Diese Bremer Zeitschrift kämpft für Akzeptanz psychischer Erkrankungen

Diese Bremer Zeitschrift will psychische Erkrankungen sichtbar machen

Bild: Radio Bremen | Anna-Lena Borchert

Seelische Probleme haben viele Redaktionsmitglieder bei "Zwielicht". Die Arbeit hilft ihnen, ins Gleichgewicht zu kommen. Autorin Anna-Lena Borchert hat die Redaktion besucht.

Redaktionshund Amy liegt entspannt in ihrem Körbchen. Um sie herum klackern die Tastaturen, fünf Autorinnen und Autoren schreiben an Artikeln für die nächste Ausgabe. Ab und zu kommt Redaktionsleiter Dirk Wahlers vorbei, um Amy den Kopf zu kraulen. Die Hündin liegt zu Füßen ihres Frauchens Mariana Volz, die seit acht Jahren für "Zwielicht" schreibt. Jetzt feiert die inklusive Zeitschrift ihr zehnjähriges Bestehen.

"Das war am Anfang für mich undenkbar, hier zu arbeiten", erzählt Volz. "Ich hatte mit Depressionen und anderen Themenfeldern zu kämpfen und hatte anfangs immer wieder Panikattacken." Heute leitet die 35-Jährige die Redaktion der inklusiven Zeitschrift gemeinsam mit Dirk Wahlers vom Arbeiter-Samariter-Bund.

Arbeit gibt neues Selbstbewusstsein

Ein Stapel mit verschiedenen Ausgaben der Zeitschrift Zwielicht
Die Zeitschrift "Zwielicht" wird von Menschen gemacht, die Erfahrung mit psychischen Erkrankungen haben. Bild: Radio Bremen | Anna-Lena Borchert

"Anfangs konnte ich nur zwei Stunden arbeiten – jetzt schaffe ich gut sechs“, sagt sie stolz. Die Tagesstruktur hätte ihre Seele wieder ins Gleichgewicht gebracht. Mit dem Job verdient sie Geld. Das seien "Säulen", die helfen, gesünder zu werden. So wie ihr geht es vielen der 18 festen Redaktionsmitglieder. Ihre Lebensläufe ähneln sich. Viele haben Depressionen oder andere psychische Erkrankungen, konnten nicht mehr arbeiten und gewinnen in diesem Arbeitsförderprojekt wieder Selbstbewusstsein.

Die meisten, die hier arbeiten, sind in Maßnahmen beschäftigt: Maßnahmen vom Jobcenter, vom Fachdienst Teilhabe, über Werkstattplätze oder haben geförderte sozialversicherungspflichtige Arbeitsverträge, die vom Jobcenter und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanziert werden.

Volker Althoff hat den Beruf des Journalisten gelernt, musste dann aber mit Burnout aus dem Berufsleben aussteigen. "Ohne Arbeit – das wirft einen zurück“, erzählt der 46-Jährige, "man wir noch depressiver und da stand ich kurz davor, mein Leben zu beenden". Dann hat er recherchiert, diese Zeitschrift im Internet gefunden und seitdem arbeitet der Frührentner an Artikeln – ohne den Zeitdruck in einer tagesaktuellen Redaktion.

"Seelische Vielfalt sichtbar machen" – ihr Motto steht am Zaun der Villa Wisch in Hemelingen, wo die Zeitschrift entsteht. Ihre Themen: Viele Informationen, persönliche Erfahrungsberichte bis hin zu Interviews mit bekannten Menschen wie Werder-Stadionsprecher Christian Stoll, der offen über seine Depression erzählt.

Wir versuchen es nicht als Defizit zu sehen. Wir sagen nicht: Du bist krank oder du bist krank. Leute haben einfach verschiedene Sichtweisen.

Redaktionsleiter Dirk Wahlers
Einer der Redaktionsmitglieder arbeitet an seinem Computer
Die Redaktion gibt den Mitarbeitern die Möglichkeit in ihrem Tempo zu arbeiten Bild: Radio Bremen | Anna-Lena Borchert

Seit zehn Jahren gibt es dieses Magazin jetzt. Von einem dünnen Informationsblatt hat sich "Zwielicht" hin zu einer Auflage von 2.500 Exemplaren entwickelt, die kostenlos an Kliniken, Tagesstätten und Kulturzentren verteilt werden. Seit einigen Jahren gibt es auch eine Online-Version. Oft bekommt die Redaktion Leserbriefe oder E-Mails, in denen sich Leserinnen und Leser be ihnen bedanken.

Darüber freuen sich Mariana Volz und die anderen. Sie wollen anderen Halt geben, haben gleichzeitig aber auch Halt bei der Zeitschrift gefunden. "Hier fühle ich mich sicher", erklärt Volz.

Ich kann sagen: Leute, ich habe eine Panikattacke. Ich muss weg. Ich brauche keine Angst haben. Jeder hier weiß, was eine Panikattacke ist. Ich habe sogar das Gefühl, dass ich jetzt selbstverständlicher damit umgehen und es auch vor anderen Leuten sagen kann. Denn hier habe ich gelernt: Es wird angenommen, es passiert nichts Schlimmes.

Redaktionsleiterin Mariana Volz

Zum 10. Geburtstag gibt es gar keine großen Wünsche. Sie haben bereits ein Gartenfest gefeiert. Die Redaktion hofft nur, dass sie ihre Auflage bald erhöhen können.

Bremer Gesundheitspsychologin: "Bei manchen sind die Batterien leer"

Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Anna-Lena Borchert Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. November 2022, 19:30 Uhr