Interview

Bremer Plattform gegen Verschwörungsmythen ausgezeichnet

Autorin und Netzaktivistin Katharina Nocun hat "Wiebkes wirre Welt" gecheckt. Auf der Seite setzen sich Jugendliche spielerisch mit QAnon und anderen Mythen auseinander.

Screenshot von Wiebkes Welt
Dieses Kellerzimmer ist "Wiebkes wirre Welt". Bild: Kubikfoto

Wer wiebkes-wirre-welt. aufruft, landet direkt in Wiebkes Zimmer – und wird zum Geheimagenten. Das Ziel: Wiebke radikalisieren. Die junge Frau sitzt viel an ihrem Computer, hinter ihr auf dem Sofa fläzt sich ein Kumpel mit Smartphone in der Hand.

Jeder Klick im Zimmer führt zu einer Reaktion – und zu einer Veränderung. Nutzerinnen und Nutzer können sich umsehen, Schränke und Schubladen öffnen, Bildschirme und andere Symbole anklicken. Dann öffnen sich Videos mit Expertinnen und Experten, Seiten von Beratungsstellen, Hintergrundinformationen zu den einzelnen Verschwörungserzählungen und vieles mehr. Das Projekt aus Bremen und Stuhr ist ein Mix aus Spielfilm und Online-Game, gerade wurde es mit dem Corona-Sonderpreis des deutschen Digital Awards 2021 ausgezeichnet. Die Seite richtet sich insbesondere an Jugendliche.

Wir haben uns das Angebot mit Katharina Nocun genauer angeschaut. Die Netzaktivistin ist auch Expertin für Verschwörungserzählungen – und ziemlich angetan von der Plattform.

Sie haben sich "Wiebkes wirre Welt" angeschaut. Was ist Ihr erster Eindruck der Seite?
Ich muss sagen, ich bin ziemlich begeistert, weil hier ganz viele unterschiedliche Aspekte zusammenkommen und auf eine einfache Art und Weise erklärt werden, die für das Verständnis des Phänomens Verschwörungserzählungen wichtig sind. Was ich auch sehr schön finde ist, dass klar wird, dass Verschwörungsgläubige nicht irgendwelche abseitigen Menschen sind, sondern dass das auch Freunde sein können. Bei Wiebke im Zimmer sitzt ja ein Freund, der auch immer wieder Widerworte gibt, der Dinge anders sieht. Das hat mir gefallen, dass das nah an der Lebensrealität von Menschen ist.

Wir alle sehnen uns nach Gemeinschaft, nach dem Gefühl, Kontrolle über eine Situation zu haben, einzigartig zu sein. Und Verschwörungserzählungen suggerieren eben, dass sie all diese Bedürfnisse befriedigen können.

Katharina Nocun, Netzaktivistin
Ist das ein geeignetes Mittel, um junge Menschen über Verschwörungsmythen aufzuklären?
Jeder hat ja eine andere Vorliebe, Informationen aufzunehmen. Die einen mögen lieber interaktive Sachen, die anderen lesen lieber ein Buch, wieder andere schauen lieber ein Video. Was ich gut finde an "Wiebkes wirrer Welt" sind die unterschiedlichen Medienformate. Es gibt ein spielerisches Element, es gibt Texte, es gibt Videos – und es gibt auch ganz viele Verlinkungen zu weiterführenden Informationsstellen. Das ist ein guter Start ins Thema und man bekommt viele Tipps, wo man sich selbstständig weiter informieren kann. Das finde ich super.
Das Angebot richtet sich an Schülerinnen und Schüler. Sind denn gerade junge Menschen besonders anfällig für Verschwörungsmythen?
Der Glaube an Verschwörungserzählungen ist ein Phänomen, das sich quer durch die Gesellschaft zieht. Im Zuge der Recherche für unser neues Buch habe ich zuletzt mit der Sekten-Info in NRW gesprochen – und die haben gesagt: Es ist meist nicht so, dass Eltern dort anrufen und sagen: "Mein Kind glaubt an Verschwörungserzählungen – was soll ich tun?" Sondern es sind oft die erwachsenen Kinder, die anrufen und sagen: "Meine Eltern, die im Rentenalter sind, haben online etwas aufgeschnappt, haben sich immer weiter in etwas verrannt und jetzt fühle ich mich hilflos und brauche Unterstützung."

Verschwörungserzählungen sind Teil der Lebensrealität von jungen Menschen. Man stößt früher oder später online darauf, wir alle bekommen die Debatten mit, die gerade um Corona geführt werden, wir alle bekommen die Demonstrationen mit, die es immer wieder gibt in unterschiedlichen Städten – und der ein oder andere hat im Familien- oder Freundeskreis auch jemanden, der vielleicht gerade in das verschwörungsideologische Milieu abdriftet. Von daher finde ich es wichtig, auch für die einzelnen Altersgruppen jeweils einen Zugang zu finden, der sie anspricht – und das ist bei "Wiebkes wirrer Welt" meiner Ansicht nach gut gelungen.
Screenshot von Wiebkes Welt
Dieser rote Notknopf hat Katharina Nocun auch gut gefallen. Wer auf die Symbole klickt, erfährt die wichtigsten Gemeinsamkeiten von Verschwörungserzählungen. Bild: Kubikfoto
Gab es ein Detail, das Ihnen besonders gefallen hat?
Was mich besonders gefreut hat war, dass konkrete Hilfsstellen genannt werden. Dass da auch wirklich diejenigen zu Wort kommen, die schon lange in dem Feld arbeiten und eine große Expertise mitbringen. Und ich denke, das senkt auch die Hürde für Menschen, sich bei diesen Hilfsangeboten zu melden.
In "Wiebkes wirre Welt" geht es um viele verschiedene Verschwörungsmythen und -ideologien, zum Beispiel die neuere QAnon-Bewegung, aber auch die Erzählung von der gefälschten Mondlandung. Wie kommt es, dass sich manche so hartnäckig halten?
Verschwörungserzählungen können schnell einen Sog entwickeln. Das heißt, Menschen, die an eine Verschwörungserzählung glauben – und sich auf entsprechenden Plattformen oder in entsprechenden Messenger-Channels informieren – stoßen sehr schnell auf andere Verschwörungserzählungen. Teil so gut wie jeder Verschwörungserzählung ist eben dieses Narrativ, dass es eine große Verschwörung gibt von Wissenschaft, Medien und Politik – und dass man diesen Quellen entsprechend nicht trauen kann. Das ist auch das Gefährliche an Verschwörungserzählungen: Einige Menschen tauchen immer tiefer in so ein Kaninchenloch ab – und halten infolgedessen immer radikalere Verschwörungserzählungen für plausibel.

Ich habe die Hoffnung, dass wir auch nach der Pandemie anders über das Thema [Verschwörungserzählungen] sprechen werden als davor.

Katharina Nocun, Netzaktivistin
Gerade seit der Pandemie sind Verschwörungsmythen ein Thema. Warum ändert sich das nicht – oder anders gefragt: Wer müsste was mehr tun, damit sie und ihre Anhängerinnen und Anhänger weniger werden?
Das ist ein Phänomen, das gab es schon vor Corona – und es wird auch nach Corona in der Gesellschaft eine Rolle spielen. Was sich aber im Zuge der Debatte des letzten Jahres verändert hat, ist die Art und Weise wie Verschwörungserzählungen wahrgenommen werden. Vor der Pandemie war das eher ein Thema, das unter der Rubrik "humorvoll" oder "skurril" gelaufen ist. Man hat sich über Menschen lustig gemacht, die an Verschwörungserzählungen glauben. Es wurde verbreitet, dieses Menschen seien dumm oder psychisch krank – und wissenschaftliche Studien, die es auch damals schon zum Thema gab, sind gar nicht in eine breite Öffentlichkeit vorgedrungen. Das hat sich im Zuge der Pandemie geändert.

Wir haben jetzt Wissenschaftler, die stark in den Medien präsent sind. Die klären auf, welche psychologischen Mechanismen dahinter stehen, dass das ein Phänomen ist, das quer durch die Gesellschaft geht. Sie erklären auch, dass Verschwörungserzählungen ganz geschickt an psychologische Bedürfnisse andocken können, die wir alle haben. Wir alle sehnen uns nach Gemeinschaft, nach dem Gefühl, Kontrolle über eine Situation zu haben, einzigartig zu sein. Und Verschwörungserzählungen suggerieren eben, dass sie all diese Bedürfnisse befriedigen können. Dieses Wissen ist essentiell, um einen besseren Umgang damit zu finden – privat wie gesellschaftlich. Ich habe die Hoffnung, dass wir auch nach der Pandemie anders über das Thema sprechen werden als davor.

Interview mit Katharina Nocun bei Bremen Zwei

Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 7. Mai 2021, 23:30 Uhr.