Landen die "Corona-Tiere" jetzt wieder in Bremens Tierheimen?

Audio vom 4. Oktober 2021
Zwei junge Hunde in einem Zwinger
Bild: Bremer Tierschutzverein
Bild: Bremer Tierschutzverein

Zum Welttierschutztag werfen wir einen Blick in die Tierheime in Bremen und umzu. Wie dramatisch ist die Situation nach dem Welpen-Hype im Lockdown wirklich?

Während des Lockdowns haben sich viele Menschen ein Tier angeschafft. Das zeigen Statistiken des Industrieverbands für Heimtierbedarf oder auch Neuregistrierungen bei Tasso: Die Tierschutzorganisation beobachtete im ersten Halbjahr 2020 einen Zuwachs von 17 Prozent bei Registrierungen von Katzen und im ersten Halbjahr 2021 waren es nochmal zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor. In der Vergangenheit lag der Zuwachs immer bei etwa vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Leere Tierheime im Lockdown

Dieser Haustier-Hype im Lockdown wurde auch in den Tierheimen sichtbar: "Am Anfang der Pandemie haben wir wirklich sehr sehr gut vermittelt", berichtet Amelie Bensch, Leiterin des Tierheims in Bremerhaven, "zwischenzeitlich waren es nur noch sieben Katzen in der Vermittlung, das hat es in unserer Tierheim-Geschichte noch nie gegeben." Auch Gaby Schwab, Pressesprecherin des Tierheims Bremen, bestätigt, dass Corona für viele "Bewohner" zu einem Glücksfall geworden sei. Scheue Katzen, die sonst meistens übersehen werden, oder ältere Hunde konnten ein Zuhause finden.

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Doch dieser Ansturm auf Haustiere weckte auch Befürchtungen bei vielen Tierschützern: Was, wenn der Lockdown vorbei ist? Wollen die Menschen dann nicht doch wieder in den Urlaub fahren? Haben viele unterschätzt, dass ein Tier Arbeit bedeutet? Und gibt es im schlimmsten Fall völlig überfüllte Tierheime mit meist jungen "Corona-Tieren"?

"Tiere werden aus Überforderung abgegeben"

Um sich auf diese Situation vorzubereiten, hat das Tierheim Bremerhaven beispielsweise die Corona-Zeit genutzt und eine Tollwut-Quarantäne-Station für junge Hunde eingerichtet, die aus Ländern kommen, in denen es noch Tollwut gibt, und noch nicht geimpft wurden.

Wie viele "Corona-Tiere" inzwischen im Tierheim gelandet sind, ist kaum nachzuvollziehen.

Natürlich sagt keiner, dass er sich unbedacht ein Tier im Lockdown angeschafft hat. Was aber auffällt, ist, dass wir immer mehr Leute haben, die Tiere aus Überforderung abgeben. Das kannten wir aus den Jahren zuvor so nicht und ich denke, es ist klar: Das sind die Corona-Tiere.

Blonde Frau, Ende 50, blickt für Portrait in Kamera
Gaby Schwab, Pressesprecherin des Tierheims Bremen

Das Problem sei gewesen, dass sich Familien gerade junge Tiere angeschafft haben, in einer Zeit, in der alle zu Hause waren. "Und plötzlich sind die Kinder wieder in der Schule und die Eltern auf der Arbeit und dann wird eine Katze, die das Alleinsein nicht kennt, unleidlich oder sogar unsauber." Genauso sei es bei Welpen, die nie längere Zeiten ohne Menschen zugebracht haben und wegen geschlossener Hundeschulen oftmals auch keine Grundkommandos kennen würden.

Doch eine Überlastung durch "Corona-Tiere" ist in vielen Tierheimen noch nicht eingetreten. Vor allem die von den Heimen selbst vermittelten Hunde und Katzen wurden nur in Ausnahmefällen wieder zurückgegeben – auch wegen oft strenger Vorkontrollen.

Tierheime in Bremen und Umgebung fast komplett belegt

Trotzdem sind die Tierheime in Bremen und Umgebung voll. Auch wenn es im Moment keine Aufnahmestopps gibt, sind es schwierige Zeiten. Die Gründe dafür sind von Heim zu Heim unterschiedlich: Im Bremer Tierheim wurden beispielsweise viele Hunde aus der Sicherstellung aufgenommen. Also die Tiere, die vom Veterinäramt aus unterschiedlichen Gründen eingezogen werden. Sie dürften wegen laufender Verfahren noch nicht vermittelt werden, sagt Schwab.

Eine grau-weiße Katze
Junge Katzen brauchen oft eine besondere Behandlung im Tierheim. Bild: Bremer Tierschutzverein

Das Tierheim Delmenhorst hat wiederum besonders viele junge Fundkatzen, was oft mit einem erheblichen Aufwand verbunden ist: Denn ohne Mutter müssen die Kätzchen von den Pflegern noch mit der Flasche gefüttert werden. "Wir können uns selbst nicht erklären, warum es gerade so viele sind", sagt Ulrike Büthe vom Tierschutzverein Delmenhorst, "normalerweise ist eher im Frühjahr die Zeit, in der Kitten zu uns kommen."

Ob Fundtiere oder gerettete Katzen und Hunde aus Animal-Hoarding-Fällen, also von süchtigen Tiersammlern: Die Zeiten der leergefegten Tierheime im Lockdown sind vorbei. Mittlerweile stoßen viele Heime wieder an ihre Grenzen. "Wir brauchen ausgebildetes Personal, gute Quarantäne- oder Krankenstationen, Reparaturen stehen an und wir haben zu wenig Leute für alles", so Büthe, "es geht ja nicht nur um ein bisschen Tiere streicheln." So würden sie im Tierheim Delmenhorst beispielsweise keine Exoten aufnehmen können, weil dafür die artgerechten Räumlichkeiten und das spezialisierte Personal fehlen.

Die finanzielle Situation ist ganz schlecht, kommunal werden wir kaum unterstützt und sind immer auf Spenden angewiesen.

Ulrike Büthe, Pressesprecherin Tierschutzverein Delmenhorst

Für konsequenten Tierschutz braucht es die Politik

Ein kleiner schwarzer Hund schaut in die Kamera
Kristy, ein Junghund aus der Ukraine, ist nach einer Sicherstellung im Tierheim Bremen gelandet. Bild: Bremer Tierschutzverein

Hier sei die Politik gefragt. Auch abseits von Finanzierungen brauche es Veränderungen, denn die Missbrauchs-Fälle von Tieren häufen sich: "Wenn wir Missbrauch von Tieren mitbekommen, können wir nicht dort hingehen und sagen: Gebt uns eure Tiere. Wir können das nur an die Behörden weitergeben und bis dann was passiert…", erklärt Büthe vom Tierschutzverein Delmenhorst, "wenn es lange dauert, kann das Tierleben kosten."

Auch Tierheimleiterin Bensch aus Bremerhaven wünscht sich ein konsequentes Durchgreifen seitens der Behörden, außerdem sei das Tierschutzgesetz durch erhebliche Mängel geprägt: "Tierschützer können die Regelungen des Gesetzes vor Gericht wegen unklarer Vorschriften gar nicht durchsetzen." Um die notwendige politische Unterstützung zu erhalten, brauche es allerdings ein Umdenken in den Köpfen von mehr Menschen, meint Tierschützerin Büthe, denn für viele seien Tiere eben immer noch nur Tiere.

Wir brauchen den Grundgedanken: Tiere haben einen Wert.

Ulrike Büthe, Pressesprecherin Tierschutzverein Delmenhorst

Illegaler Welpen-Handel sorgt für Aufnahmestopp im Bremer Tierheim

Video vom 15. Juni 2021
Ein Hund schaut neugierig durch die Gitterstäbe seines Zwingers im Bremer Tierheim
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Laura Lippert Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, 4. Oktober 2021, 08:20 Uhr