Meinungsmelder

Vorbild für Bremen? So fördern Städte Rücksicht im Straßenverkehr

Die Radio Bremen Meinungsmelder ärgern sich im Straßenverkehr am meisten über das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer. Wie kann das Miteinander entspannter werden?

Ein Schild mit den Worten "Share Space" steht an einer Straße
Der Ortskern von Bohmte wurde im Jahr 2008 zum "Shared Space" umgebaut. Bild: DPA | Friso Gentsch

Pöblen, drängeln, rasen: Auf den Straßen im Land Bremen mangelt es laut den Radio Bremen Meinunsgmeldern an Rücksicht. Aber was kann man dagegen tun? Um diese Frage zu beantworten, mag ein Blick über die Landesgrenze hinaus helfen. Denn so unterschiedlich die Städte, so vielfältig sind auch die Ansätze für einen entspannteren Straßenverkehr.

1 Neue Aufteilung der Straße: Ein Raum für Alle

Um alle Verkehrsteilnehmer zu mehr Rücksicht zu bewegen, setzen manche Städte auf drastische Maßnahmen: So wurde in einigen Städten Europas im Rahmen eines EU-Modellprojekts die gesamte Straßenaufteilung umorganisiert. "Shared Spaces" heißt das Konzept und sieht vor, dass die Bereiche für Fahrradfahrer, Fußgänger und Autos zusammengelegt werden – sie teilen sich also den gesamten Straßenbereich.

Auch hier im Norden hat sich eine Gemeinde dem Projekt angeschlossen: Bereits im Jahr 2008 gestaltete die Gemeinde Bohmte im Landkreis Osnabrück ihren Ortskern in ein "Shared Space" um. Seitdem gibt es auf den Straßen dort keine Verkehrsschilder mehr, die Verkehrsteilnehmer gestalten das Miteinander durch Kommunikation und Rücksicht. Und der Plan geht laut einem Bericht aus dem Jahr 2009 auf: Anwohner und Gewerbetreibende zeigten sich bei einer Befragung zufrieden mit dem Konzept.

Auch Verkehrsexperte Carsten-Wilm Müller von der Hochschule Bremen sieht den Ansatz vorwiegend positiv. "Das Prinzip ist, durch Unsicherheit dafür zu sorgen, dass sich die Verkehrsteilnehmer anders bewegen", sagt er. Und das funktioniere auch, da die verschiedenen Teilnehmer durch diese Unsicherheit langsamer fahren und sich durch Blickkontakt und Gestik verständigen.

Das Vorbild für das Konzept war eine Eislaufbahn: Da kann jeder überall fahren. Durch Rücksicht und Interaktion funktioniert es, dass man sich nicht ständig anrempelt.

Carsten-Wilm Müller, Universität Bremen

Aber: "Gerade für Blinde sind solche Bereiche wahnsinnig schwierig", gibt der Experte zu bedenken. Blickkontakt aufzunehmen ist für sie nämlich unmöglich, und auf den einheitlichen Flächen gebe es für Blinde keinerlei Orientierungspunkte. Außerdem sei die Einrichtung einer solchen Zone nur mit einer Ausnahmeregelung möglich, da sie eigentlich nicht mit der Straßenverkehrsordnung vereinbar sei.

2 Autos hier, Fahrräder dort: Jedem seine Straße

Doch wäre nicht auch das genaue Gegenteil der "Shared Spaces" – also die komplette Trennung der verschiedenen Verkehrsarten – eine Lösung? Diesen Ansatz hat die Stadt Almere in den Niederlanden gewählt. Der Vorteil von Alemere: Die Stadt wurde in den 60er und 70er Jahren von Grund auf neu gebaut und somit am Reißbrett entworfen. So konnte die gesamte Infrastruktur von Anfang an entsprechend geplant werden.

Ein Netz aus reinen Fahrradstraßen durchzieht die Stadt, durch zahlreiche Tunnel und Brücken meist ohne Unterbrechungen. Laut der Webseite der Stadt sind es insgesamt 500 Kilometer Radwege, von denen 440 Kilometer völlig getrennt vom Rest des Verkehrs verlaufen. Auch die Busse fahren meist auf ihren eigenen Straßen.

"In Deutschland wäre das aber schwer umzusetzen", sagt Müller. Denn die Trennung erfordere Platz, und um diesen zu erhalten, müsse den Autos einen Teil ihres Raums weggenommen werden. "Das macht die deutsche Mentalität mit ihrer Fokussierung auf das Auto nicht mit", so der Experte.

"Shared Space" und die Trennung der Verkehrsarten sind keine Gegenpole. Alles sollte da angewendet werden, wo es hinpasst.

Carsten-Wilm Müller, Universität Bremen

Die beste Lösung sei seiner Meinung nach eine Kombination verschiedener Ansätze. "Da, wo man die Dominanz des Autos zurückfahren und das Fahrradfahren beschleunigen will – und man den Platz hat – bieten sich getrennte Wege an", sagt Müller. Doch gerade in dicht besiedelten Gebieten, wie zum Beispiel der Bremer Neustadt, wäre ein "Shared Space" sinnvoller.

3 Der klassische Weg: Plakatkampagne für mehr Rücksicht

Ein Container mit dem Spruch einer Verkehrskampagne steht auf einem Parkplatz.
Auch auf Boxen wurden die acht Regeln präsentiert. Bild: Stadt Hamburg

Die Stadt Hamburg wählt für die Entspannung des Straßenverkehrs einen klassischeren Weg: Seit Juli 2019 erinnern Plakate mit jeweils einem von acht Sprüchen an die "goldenen Regeln" auf der Straße. "Wer Rücksicht will, muss Rücksicht nehmen" oder "Immer schön mitdenken. Auch für die Anderen" heißt es so auf etwa 400 Plakaten. Auch in Informationsveranstaltungen und Aktionen wurden die Regeln aufgegriffen.

Das Besondere dabei: Die Sprüche für die Kampagne mit dem Namen "Hamburg gibt Acht!" wurden von der Bevölkerung vorgeschlagen und ausgewählt. So sollten die Hamburger laut einer Sprecherin auf Augenhöhe angesprochen werden.

Ziel der Kampagne 'Hamburg gibt Acht!' ist es nicht, den Hamburgern und Hamburgerinnen eigentliche bekannte Regeln mit erhobenen Zeigefinger zu vermitteln, sondern viel mehr gemeinsam eine Art Verhaltenskodex zu entwickeln.

Gianna Niemeyer, Stadt Hamburg

Ob dieser Plan aufgeht, sei zwar schwer zu messen – aber: Durch die Sichtbarkeit und den Wiedererkennungswert der großen Acht auf den Plakaten hätten große Unternehmen darum gebeten, in die Kampagne einbezogen zu werden. "Diese Kooperationen sehen wir als sehr wertvollen Baustein an", so Gianna Niemeyer von der Stadt Hamburg.

Ingo Biniok von der Verkehrswacht Bremen sieht klassische Plakatkampagnen allerdings kritisch. Denn "in einer Welt, wo wir uns täglich durch eine Flut von Verkehrsschildern und eine Vielzahl von Werbeplakaten/-schildern etc. bewegen müssen" würden Plakataktionen nicht gebührend wahrgenommen. "Eventuell dienen sie dazu,  Verkehrsteilnehmer vom Verkehrsgeschehen abzulenken", gibt der Verkehrsexperte zu denken.

Weitere Informationen:

Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. Januar 2020, 19:30 Uhr