Interview

"Mr. Energiewende" aus Ritterhude kämpft erfolgreich gegen Bürokratie

Video vom 2. September 2021
Ingenieur Holger Laudeley steht hinter einer Photovoltaikanlage.
Bild: Holger Laudeley
Bild: Holger Laudeley

Seit Jahrzehnten setzt sich ein Ingenieur für die Energiewende ein. Und führt einen langen Kampf, Schneisen in den Paragrafen-Dschungel zu schlagen. Mit Erfolg.

"Bürokratie-Therapie" nennt sich ein Projekt der Berliner Werner-Bonhoff-Stiftung. Selbstständige und Unternehmer sollen ihre schlechten Erfahrungen schildern – in der Hoffnung, dass in der Folge bürokratische Hürden abgebaut werden. Einmal im Jahr wird der "Werner-Bonhoff-Preis wider den §§-Dschungel" ausgelobt, ein mit 50.000 Euro dotierter Wirtschaftspreis. Und in diesem Jahr bekommt ihn ein Mann aus Ritterhude, der sich für die Energiewende engagiert: Ingenieur Holger Laudeley.

Sie haben nicht nur diese Auszeichnung bekommen, sondern über die Jahre auch viele Bezeichnungen wie "Photovoltaik-Papst" oder "Mr. Energiewende". Mögen Sie diese Spitznamen?
Ja, "Mister Energiewende" ist gar nicht so schlecht. Das ist so eine Art Markenzeichen.
Warum ist es Ihnen so wichtig, sich für die Energiewende einzusetzen?
Ich will, wenn ich von diesem Planeten und von dieser Welt gehe, was hinterlassen. Die Energiewende ist für uns so extrem wichtig, was den Fortbestand der Menschheit anbelangt, dass wir das schaffen müssen.
Woher kommt Ihr Interesse für die Solarkraft?
Mein Vater kommt aus der Raumfahrt. Und ich habe ihn mal in den 70er-Jahren gefragt: 'Wie macht ihr das da oben im Weltraum eigentlich mit dem Strom?' Mein Vater hat gesagt: 'Wir haben da irgendwie so Solarzellen, Sonnenzellen – und die machen den Strom.' Und das fand ich so faszinierend. Ich sagte: 'Wenn das mit den Satelliten so einfach ist, warum machen wir das nicht auf der Erde?'
Sie waren einer der Ersten, die sogenannte Balkonkraftwerke verkauft haben, also Solaranlagen fürs Geländer, die direkt an eine Steckdose in der Wohnung angeschlossen werden und einen Teil des Stromverbrauchs decken.
Das ist genau 20 Jahre her dieses Jahr. Wir haben uns damals fürchterlich gefeiert bei der Geschichte, das aber auch schnell wieder verworfen und erst mal normale Anlagen gebaut. Aber als wir dann angefangen haben, das medientechnisch aufzuarbeiten, kamen die Widerstände. Letztendlich ist ein Balkonkraftwerk nichts anderes als eine Zählerbremse. Und die zerstört das Geschäftsmodell der Energieversorger. Und das hat zu sehr, sehr vielen Irritationen geführt.
Was waren das für Irritationen?
Die Energieversorger haben erst einmal versucht den Leuten zu erzählen, dass das alles sehr, sehr gefährlich ist und dass ganz viel passieren kann, dass es in der Wohnung zu Explosionen und Verwüstungen kommen kann. Das wurde alles in der Presse so geschrieben und hat dazu geführt, dass unser Produkt fürchterlich diskreditiert wurde. Die Leute haben es teilweise sogar gemieden. Das ist leider so gewesen.
Und was hat dazu geführt, dass Sie sie jetzt wieder verkaufen können?
Das lag daran, weil wir hartnäckig geblieben sind, weil wir uns mit den Energieversorgern und den für die Normen zuständigen Gremien angelegt haben. Bei der deutschen Landeskommission haben wir gesagt, dass die Regeln so geändert werden müssen, dass der Betrieb von solchen Balkonkraftwerken, zumindest was die Richtlinien anbelangt, normal möglich wird. Und das haben wir letztendlich mit Hilfen von anderen tatsächlich hingekriegt. Und dann wurden Balkonkraftwerke so ganz langsam salonfähig.
Für diese jahrelangen Auseinandersetzungen bekommen Sie den "Werner-Bonhoff-Preis wider den §§-Dschungel". Was bedeutet Ihnen das?
Das hat mich selber umgehauen, muss ich ehrlich sagen. Damit habe ich nie gerechnet. Darüber freue ich mich sehr, weil das zeigt, dass der Kampf sich gelohnt hat.
Was wollen Sie jetzt noch erreichen, wie geht es weiter?
Ich möchte, dass dieses Land noch zu meinen Lebzeiten zu 70 bis 80 Prozent komplett CO2-neutral wird. Auch die Industrie. Ich glaube, man kann das in den nächsten zehn bis 15 Jahren schaffen, dass dieses Land auf einem guten Weg in die Zukunft wäre.
Ihr Privat- und Firmengebäude versorgt sich quasi selbst mit Solarstrom. Gibt es in Ihrem Leben etwas, was mit Sicht auf das Klima nicht so gut ist?
Ich fahre noch Motorrad.
Da gibt es auch schon batteriebetriebene…
Ich habe auch schon ein Elektromotorrad. Das macht auch so viel Spaß, dass ich es fast nur noch fahre. Und ich sammele alte Autos – alte, fürchterliche Verbrenner. Tut mir leid! Wobei: Mittlerweile muss ich auch zugeben, dass ich sie nicht mehr gerne fahre, aber ich gucke sie mir gerne an. Und es ist tatsächlich so: Je länger Sie Elektroauto fahren, desto weniger Lust haben sie auf diese Verbrenner, das ist einfach die bessere Wahl.

Autor

  • Sven Weingärtner Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 2. September 2021, 19:30 Uhr