So soll das Goethequartier ein Gründerzeit-Paradies bleiben

Bremerhaven-Lehe gilt als Deutschlands ärmster Stadtteil – und als einer der schönsten. Die Stadt will nun dafür sorgen, dass die Gründerzeit-Substanz erhalten bleibt.

Zwei Steinköpfe an einem Haus
Gründerzeit-Details wie dieses sind an vielen Häusern in Bremerhaven-Lehe zu finden.

"Deutschlands ärmster Stadtteil": Diesen Stempel wird Bremerhaven-Lehe wahrscheinlich so schnell nicht wieder los. Doch viele, die das Quartier besuchen, kommen aus dem Staunen gar nicht mehr raus: Dort stehen, dicht an dicht und in ganzen Straßenzügen, die schönsten Häuser der Stadt. Viele sind aus der Gründerzeit, Architektur-Freunde und Denkmalschützer bekommen da schnell feuchte Augen.

Wenn die Bewohner schwärmen, denken sie aber eher an vergangene Zeiten. Jutta Schmidt steht vor einem großen Altbau-Haus mit dreckiger Fassade. Der Putz bröckelt an den Ecken, die gelben Jalousien im Erdgeschoss hat offenbar schon lange niemand mehr geöffnet. "In diesem Haus war früher ein Gemüseladen, er war auch der Treffpunkt. Hier hat man sich getroffen und mit der Familie gequatscht. Das war richtig gut.", erzählt Schmidt.

Wenn Jutta Schmidt von früher spricht, meint sie Anfang der achtziger Jahre. Seitdem hat sich hier viel verändert. Die Goethestraße selbst hat sich mittlerweile zwar wieder herausgeputzt. Aber sobald man links oder rechts abbiegt, steht ein abrissreifes Haus neben dem anderen.

Viele Gebäude sind in den letzten Jahrzehnten unter die Räder gekommen. Nach dem Zusammenbruch vieler Werften und der Hochseefischerei haben viele hier ihren Job verloren, etliche sind weggezogen. Nach der Wende haben auch die tausenden amerikanischen Soldaten die Stadt verlassen. Plötzlich gab es viele freie Wohnungen in anderen Stadtteilen – in besserem Zustand. Hunderte Wohnungen im Goethequartier wurden damals günstig als Wertanlage an Spekulanten verkauft. Viele der neuen Besitzer haben ihre Wohnungen aber nie saniert. Die Folge sind niedrige Mieten und ein finanziell eher schwaches Millieu.

Neue Satzung soll Bausünden verhindern

Auf Dauer könnte das zum Problem werden – wenn das Viertel nach und nach zerfällt. Darum will die Stadt mit einer Erhaltungssatzung dafür sorgen, dass der Charakter des Gründerzeit-Stadtteils langfristig erhalten bleibt. Das Stadtplanungsamt hat eine "Erhaltungssatzung für das Goethequartier" auf den Weg gebracht. Sie soll für 20 Straßen und rund 600 Gebäude gelten. Damit soll die "Zerstörung von ortsbildprägenden Hausfassaden" künftig verhindert werden. In den letzten Jahren hatte es immer wieder nicht ganz passende "Verschönerungen" in Neonfarben oder mit riesigen Giraffenmotiven gegeben. Auch klobige Wärmedämmungs-Fassaden haben historisches Gemäuer immer wieder hinter sich verschwinden lassen.

Rolf Thörner
Rolf Thörner hat in Lehe schon zwei große Gründerzeithäuser saniert.

Seit Jahren investieren Private und Stadt wieder mehr in das Viertel. Rolf Thörner gehört zu den Investoren, die dem Goethe-Quartier eine Zukunft geben: Er sieht Potenzial, wo andere Schrott sehen. Nach zahlreichen Bauprojekten in Berlin und anderen Städten hat er in Lehe bisher zwei Altbauten aufgemöbelt. Für ihn ist klar, dass er nur im Originalstil saniert: "Weil nur so das Haus seinen Charme hat und weil man nur dann eine Mieter-Klientel begeistern kann, die daran ihren Spaß hat. Für mich sind zum Beispiel Kunststoff-Fenster ein No-Go." Und Angst, dass er wegen der neuen Satzung künftig überall wieder Gründerzeit-Elemente einbauen muss, hat er auch nicht.

Es wird in einer Erhaltungssatzung nie vorgeschrieben, etwas zu erneuern, was schon weg ist.

Investor Rolf Thörner

Bringt die Erneuerung auch höhere Mieten?

Doch nicht alle sehen die Satzung nur positiv. Stadtteilpolitiker Alexander Niedermeier (Piratenpartei) hat Sorgen um die nicht so finanzstarken Alt-Mieter. "Aus wirtschaftlicher Sicht macht das Sinn", sagt er, "weil die Bausubstanz so erhalten wird." Doch aus sozialpolitischer Sicht sei es kritisch, weil der Wohnraum dadurch teurer werde. "Das wird wegen der hohen Armutsquote im Viertel schwierig: Wo sollen die Leute dann wohnen?" Diese Gefahr sieht die Stadt nicht: Es gebe genügend erschwinglichen Wohnraum in Bremerhaven, sagt Bremerhavens Baustadträtin Jeanne-Marie Ehbauer (Grüne).

  • Boris Hellmers
  • Dörthe Schmidt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Februar 2019, 19.30 Uhr