Geheimnis um mysteriöse Burg in der Nähe von Bremerhaven ist gelüftet

Da gräbt man nichts ahnend ein Loch und findet eine Burg – so passiert in Stotel im Landkreis Cuxhaven. Jetzt ist mehr über den Grafen bekannt, der dort einst lebte.

Blick auf Steine, die im Kreis angeordnet sind.
Ein Schild weist heute auf die Überreste der Burg hin. Sie ist wegen ihrer Bauweise einzigartig in der Region. Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers

Übliche Kartendienste kennen den Weg zur Burgruine von Stotel im Landkreis Cuxhaven nicht. Sie liegt etwas versteckt auf einem Privatgelände. Es geht über einen Hof, vorbei an Pferdeställen und Koppeln. Auf einer Wiese etwas abseits des Hofes sind die Überreste der Burg dann inmitten einer Senke zu erkennen: eine kreisrunde Mauer, etwa einen halben Meter hoch, aus grauen Natursteinen. Den Eingang zieren rote Backsteine.

Der Pferdehof-Besitzer hatte den historischen Schatz vor einigen Jahren zufällig auf seiner Pferdekoppel entdeckt. Über die Ausgrabung wollte das Museum Burg Bederkesa in diesen Tagen in einer Dauerausstellung informieren. Doch Corona kam dazwischen.

Fund war eine Sensation für die Region

Jahrhundertelang war die Ruine im Boden der Lune-Niederung verschüttet – und mit ihr das Wissen um ihre Existenz, denn historische Dokumente schweigen über die Burg. Ihr Fund war darum eine Sensation. Auch, weil sie unter allen 40 Mittelalterburgen der Region die einzige aus Stein ist.

Ein Mann guckt in die Kamera.
Archäologe Andreas Hüser hat ein Buch über die Burg geschrieben. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

"Wir haben im Elbe-Weser-Gebiet eine ganze Reihe von Burgen aus dem Hoch- und Spätmittelalter, die in der Regel als Holz-Erde-Konstruktionen errichtet worden sind. Das heißt, man hat Wallanlagen mit Holzpalisaden gebaut", erklärt Archäologe Andreas Hüser vom Landkreis Cuxhaven. Er hat die Geschichte von Burg Stotel aufgearbeitet und aufgeschrieben. "Steingewordenes Dokument eines sozialen Aufstiegs. Zur Geschichte und Ausgrabung der Burg Stotel" heißt sein Werk.

Das Bedeutende hier an der Burg in Stotel ist, dass wir hier eben nicht eine Wallanlage haben, sondern eine massive Steinmauer.

Andreas Hüser, Archäologe

Graf zeigte seinen Status mit Ziegelsteinen

Diese Burg aus Steinen sollte laut Hüser die gesellschaftliche Stellung der Bewohner verdeutlichen: "Sie müssen sich vorstellen, wir haben zu der Zeit noch keine Ziegeleien, keine Ziegelindustrie. Backstein kennen wir aus dem Kirchenbau schon aus dem 12. Jahrhundert. Das ist natürlich auch ein Repräsentationszeichen."

Eines, das Bauherr Gerbert von Stotel offenbar nötig hatte. Als sogenannter Edelherr und Ministerial des Bremer Bischofs war Gerbert erst 1229 in den Grafen-Stand erhoben worden. Acht Jahre später heiratete er in das Grafenhaus von Oldenburg ein und ließ etwa zu der Zeit die Burg bauen. "Im Vergleich zu anderen Grafschaften eine relativ junge Grafschaft. Und das musste Gerbert eben entsprechend kompensieren, indem er sich hier entsprechend positioniert und repräsentiert hat", sagt Hüser.

Ein Wohnhaus und ein Gebäude mit Feuerstelle konnten die Archäologen in der Burg nachweisen. Hier soll Gerbert mit Frau Salome und den Kindern gelebt haben. Die Burg diente außerdem dazu, den Verkehr auf der Lune zu kontrollieren.

Und dann versank die Burg langsam

Blick auf Steine, die im Kreis angeordnet sind.
Hier ist noch der Eingang zur Burg erkennbar. Bild: Radio Bremen | Sonja Harbers

Doch nach nur wenigen Jahrzehnten zog die Grafenfamilie wieder aus. Der morastige Untergrund hielt dem Gewicht der Steine nicht stand, Turm und Mauer standen gehörig schief. Das ist sogar heute noch erkennbar. "Es ist ja letztlich auch für den Grafen von Stotel etwas peinlich, wenn der eine Burg hat, die im Sumpf versinkt", sagt Hüser. "Und dann gibt man diese Immobilie besser auf und baut sich woanders was Stabiles."

Der Kreisarchäologe geht davon aus, dass die Burg systematisch abgetragen und das Material an anderer Stelle wiederverwendet worden ist. Wann genau das war, ist unklar: "Wir wissen, dass sich Gerbert auch 'Gerbert von Stoltenbroke' genannt hat. Diese Bezeichnung deute ich so, dass es bedeutet 'stattliche oder stolze Burg in der Niederung'. Dieser Titel wird bis ungefähr 1280 verwendet. Das ist vielleicht der Moment, wo die Burg hier tatsächlich aufgegeben wurde."

Baute die Grafenfamilie eine zweite Burg?

Möglicherweise errichtete die Familie auch die zweite Burg, die es in Stotel gibt. Sie ist nur 400 Meter entfernt und ist – man lernt ja dazu – auf einem Wall erbaut worden. Mit der Grafschaft Stotel war es trotzdem nach nur 120 Jahren aus. Der letzte Graf starb kinderlos, seine hoch verschuldete Witwe verkaufte das Herrschaftsgebiet an das Domkapitel Bremen.

Rückblick: Fund im Bremer Stephani-Viertel – Hunderte Skelette aus 7 Jahrhunderten

Video vom 16. November 2020
Ein ausgegrabenes Skelett in der Erde an der Bremer Stephanie Kirche.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Carolin Henkenberens Redakteurin und Autorin
  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Sonntag aus dem Studio Bremerhaven, 21. Februar 2021, 13:40 Uhr