Interview

Suizidprävention: Experte wünscht sich Runden Tisch in Bremen

Über 9.000 Menschen begehen pro Jahr im Bundesgebiet Selbstmord – vor allem junge Menschen. Wie verbreitet ist das Problem in Bremen und was tut die Stadt dagegen?

Eine Frau mit Taschentuch sitzt in einer Therapiesitzung vor einem Psychologen
Suizid ist immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Dabei ist laut Experten wichtig, kritisch und sachlich über das Thema zu berichten. Bild: DPA | Christin Klose

Bereits zum zehnten Mal wird in Bremen die Woche der seelischen Gesundheit organisiert. Zwischen dem 7. und 13. Oktober finden an mehreren Orten in der Stadt Veranstaltungen rund um das psychische Wohlbefinden statt. Dazu gehört auch die Suizidprävention.

Bundesweit geht man von mehr als 9.000 Fällen von Selbstmord pro Jahr aus. Die Dunkelziffer ist laut Experten sicherlich höher. Die Berichterstattung über das Thema ist oft schwierig, denn das Risiko einer Nachahmung ist bei Selbstmord sehr hoch. Uwe Gonther, Psychiater am Ameos Klinikum in Bremen, erklärt im Interview, wie man über den Freitod sprechen sollte und wo Angehörige und Suizidgefährdete Hilfe finden können.

Herr Gonther, wie verbreitet ist das Problem in Bremen?
Die Statistiken vom Statistischen Landesamt Bremen werden meistens erst mit zwei Jahren Verspätung veröffentlicht. Normalerweise liegen Bremen und Bremerhaven immer im Mittelfeld. Es gab mal Beobachtungen, dass es in beiden Städten im Bundesvergleich eine ungewöhnlich hohe Rate von jungen Frauen gibt, die sich das Leben nehmen. Insgesamt ist es jedoch schwer, genaue Zahlen zu nennen. Weil es Fälle geben kann, in denen die genauen Todesumstände nicht geklärt werden konnten oder nicht erkannt wurden. Wir können davon ausgehen, dass wir inzwischen etwa 100 Fälle pro Jahr im Bundesland haben. Etwa eins Prozent der bundesweiten Zahl. Die Dunkelziffer ist aber sicherlich höher.
Was tut die Stadt, um dem entgegenzuwirken?
Es gibt in Bremen einen Zusammenschluss, der allerdings nicht von der Stadt organisiert ist, sondern von Psychotherapeuten und psychiatrischen Kliniken. Der nennt sich "Bündnis gegen Depression". Und es gibt eigentlich auch eine hohe Dichte von Psychotherapeuten und anderen Hilfsangeboten: Telefonseelsorge, Beratungsangebote, Selbsthilfegruppen und den sozialpsychiatrischen Dienst. Jedoch gibt es für Bremen kein gezieltes Suizid-Präventionsprogramm. Es gibt eine Deutsche Gesellschaft zur Suizidprävention, die aber in Bremen nicht so stark verankert ist. Das liegt natürlich auch daran, dass wir nur begrenzte Ressourcen haben.
Ist Suizid noch ein Tabuthema in der Gesellschaft?
Ich denke schon, dass es in der Öffentlichkeit noch ein Tabuthema ist. Am besten wäre es, wenn es in der Stadt so etwas wie einen Runden Tisch zur Suizidprävention gäbe. Hier könnten Psychiater, Psychotherapeuten, Seelsorger und Medien zusammenkommen und sich zum Umgang mit dem Thema beraten.
Sollten die Medien mehr über das Thema berichten oder eher weniger?
Ich glaube, man sollte eher differenziert darüber berichten – und ohne die Tat zu heroisieren. Die größte Gefahr bei Berichten über Suizide ist, dass es Nachahmer gibt. Wenn aber kritisch und aufklärerisch über das Thema berichtet wird, dann gibt es sogar statistische Beobachtungen, dass die Suizidzahlen zurückgehen. Die Medien spielen da eine wichtige Rolle.
Was können Angehörige von Suizidgefährdeten tun?
Ansprechen und mit anderen darüber sprechen, das Problem thematisieren, sich Hilfe holen. Es stimmt auch nicht, dass Menschen, die Selbstmord androhen, es niemals tun würden. Im Gegenteil: Fast alle, die sich töten oder das versuchen, haben davor auch mindestens andeutungsweise darüber gesprochen.
Und für Angehörige, die jemanden dadurch verloren haben, gibt es in Bremen zum Beispiel die Gruppe "Agus – Angehörige um Suizid". Hier können sie mit anderen darüber reden und Unterstützung suchen.

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