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Pflegerin, Professorin, Ärztin: Das sind die Bremer Frauen des Jahres

Sie halten das Land am Laufen und werden dafür ausgezeichnet: Elf Frauen sind die Bremerinnen des Jahres. Wir haben mit vier von ihnen über ihre Arbeit in der Corona-Krise gesprochen.

Frauen
Bild: Radio Bremen | Marissa Kimmel

Systemrelevant: Seit der Pandemie gehört dieses Wort zu unserem Alltag dazu. Gemeint sind damit all diejenigen, die mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass das gesellschaftliche Leben aufrechterhalten wird – auch in Krisenzeiten.

Dazu zählen etwa die Pflegekräfte in den Krankenhäusern, die Verkäuferinnen an den Supermarktkassen oder die Erzieherinnen in den Kitas – und in der Regel sind es Frauen, die in diesen Bereichen arbeiten. Doch obwohl sie für die Gesellschaft so bedeutsam sind, wird ihre Arbeit meist nur wenig gewertschätzt. Schlechte Bezahlung und Personalnotstand sind seit Jahren ein Problem.

Statt besserer Bezahlung nur symbolische Gesten

Durch die Pandemie haben die systemrelevanten Berufsgruppen mehr Aufmerksamkeit und zum Teil auch mehr Wertschätzung erfahren. Pflegekräfte wurden zu Beginn der Pandemie aus offenen Fenstern und von Balkonen beklatscht. Doch am Ende blieb es bei den symbolischen Gesten, verbessert haben sich die Arbeitsbedingungen bislang kaum.

Für den Landesfrauenrat Bremen ist das der Grund, in diesem Jahr nicht nur eine Bremer Frau des Jahres zu wählen, sondern gleich mehrere Frauen auszuzeichnen. "Denn wir wollen die ganze Bandbreite der lebenswichtigen Berufe abbilden", sagt Andrea Buchelt, Vorsitzende des Landesfrauenrates Bremen. Von der Friseurin und Verkäuferin über die Reinigungkraft bis hin zur Hebamme und Rechtsanwältin: Insgesamt elf Frauen gehören in diesem Jahr zu den Preisträgerinnen.

27 Nominierungen, vier kamen von Männern

Ausgewählt wurden sie von einer Jury, die sich zum Großteil aus dem Vorstand des Landesfrauenrats zusammensetzt. 27 Nominierungen habe es in diesem Jahr gegeben, so Buchelt. Jeder Bremer und jede Bremerin konnte eine Kandidatin vorschlagen. "Mich hat besonders gefreut, dass vier Nominierungen von Männern kamen. Das zeigt mir, dass wir mit unserer Wahl mittlerweile ernst genommen werden", sagt die Vorsitzende.

Mit der diesjährigen Ernennung der Bremer Frauen gehe es darum, strukturelle Ungleichheit sichtbar zu machen: "Viele der systemrelevanten Berufe, in denen Frauen arbeiten, werden noch immer der Reproduktionssphäre verordnet, die Arbeitsbedingungen sind deutlich schlechter als in anderen Bereichen", sagt Buchelt.

Dabei hätten gerade durch die Pandemie alle deutlich gespürt, wie wichtig die Arbeit von Frauen, zum Beispiel in den Bereichen Gesundheit und Pflege, ist. "Mit der Wahl wollen wir deshalb auch einen Denkanstoß geben, damit auf politischer Ebene etwas getan wird und sich die Situation für Frauen endlich verbessert", so die Vorsitzende.

Die offizielle Urkundenverleihung für die Preiträgerinnen soll am 8. März, dem Internationalen Frauentag, stattfinden – voraussichtlich in digitaler Form. Vorab stellen wir vier der elf Bremer Frauen des Jahres 2021 vor:

1 Sylvia Offenhäuser, 55 Jahre, Leiterin des Referats "Infektionsepidemiologie" im Bremer Gesundheitsamt

Sylvia Offenhäuser im Porträt
Sylvia Offenhäuser sitzt in Krisenstäben und berät Kliniken und Pflegeinrichtungen in der Corona-Krise. Bild: Privat

Seit 20 Jahren arbeitet Sylvia Offenhäuser im öffentlichen Gesundheitsdienst. Seit 2019 ist sie Referatsleiterin im Bremer Gesundheitsamt und gemeinsam mit ihrem Team zuständig für den Infektionsschutz: "Ich habe schon mehrere Krisen begleitet, aber dass so eine Pandemie auf uns zukommen würde, das habe ich natürlich nicht gedacht", sagt Offenhäuser.

Offenhäuser und ihr Team sitzen in Krisenstäben, sorgen unter anderem dafür, Ausbrüche in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen einzudämmen. Für sie und ihre Kollegen und Kolleginnen sei das vergangene Jahr unglaublich herausfordernd gewesen: "Wir sind an unsere Grenzen gegangen, haben viele Überstunden gemacht, das war sehr kräftezehrend", erzählt die Ärztin. Aber es habe auch viele schöne Momente gegeben.

Dazu gehört für sie die Tatsache, dass sie als Team zusammengewachsen sind, sich gegenseitig unterstützt haben. Und zum Team gehören vor allem viele Frauen. "70 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Gesundheitsdienst sind Frauen", sagt Offenhäuser. "Ich habe hier viele toll ausgebildete Frauen und hatte immer das Gefühl, dass sie und ihre Arbeit gar nicht so richtig sichtbar waren." Durch die Pandemie habe sich das verändert:

Ich habe hier in meinem Team Frauen, die haben vor der Krise eher still und leise vor sich hin gearbeitet, jetzt nehmen sie an Sitzungen und Lagebesprechungen teil, und stehen mehr im Rampenlicht.

Sylvia Offenhäuser, Infektionsexpertin

Viele Kolleginnen seien zuvor in anderen Bereichen tätig gewesen und hätten sich dann – zu Beginn der Pandemie – in das Thema Infektionsschutz reingearbeitet: "Die haben das großartig gemacht, mit so viel Engagement, Anteilnahme und Menschlichkeit", so die Ärztin. Viele von ihnen hätten auch ihre Stunden aufgestockt, weil sie vorher in Teilzeit gearbeitet hätten: "Die haben dann – mal eben so neben dem Beruf – die Kinder groß gezogen und hatten nie die Gelegenheit, ihr Potenzial zu zeigen, wie gut sie sind", so Offenhäuser.

Die Krise habe dabei auch noch einmal gezeigt, wie wichtig die Kraft der Gemeinschaft sei: "Es geht darum, zu netzwerken, sich zu verbünden und gegenseitig zu unterstützen – gerade als Frauen. Ich habe von Beginn an versucht, das Team einzuschwören", sagt Offenhäuser.

Nicht nur für ihre Kolleginnen, auch für sie selbst habe sich im vergangenen Jahr etwas verändert: "So viel Öffentlichkeit wie jetzt gab es sonst nicht in meinem Leben. Durch die Krise habe ich gelernt, mehr fordern zu dürfen." Mit "fordern" meint Offenhäuser: mehr Personal. Denn daran fehlt es bundesweit in den Gesundheitsämtern. "Vorher hat man immer versucht, das irgendwie zu kompensieren. Die Pandemie hat mich selbstbewusster gemacht, mich dazu gebracht, zu sagen, dass das so nicht mehr geht."

Dass sie nun eine der Bremer Frauen des Jahres ist, habe sie überrascht, aber auch sehr gefreut, sagt Offenhäuser. Sie begreife sich dabei aber als Stellvertreterin für die vielen engagierten Frauen, die an der Bekämpfung der Pandemie mitgearbeitet hätten. Und sie verbindet mit der Auszeichnung auch eine Hoffnung: "Dass dadurch die Arbeit dieser Frauen noch sichtbarer wird."

2 Ariane Müller, 66 Jahre, Krankenschwester im Klinikum Bremen-Mitte und Gründerin des Bündnisses für mehr Personal im Krankenhaus

Ariane Müller im Porträt
Ariana Müller arbeitet seit mehr als 30 Jahren im Klinikum Bremen-Mitte. Bild: Jonas Völpel

Seit fast 50 Jahren arbeitet Ariane Müller als Krankenschwester, und fast genauso lange immer nur nachts: "Ich habe mir das mit den Nachtschichten damals selbst so ausgesucht, weil ich nicht diesen Wechsel aus Tag- und Nachtschichten wollte und bis heute macht mir das immer noch Spaß", sagt Müller.

Seit Anfang der 80er Jahre arbeitet sie im Klinikum Bremen-Mitte, fast die gesamte Zeit davon auf der Intensivstation. Dort betreut sie zwar aktuell keine Covid-19-Patienten, da die auf der zweiten Intensivstation des Krankenhauses untergebracht sind, die Auswirkungen der Pandemie spürt sie in ihrem Berufsalltag aber trotzdem: "Zu Beginn der Pandemie mussten wir auf unserer Station zusätzliche Betten für die Nicht-Corona-Patienten aufmachen, damit es auf der anderen Intensivstation genug Platz für die Covid-19-Patienten gab", sagt sie. Das sei eine schwierige Situation gewesen. "Denn schon vor der Pandemie hatten wir wenig Personal."

In den vergangenen Jahren hätten sich die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte immer weiter verschlechtert, sagt Müller.

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben dem Krankenhaus den Rücken gekehrt und arbeiten jetzt woanders, zum Beispiel in der freien Wirtschaft.

Ariane Müller, Krankenschwester

Ein Zustand, den Müller nicht hinnehmen will. Deshalb hat sie das Bremer Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus gegründet. "Für mich ist das auch ein politischer Kampf: Das Gesundheitswesen darf nicht weiterhin wie ein Stück Ware behandelt werden", sagt Müller. Durch die Pandemie sei der Beruf der Pflegekraft in den Fokus gerückt. "Das haben wir im Krankenhaus alle sehr positiv wahrgenommen, auch dass es solche Aktionen, wie das Klatschen gab", so Müller. Aber Applaus alleine reiche nicht aus: "Es muss sich nachhaltig etwas verändern."

Als Preisträgerin sieht sie sich stellvertretend für alle Bremer Krankenschwestern - und hofft, dass ihre Wahl zu einer der Bremer Frauen des Jahres Aufmerksamkeit schafft: "Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Bezahlung", fordert Müller. "Denn ich will, dass die Pflegekräfte, die jetzt in den Beruf starten, auch in 40 Jahren noch Spaß an ihrem Beruf haben."

3 Sonja Bastin, 36 Jahre, Sozialwissenschaftlerin am Forschungszentrum "Ungleichheit und Sozialpolitik" der Universität Bremen

Sonja Bastin im Porträt
Seit sechs Jahren forscht und lehrt Sonja Bastin an der Universität Bremen. Bild: Alexander Heil

Als Sozialwissenschaftlerin beschäftigt Sonja Bastin auch das Thema Sorgearbeit. Damit ist die Kinderbetreuung oder Altenpflege, aber auch die familiäre Unterstützung und häusliche Pflege gemeint, die zum Großteil von Frauen geleitest wird. "Die Pandemie hat noch einmal deutlich gemacht, wie fundamental wichtig Sorgearbeit ist. Sie ist die Basis von allem", sagt Bastin. Doch noch immer werde sie nicht wertgeschätzt und sei unterbezahlt, so die Wissenschaftlerin.

In der Wahl der Bremer Frauen des Jahres sieht sie die Möglichkeit, dieses Problem sichtbar zu machen: "Denn so, wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben." Gut und wichtig sei es, dass in diesem Jahr mehrere Frauen ausgezeichnet würden, so Bastin: "Das zeigt ja auch noch einmal, dass die fehlende Wertschätzung eine ganze Bandbreite an Bereichen betrifft und nicht nur einen einzelnen Berufszweig."

Über die Auszeichnung habe sie sich sehr gefreut, sagt Bastin. "Weil das auch bedeutet, dass meine Arbeit zum Thema Sorgearbeit gesehen und wahrgenommen wird." In ihrem beruflichen Alltag falle ihr immer wieder auf, dass Menschen Sorgearbeit allein mit Privatheit assoziieren würden. "Dass es da auch um eine ökonomische Relevanz geht, wird meist nicht gesehen", sagt die Sozialwissenschaftlerin. Die Wahl der Bremer Frauen des Jahres sei aber auch noch in anderer Hinsicht wichtig:

Die Auszeichnung bringt Frauen zusammen und sie schafft das Bewusstsein dafür, dass es bei allen die gleichen Strukturen sind, die für die geringe Wertschätzung verantwortlich sind.

Sonja Bastin, Sozialwissenschaftlerin

Bastin plädiert daher für die Vernetzung von Frauen untereinander, zum Beispiel im Rahmen der Equal Care Day Initiative, die sich für die gerechte Bezahlung von Sorgearbeit einsetzt: "Wir sind viele. Das zu wissen, macht wirkmächtig."

4 Andrea Alsguth, 53 Jahre, Hygienefachkraft am Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide

Andrea Alsguth im Porträt
Andrea Alsguth ist für das Hygienekonzept im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide zuständig. Bild: Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide

Vor mehr als 30 Jahren kam Andrea Alsguth ans Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide: "Ich wollte eigentlich erst studieren, aber dann habe ich mich in den Pflegeberuf verliebt", erzählt sie. Und bis heute fände sie ihren Job toll. Viele Jahre arbeitete Alsguth auf der Intensivstation, dann entschloss sie sich zu einer Weiterbildung als Hygienefachkraft und ist seitdem für die Desinfektionspläne im Krankenhaus, für Schulungen und Patientenberatungen verantwortlich. "Das Tolle an dem Beruf ist, dass ich engen Kontakt zu allen Berufsgruppen in der Klinik habe: vom Chefarzt bis zur Pflegekraft, und natürlich auch zu den Patienten", erzählt Alsguth.

Als Hygienefachkraft liegt ein herausforderndes Jahr hinter ihr: "Wir alle kannten das Virus ja zunächst nicht. Das heißt, wir mussten erst einmal alles in Frage stellen, alle Schritte neu überdenken und Strukturen schaffen, damit Patienten und Mitarbeiter geschützt sind."

Eine Phase der Unsicherheit sei das gewesen, so die Pflegerin. Die sie gemeinsam im Team gemeistert hätten. Der Einsatz dafür sei von allen sehr groß gewesen. "Es ging darum, das Haus vor dem Virus zu schützen." Dabei sei es ihr immer wichtig gewesen, die Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen: "Wenn es Fragen zur Schutzausrüstung gab, bin ich auch abends noch mal ins Krankenhaus gefahren, um mir die anzusehen", sagt Alsguth.

Von der Auszeichnung als eine der Bremer Frauen des Jahres fühle sie sich sehr geehrt, so die Pflegerin. Und möchte sie stellvertretend für alle Frauen annehmen, die in diesem Beruf arbeiten.

Der Preis stellt noch einmal heraus, dass Frauen in systemrelevanten Berufen Herausragendes leisten.

Andrea Alsguth, Hygienefachkraft

Das sei eine Wertschätzung, die da stattfindet, ist die Pflegerin überzeugt.

Sie persönlich erfahre die aber bereits von ihrem Arbeitgeber und auch in ihrem privaten Umfeld. "Und das nicht erst seit Corona." Dennoch habe sie das Gefühl, dass die Arbeit der Pflegekräfte in der Gesellschaft insgesamt durch die Pandemie sichtbarer geworden sei. Doch die Frage sei, für wie lange: "Ich habe Angst, dass das wieder einschläft", sagt Alsguth.

Bremer Klima-Aktivistin Frederike Oberheim ist "Frau For Future 2020"

Video vom 8. März 2020
Die Klimaaktivistin Frederike Oberheim steht in der Oberen Rathaushalle des Bremer Rathauses.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catherine Wenk Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins,