Figuren bis hin zu Früchten sowie zu Vasen – die ihre gläsernen Blumen freilich gar nicht bräuchten. Wer seinerseits das Mundblasen lernen möchte, für den hat Borgardt einen einfachen Rat: "Üben, üben, üben."

3 Häuser aus Glas

Das Klimahaus in Bremerhaven
Die gläserne Hülle des Klimahauses in Bremerhaven besteht aus rund 4.700 Glasscheiben. Bild: Imago | Imagebroker/Wilfried Wirth

Gläserne Hochhäuser prägen weltweit das Erscheinungsbild großer Städte, seit einigen Jahren auch immer stärker jene Bremens, wie etwa der Blick in die Überseestadt beweist. Zwei besonders exponierte Bauwerke im Land Bremen stechen diesbezüglich besonders ins Auge: das Weserstadion mit seiner gläsernen Fassade sowie das nahezu vollständig in Glas gehüllte Klimahaus in Bremerhaven.

"Die 10.000 Quadratmeter große Glashülle besteht aus rund 4.700 verschieden geformten Glasscheiben, die auf 125 Metern Länge, 82 Metern Breite und fast 30 Metern Höhe mit nur wenigen Millimetern Toleranz zusammengesetzt wurden", teilt das Klimahaus dazu mit.

Photovoltaik am Weserstadion
Die gläserne Fassade des Bremer Weserstadions schützt eine große Photovoltaik-Anlage. Bild: Imago | Sven Simon

Auch das Weserstadions ist von einer gläsernen Hülle geprägt: Sie schützt eine große Photovoltaik-Anlage. "Die konisch zulaufende, halbtransparente Glasfassade mit PV-integrierten Glasmodulen umgibt das gesamte Stadion in einer Länge von 600 Metern", teilt die Sbp Sonne GmbH dazu mit, die die Anlage im Auftrag der Weser-Stadion GmbH und nach Plänen der Swb gebaut hat. Im Herbst 2019 wurde das Weserstadion mit dem "Deutschen Solarpreis 2019" in der Kategorie Solare Architektur und Stadtentwicklung ausgezeichnet.

4 Glas beim Doktor

So fest Glas auch sein mag: Es kann, wie alle festen Stoffe, zerbrechen. Nicht zwangsläufig aber sind die Scherben ein Fall für den Altglascontainer. Es gibt Spezialisten, die kostbare gläserne Objekte reparieren oder sanieren, darunter der Bremer "Glasdoktor" Jens Banerjee aus Vegesack, eigentlich ein gelernter Möbel- und Modelltischler. Oft habe er mit Kunden zu tun, die etwa von ihren Großeltern Gläser geerbt hatten, welche ihnen dann kaputt gegangen seien: "Dabei kommt es nicht darauf an, ob es hochwertige Gläser sind. Der ideelle Wert ist das, was es dann ausmacht", sagt er über die Motivation seiner Kunden, die Gläser reparieren zu lassen statt sie zu entsorgen.

Um ein Glas zu reparieren, das am Rand angestoßen ist und Bruchstücke verloren hat, schleift Banerjee den kaputten Glasrand mit Wasser ab und poliert die Oberfläche anschließend: "Dann kann man daraus wieder trinken", stellt er fest.

Die Scherben einer zerbrochenen Lampe dagegen fügt Banerjee mit einem speziellen Kleber wieder zusammen. Um die alte Stabilität der Lampe wieder herstellen zu können, verstärkt er die Bruchstelle zusätzlich mit einem Rohr. Wie bei der zerbrochenen Lampe, so ist es generell bei zerbrochenem Glas aufgrund seiner Transparenz unmöglich, die Narben einer Bruchstelle unsichtbar zu machen. Inspiriert von einer japanischen Technik verschönert Banerjee die Bruchstellen daher, indem er sie anstreicht – und so ein neues Unikat aus Glas schafft.

5 Was sich sonst noch über Glas zu wissen lohnt

Glas besteht vor allem aus Rohstoffen wie Kalk, Quarzsand und Soda. Schon die alten Ägypter haben es hergestellt. Glas ist nicht nur schwer, sondern auch hart. Um es zu schneiden, ist ein Werkzeug vonnöten, dass noch härter ist. Die Schneidrädchen in großen Glasereien wie der Bremer Niederlassung von Caleoglas in Woltmershausen werden daher mit Industriediamanten besetzt, wie Betriebsleiter Christoph Lipowski erklärt.

Für die Herstellung von Glas ist sehr viel Energie erforderlich. Denn es wird bei hohen Temperaturen im Ofen geschmolzen. Die Öfen aber benötigen Gas. Und weil die Gaspreise seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine stark gestiegen sind, ist auch Glas zuletzt deutlich teurer geworden. Vielleicht auch deshalb spielt das Recycling von Glas auch in der Industrie eine große Rolle.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. Januar 2023, 19:30 Uhr