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So hoch könnte die Dunkelziffer der Corona-Fälle in Bremen sein

Wie viele Menschen haben sich mit dem Virus tatsächlich angesteckt? Forscher der Uni Göttingen haben jetzt ausgerechnet, wie hoch die Dunkelziffer der Corona-Fälle sein könnte — auch für Bremen.

Eine Menschenmenge in einer Einkaufsstraße, dahinter ist ein Coronavirus zu sehen. (Fotomontage)
Viele Menschen sind mit dem neuen Virus infiziert, ohne es zu wissen. Göttinger Forscher gehen davon aus, dass in Deutschland mehr als 15 Prozent der Infizierten erfasst sind. Bild: Imago | Future Image

Was sagen die Zahlen der Infektionen zur Corona-Epidemie aus? Darüber gehen die Meinungen — auch unter Experten — stark auseinander. Die Zahl der Menschen, die sich nachweislich mit dem Virus angesteckt haben, wird jeden Tag von den Gesundheitsbehörden und auch von uns Medien veröffentlicht. Die Tücken sind bekannt: Inkubationszeit, Meldezeitraum, Ansteckungen ohne Symptome. Gleichzeitig sind diese Zahlen Grundlage für politische Entscheidungen, welche Maßnahmen in der Epidemie ergriffen werden. Forscher der Universität Göttingen halten die Infektionszahlen aber für nicht aussagekräftig genug.

Die Zahlen sind nicht geeignet, um den aktuellen Verlauf der Epidemie zu bewerten, da sie fundamental von der Anzahl und Zielgenauigkeit der durchgeführten Tests abhängen.

Gesundheitswissenschaftler Christian Bommer

Deshalb haben die Gesundheitswissenschaftler Sebastian Vollmer und Christian Bommer eine Studie gemacht, um die Dunkelziffer weltweit, aber auch für Deutschland und die Bundesländer zu ermitteln. In ihrer Hochrechnung kommen sie zu dem Ergebnis, dass in Deutschland mehr als 15 Prozent der Corona-Infektionen entdeckt werden. Gut 85 Prozent bleiben demnach unerkannt. Damit dürfte die tatsächliche Zahl der Corona-Fälle fast sieben Mal so hoch sein wie in den offiziellen Statistiken angegeben.

Dunkelziffer der Corona-Fälle im Land Bremen dürfte bei fast 3.000 liegen

Für Bremen haben die Forscher einen Wert von 17 Prozent errechnet. Sie schränken aber ein, dass dieser statistisch gesehen weniger sicher sei, da Bremen insgesamt eine geringe Fallzahl habe. Sie gehen aber davon aus, dass sich Bremen wahrscheinlich auf dem Niveau von Niedersachsen beziehungsweise Deutschland bewegt.

Was heißt das? Nehmen wir den Wert von mindestens 15 Prozent erkannter Fälle im Land Bremen an, bedeutet sie im Umkehrschluss eine Dunkelziffer von 85 Prozent. Im Land Bremen waren beispielsweise laut offizieller Statistik der Gesundheitsbehörde 442 Menschen (Stand am 8. April 2020) nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Die tatsächliche Zahl der Infizierten dürfte also laut aktueller Göttinger Studie bei 2.917 liegen. Die Dunkelziffer für Niedersachsen beträgt nach dieser Berechnung mehr als 45.000 Infizierte.

Die Göttinger Forscher gehen bei ihrer Berechnung einen anderen Weg. Sie nehmen als Ausgangspunkt nicht die nachgewiesenen Neuinfektionen, sondern die Zahl der Todesfälle, weil sie diese als die statistisch verlässlichere Größe halten. Grundlage für ihre Hochrechnung ist eine Studie in der angesehen Fachzeitschrift "The Lancet Infectious Diseases".

Diese hat Patientendaten von Ausländern ausgewertet, die aus Wuhan (China) zurückgekehrt sind und umfangreich getestet wurden, um die offiziellen Sterberaten in China hinsichtlich unentdeckter Infektionen zu korrigieren. Die sich daraus ergebende Zahl der tödlichen Verläufe haben sie auf Altersgruppen und Bevölkerungsstruktur in den verschiedenen Ländern angepasst. "Wir nutzen diese altersspezifischen Todesraten, um unter Berücksichtigung von Unterschieden in der Altersstruktur die Dunkelziffer an Infektionen in Deutschland und anderen Ländern auszurechnen", erklärt Bommer das Vorgehen.

Bei ihrer Hochrechnung kommen sie zum Ergebnis, dass weltweit nur sechs Prozent der tatsächlich mit dem Coronavirus infizierten Menschen statistisch erfasst werden. Für Italien errechnen die Forscher 3,5 Prozent entdeckte Corona-Fälle, für Spanien 1,7 Prozent. Deutschland steht mit 15,6 Prozent vergleichsweise gut da. Der Unterschied lässt sich unter anderem dadurch erklären, dass in Deutschland sehr viele Tests im Vergleich zu anderen Ländern gemacht werden.

Um den Erfolg der aktuellen Maßnahmen zu bewerten, fordern die Studienmacher, andere Indikatoren stärker zu betrachten. Sie halten es für notwendig, die Auslastung von Krankenhäusern oder die Verdopplungsrate der Todeszahlen im Blick zu haben.

RKI äußert sich nicht zu einzelnen Veröffentlichungen

Das RKI als federführendes Institut in der Corona-Epidemie haben wir unter anderem gefragt: Warum hält das RKI die veröffentlichen Daten zu den Neuinfektionen für aussagekräftig, um den Verlauf der Epidemie zu bewerten? Was sagen Sie zum Angang der Göttinger Forscher?

Die Antwort kam zügig per E-Mail: "Das RKI kann sich zu einzelnen Wissenschaftlern oder Veröffentlichungen generell nicht äußern. Die Fall-Sterbe-Rate ist unsicher, weil sie direkt von der Zahl der Tests abhängt. Wird mehr getestet ist die Rate höher, wird weniger getestet, steigt die Zahl. Das RKI wertet auch verschiedene Datenquellen aus, nicht die reinen Meldedaten."

Es bleibt die Erkenntnis, dass die verfügbaren Zahlen für Nicht-Virologen, Nicht-Statistiker, Nicht-Modellierer eine Orientierung sind und eine Idee davon geben können, wie stark Deutschland von dem Corona-Ausbruch betroffen ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Autor

  • Thorsten Reinhold

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 9. April 2020, 6 Uhr