Fragen & Antworten

Festival-Sommer fällt ins Wasser: Deichbrand und Hurricane abgesagt

Das Aus gaben die Veranstalter am Mittwochvormittag bekannt. Die Organisatoren der beiden Festivals planen aber Alternativen – eine davon überrascht.

Deichbrand-Rückblick: Bühne, Festivalbesucher, Atmosphäre
Tanzende Massen vor Festival-Bühnen wird es in diesem Jahr nicht geben. Bild: Radio Bremen | Patrick Schulze

Viele Festival-Fans haben es schon befürchtet, jetzt ist es amtlich: Deichbrand und Hurricane werden in diesem Jahr wegen Corona nicht stattfinden. Und damit sind es nicht die einzigen Festivals, die ausfallen: Zeitgleich kamen auch die Absagen für Rock am Ring, Rock im Park, Southside, "SonneMondSterne" und Greenfield.

Die größten Veranstalter von Open-Air-Festivals haben sich in den vergangenen Monaten zusammengetan und eine "Corona-Task-Force" gegründet, berichtet Marc Engelke, Veranstalter und Gründer des Deichbrand-Festivals, das im Juli in Cuxhaven stattfinden sollte. Er hat mit buten un binnen über die Hintergründe gesprochen und gibt einen Ausblick, auf was sich die Fans trotzdem freuen können.

Ein Mann steht vor einer Mauer.
Marc Engelke hat das Deichbrand-Festival gegründet. Die erste Auflage gab es 2005. Bild: Privat
Warum fiel die Entscheidung jetzt?
Man habe Pläne für viele verschiedene Szenarien geschmiedet, habe sich mit Virologen und Hygiene-Experten ausgetauscht und sei nun zu der Einschätzung gekommen, dass sich die Infektionslage wohl bis zum Sommer nicht deutlich verbessern werde. "Wir mussten uns der Realität stellen", so Engelke. Beim Deichbrand etwa würden 60.000 Menschen aufeinandertreffen, das sei unrealistisch. Er glaubt auch, dass noch mehr Veranstalter absagen werden. Einige haben aber noch Hoffnung: Der Veranstalter der Breminale, Jonte von Döllen, plant aktuell noch für dieses Jahr, bestätigte er buten un binnen.

Da mussten wir nun den Stecker ziehen und mussten uns eingestehen, dass das dieses Jahr, so wie wir uns das vorstellen, nicht funktioniert. Für uns ist es wahnsinnig, wahnsinnig traurig. Aber das ist es auch schon seit Wochen und Monaten und nicht erst seit der Absage.

Marc Engelke, Gründer und Veranstalter des Deichbrand-Festivals

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Warum haben die Veranstalter nicht noch ein paar Wochen abgewartet?
Alle Beteiligten, sowohl die verschiedenen Gewerke, aber auch Partner und Sponsoren, brauchen mehrere Monate Vorlaufzeit. Jetzt im März müssen laut Engelke Verträge in Millionenhöhe geschlossen werden. "Man muss sich jetzt sicher sein, dass die Veranstaltung stattfinden kann." Nicht nur Strom, Wasser und Sanitär müssen beauftragt werden. Schon jetzt müsste er zum Beispiel mit den Landwirten verhandeln, damit die Wiesen im Sommer nutzbar sind und dort nicht meterhoch Mais steht. Außerdem ist es laut Engelke schwierig, noch genügend Personal zu organisieren. Bei seinem Deichbrand-Festival etwa kommen zu den 50 Mitarbeitern, die das ganze Jahr an den Planungen beteiligt sind, im Sommer nochmal bis zu 4.000 Personen dazu. Wenn die verschiedenen Firmen ihre Mitarbeiter jetzt aus der Kurzarbeit holen, müssen sie sicher sein, dass das Festival auch stattfindet. Und auch Polizei, Feuerwehr und Sanitäter müssen jetzt planen.

Auch Sponsoren und Partner wollen Planungssicherheit.

Marc Engelke, Gründer und Veranstalter des Deichbrand-Festivals
Ein Gast pustet Seifenblasen in die Luft
An solche Menschenmassen, wie hier beim Hurricane 2019, ist aktuell nicht zu denken. Bild: Radio Bremen | Patrick Schulze
Hätte man nicht ein geeignetes Hygienekonzept entwickeln können?
Der Aufwand wäre zu groß, sagt Engelke. Abstandsregeln seien schwer umsetzbar. Alleine der Eingangsbereich des Deichbrand-Festivals hätte laut Experten statt 12 ganze 150 Zelte umfassen und damit rund einen Hektar groß sein müssen. Auch ein digitaler Impfpass mache keinen Sinn, da die Impfquote in der Zielgruppe im Sommer wohl noch gering sein wird. Und Konzepte wie eine "Safe-Bubble", wo alle vorher getestet werden, sind laut Engelke nur für kurze Veranstaltungen, aber nicht für mehrtägige Festivals eine Option. Die Besucher des Deichbrands hätten laut Experten alle vier Stunden getestet werden müssen und das sei nicht umsetzbar. Eine Kürzung der Besucherzahl wäre nur im einstelligen Prozentbereich möglich, darüber hinaus sei das Festival nicht mehr rentabel. Ein Alkoholverbot wäre ebenfalls keine Option, da die Verträge mit den Brauereien Teil der Kalkulation sind. Und eine Maskenpflicht über fünf Tage wolle man den Besuchern nicht zumuten.
Gibt es keine Versicherung, die einspringen würde?
Für dieses Jahr gibt es laut Engelke keine Versicherung, die ein Festival gegen Corona absichern würde. Selbst die sonst gängigen Versicherungen gegen Künstlerausfall oder Unwetter gebe es dieses Jahr nicht. Da hätte sich Engelke einen Schutzschirm der Regierung gewünscht. Der von Finanzminister Olaf Scholz (SPD) im Dezember angekündigte Rettungsschirm sei noch zu unkonkret. Im vergangenen Jahr war das Deichbrand-Festival aber tatsächlich gegen eine Pandemie abgesichert. Dass Marc Engelke auf diese Versicherung gesetzt hat, ist einem Vogel, der an der Vogelgrippe erkrankt war, zu verdanken, der vor einigen Jahren auf dem Deichbrand-Gelände gelandet ist – sechs Wochen vor dem Festival. Das Gelände war Quarantäne-Zone und wurde erst ganz knapp vor dem Festival freigegeben.
Deichbrand - Festival at Home
"Deichbrand at home" war eine einmalige Sache, sagt der Veranstalter. Bild: Deichbrand
Wird es Online-Alternativen für Deichbrand und Hurricane geben?
"Deichbrand at home" wie im vergangenen Jahr wird es nicht geben. Die letzte Ausgabe sei nicht zu toppen, sagt Engelke. Er habe mit seinem Team verschiedene andere Ideen abgewogen und man habe sich auf einen Favoriten geeinigt. Viel verraten will er allerdings noch nicht: "Wir planen eine Präsenz-Alternative, über die ich jetzt aber noch nicht mehr sagen kann. Da sind wir noch voll in den Planungen und Abstimmungen mit den Behörden." Allerdings werden laut Engelke nur ganz wenige Festival-Fans dabei sein können und auch da müsse wegen Corona jederzeit mit Änderungen gerechnet werden. "Wir hoffen, dass diese Alternative stattfinden kann", so Engelke. Stephan Thanscheidt, Veranstalter des Hurricane-Festivals, kündigt ein digitales Ersatzprogramm an. Allerdings verrät auch er noch keine Details.

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Was passiert mit den Tickets?
Mehr als 50 Prozent der Deichbrand-Tickets sind schon verkauft, viele davon stammen aus dem Vorjahr. Sie behalten ihre Gültigkeit für 2022 und Engelke hofft, dass viele Festival-Fans ihre Tickets auch behalten, um die Veranstalter und alle daran hängenden Gewerke zu unterstützen. Auch die Karten für das Hurricane behalten ihre Gültigkeit. Ein Umtauschprozess wie im vergangenen Jahr bleibt den Fans erspart.
Was bedeutet die erneute Absage für die Organisatoren?
Beim Deichbrand sind laut Engelke 50 Personen unmittelbar betroffen, die sich das ganze Jahr über um die Organisation des Festivals kümmern. In den Vorjahren konnte der Veranstalter aber einen Puffer aufbauen, sodass das Kurzarbeitergeld auf 95 Prozent des Gehalts aufgestockt werden kann. "Da sind wir in einer glücklichen Lage, einer von wenigen Veranstaltern in Deutschland zu sein, denen das überhaupt möglich war", so Engelke. Bei den vielen beteiligten Gewerken rechnet er jedoch mit einigen Insolvenzen. "Wie viele es davon schaffen, zwei Jahre auszuhalten, das mag ich mir gar nicht vorstellen." Außerdem werde es in der Zukunft schwieriger, geeignetes Personal zu finden. Er habe viele Abwanderungen in Richtung Baubranche beobachtet, etwa bei technischen Leitern und Bühnenbauern. Hurricane-Gründer Folkert Koopmans spricht nicht nur von einer großen finanziellen, sondern auch einer extremen psychische Belastung für das Team.

Wir werden das wirtschaftlich und personell bis 2022 überleben, aber wir sind da wirklich in einer privilegierten Situation mit einem versicherten Festival 2020 und einem Puffer, den wir uns angespart haben. Da kenne ich viele Veranstalter, denen es nicht so geht.

Marc Engelke, Gründer und Veranstalter des Deichbrand-Festivals
Wie geht es weiter?
Die Crew um Marc Engelke hofft, dass die Pandemie im kommenden Jahr überstanden ist und das Festival wie gewohnt stattfinden kann. Er geht davon aus, dass die Headliner wie die Beatsteaks, Nightwish, Steve Aoki, Sido und Capital Bra auch 2022 dabei sein werden. Er hofft dann auf einen großen Run auf die Tickets, weil die Leute so lange keine Live-Musik hören konnten: "Ich kann mir vorstellen, dass es ein richtiger Hype wird." Auch die Hurricane-Crew steckt in den Planungen für das kommende Jahr und will schon bald das Line-Up bekanntgeben. Termine haben die Veranstalter schon festgelegt: Das Hurricane-Festival soll vom 17. bis 19. Juni stattfinden und Deichbrand vom 21. bis 24. Juli.

Kommt einfach zur Veranstaltung 2022 und feiert dann doppelt und dreifach mit uns.

Marc Engelke, Gründer und Veranstalter des Deichbrand-Festivals

Rückblick: Scheeßel ohne Hurricane – was das für den Ort bedeutet

Video vom 11. Juni 2020
Vor dem Eingang zum Festivalgeländes haben sich hunderte Menschen versammelt. Auf Stützfeilern steht das Wort "Hurricane".
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Bremen Vier läuft, 10. März 2021, 11:15 Uhr