Interview

Erdbeben nahe Bremen: Wie es dazu kommen konnte

Erdbeben der Stärke 3,6 erschreckt Anwohner in Syke bei Bremen

Bild: Nonstopnews

Die Bewohner im Landkreis Diepholz haben am Montagmittag einen Schreck bekommen: Plötzlich bebte die Erde. Grund war wohl die Erdgasförderung. Aber warum?

Ein Erdbeben der Stärke 3,6 hat am Montag viele Bewohner im Landkreis Diepholz aufgerüttelt. Auch in Bremen war das Beben spürbar. Das Epizentrum lag etwa drei Kilometer südlich von Syke. Niemand wurde verletzt, leichte Schäden an Gebäuden seien allerdings entstanden, heißt es vom zuständigen Landesamt.

Die Ursache liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit im Erdgasfeld "Klosterseelte/Kirchseelte/Ortholz", das von dem Energieunternehmen ExxonMobil betrieben wird. Stefan Wittke, Sprecher des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) Niedersachen erklärt die Hintergründe.

Inwiefern hängt das Erdbeben in Syke mit der Erdgasförderung in Niedersachsen zusammen?

In Niedersachen kommt es in unseren Erdgasgebieten immer mal wieder zu Erdbeben – zum Glück nur zu leichten. Es ist so, dass aus dem tiefen Untergrund Erdgas entnommen wird, und das verändert vereinfacht gesagt die Statik dort unten, es muss sich wieder zurecht ruckeln. Und manchmal ist es dann so heftig, dass man es sogar an der Erdoberfläche spürt. Das war nun in Syke der Fall.

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Stefan Wittke ist Sprecher beim LBEG. Bild: Radio Bremen

Werden die Erdbeben denn mehr?

Wir registrieren die Erdbeben schon seit zehn, 15 Jahren etwa. Das hängt damit zusammen, dass die Erdgasförderung schon seit Jahrzehnten läuft. Das Feld um das es geht hier bei Syke, ist Mitte der 80er-Jahre in Betrieb genommen worden, und je mehr man dort unten herausholt, desto eher kann es passieren, dass es sich zurecht ruckeln muss. Wir hatten einen Anstieg bis zum Jahr 2019, was solche Ereignisse angeht, seitdem geht es wieder etwas zurück.

Die Leute kriegen einen mächtigen Schreck, aber Gottlob ist es in Niedersachsen bisher noch nicht zu schweren Schäden gekommen, auch dieses Mal nicht. Wir haben auch keine Befürchtungen, dass sich das ändern wird.

Stefan Wittke, Sprecher des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) Niedersachen

Ist es denkbar, dass die Erdgasförderung in Niedersachsen verboten wird, wenn es häufiger zu solchen Vorfällen kommt?

Die Erdgasförderung ist etwas, was ohnehin wegen der Klimaziele der Bundesregierung zu Ende gehen wird. Wir stellen fest, dass die Fördermenge in Niedersachsen seit vielen Jahren rückläufig ist. Vor 20 Jahren haben wir immerhin noch 20 Prozent des Bedarfs in ganz Deutschland aus Niedersächsischen Vorkommen gedeckt – inzwischen sind wir bei unter fünf Prozent.

Dass jetzt ein Verbot ausgesprochen werden müsste wegen Erdbebengefahr, sehen wir derzeit nicht, denn schwere Ereignisse sind bisher ausgeblieben. Und davon gehen wir auch in Zukunft aus. Ein Verbot jetzt und Ad hoc wäre auch nicht mit sofortigen Effekten verbunden. Denn aus den Feldern wird ja seit vielen Jahrzehnten gefördert. Wenn man vor einem Jahr die Förderung gestoppt hätte, hätte das ein solches Ereignis wie am Montag nicht unbedingt verhindert. Im Moment ist das Erdgasfeld übrigens gar nicht aktiv.

Luftansicht auf die Gegend bei Syke, Blick auf die Ergasförderung.
Das Erdgasfeld bei Syke war wahrschenlich Auslöser des Erdbebens. Bild: Radio Bremen

Wer kommt für die Schäden auf, die bei dem Erdbeben entstanden sind?

Das Erdgas-Unternehmen selbst muss für die Schäden aufkommen, sofern welche gemeldet werden. Wir befinden uns im Bergrecht, das greift im Ruhrgebiet genauso, wenn es dort zu Erdfällen und Erdsenkungen kommt und Gebäude beschädigt werden.

Wir als Behörde legen einen Kreis um das Epizentrum des Erdbebens fest, das als sogenannter Einwirkungsbereich gilt. Wenn jemand innerhalb dieses Bereiches wohnt und einen Schaden zu beklagen hat, kann die Person sich an das Unternehmen wenden.

In diesen Fällen gilt übrigens: Die geschädigte Person muss nicht beweisen, dass sie einen Schaden davongetragen hat. Es ist umgekehrt so – das Bergbauunternehmen müsste das Gegenteil beweisen.

Stefan Wittke, Sprecher des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) Niedersachen

Muss ein Land oder eine Stadt denn einfach hinnehmen, dass wegen Erdgasförderung immer öfter die Erde bebt und Schäden zustande kommen können?

Die Erdbebengefahr ist weltweit eine Folge von Erdgasförderung. Das ist eine Situation, die seit Jahren entstanden und gewachsen ist. In Niedersachsen haben wir reagiert und haben den niedersächsischen Erdbebendienst gegründet, obwohl wir hier eigentlich kein Erdbebengebiet sind. Aber gerade wegen solcher menschlich herbeigeführten Erdbeben, beobachten wir das sehr genau und schauen, ob Konsequenzen gezogen werden müssen. Die Erdgasförderung wird zurückgehen und in einigen Jahrzehnten in Niedersachsen auch enden.

Im Video erklärt: So kam es wohl zum Erdbeben nahe Bremen

Bild: dpa | Cigdem Simsek

Das Interview führte Emil Stock für buten un binnen. Verschriftlicht von Patricia Friedek.

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  • Autor/in
    Emil Stock

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. März 2024, 19:30 Uhr