Interview

Verkehrspsychologe: Darum werden wir auf der Straße zum Rowdy

Auf der Straße ist es oft alles andere als harmonisch. Und immer sind die anderen Schuld. Ein Bremer Psychologe erklärt, warum es im Verkehr immer aggressiver zugeht.

Viele Menschen gehen an einer Ampel über die Martinistraße am Brill.
Ob Radfahrer, Fußgänger oder Autofahrer: Jeder will an sein Ziel kommen. Das sorgt für Konflikte.

"Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht." Das sagt der erste Paragraph der Straßenverkehrsordnung. Doch oft mangelt es auf der Straße gerade an diesen zwei Dingen. Das hat auch die Befragung der Radio Bremen Meinungsmelder ergeben: "Rücksichtslos", "egoistisch" und "voll" waren die Begriffe, die den Verkehr auf Bremens Straßen laut den Teilnehmern am ehesten beschreiben. Der Bremer Rechtspsychologe und Sprecher des Neuen Zentrums für Psychologie, Dietmar Heubrock, erklärt, warum das Miteinander auf der Straße so schwierig ist.

Rechtspsychologe Dietmar Heubrock gibt ein Interview
Dietmar Heubrock ist Rechtspsychologe an der Uni Bremen.
Herr Heubrock, warum verhalten sich im Verkehr "die anderen" immer so schlimm?
Aus der Helikopterperspektive sieht das immer so aus, als ob das ein super System wäre. Der Verkehr fließt, die Lichter haben schön die gleiche Geschwindigkeit. Aber wenn man unten gelandet ist, sieht das ganz anders aus. Da haben wir tausende Individualisten, die nur eine Sache im Kopf haben, nämlich: Ich möchte ganz, ganz schnell ans Ziel kommen. Und zwar sofort. Und jeder, der dieses Ziel behindert, wird als Gegner empfunden. Dazu kommt vor allem für die Fußgänger und Radfahrer noch: Es ist laut, es wird gehupt, es stinkt. Das heißt wir haben eine Umgebung, die nicht gerade friedvoll ist. Das kommt dann noch stressverstärkend hinzu.
Neigt denn ein bestimmter Typ Mensch besonders dazu, dann aggressiv werden?
Das betrifft generell die Gesellschaft. Wir beobachten ja schon seit einigen Jahren eine zunehmende Individualisierung und Rücksichtslosigkeit in vielen Bereichen. Sei es in der Straßenbahn, dass Schaffner angegriffen werden, oder Angriffe auf Rettungskräfte und Polizisten. Das ist ein Trend, der Zeitgeist hat sich da verändert.
Woher kommt das, dass wir uns im Verkehr nicht immer an die Regeln halten?
Wir verstoßen gegen eine Regel, wir rennen fünf Meter neben dem Zebrastreifen über die Straße oder huschen noch bei dunkelgelb über die Ampel. Und es passiert dann eben nichts. Wir werden dafür belohnt, weil wir wirklich schneller zum Ziel kommen. Und das zweite ist, wir werden für Fehlverhalten nicht bestraft. Es gibt keine Überwachung mit unmittelbaren Folgen, also dass man zum Beispiel ein Knöllchen bekommt oder eine Zurechtweisung. Und damit haben wir zwei Belohnungssysteme, die das Verhalten noch verfestigen.
Was kann man denn gegen diese Aggressivität tun?
Da gibt es zwei Stellschrauben. Einmal die Belohnung, die wir empfinden können, wenn wir etwas entspannter zur Arbeit kommen, weil wir eher aufstehen und relaxter fahren. Oder aber die zweite Stellschraube: Fehlverhalten muss bestraft werden. Das würde das Verhalten auch verändern. Dann gibt es noch das Thema "Einstellung". Einstellungen verändern sich nur dann, wenn ich auch wirklich Verantwortung dafür übernehme, was ich tue, und nicht immer Anderen die Schuld gebe. Und das beobachten wir ja im Straßenverkehr: Der andere war immer der Volltrottel, der mich behindert hat. Da muss ich sehen, dass ich eine Entscheidung getroffen habe, und muss die Verantwortung dafür übernehmen. Dann wird man bewusster damit umgehen.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 30. Januar 2020, 7:10 Uhr