Nach 81 Jahren: Familie in Brake erhält von Nazis geraubtes Armband

Thomas Franz hält das Armband vorsichtig in seiner Hand, Joachim Franz und Yvonne Franz sitzen neben ihm
Enkel Joachim Franz, Urenkel Thomas Franz und seine Frau Yvonne Franz nahmen das Armband von Johann Franz 81 Jahre nach dem Raub durch die Nazis in Empfang.

Familie aus Brake erhält von den Nazis geraubtes Armband zurück

Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Johann Franz war von den Nazis nach Auschwitz deportiert worden. 81 Jahre später haben sein Enkel und Urenkel das Armband zurückbekommen, was er damals bei sich trug.

Joachim, Thomas und Yvonne Franz sitzen um einen Tisch mit Kaffee und Kuchen. Die Familie aus Brake hat ungewöhnlichen Besuch. Charlotte Großmann aus der nordhessischen Stadt Bad Arolsen ist angereist. Sie ist Projektleiterin bei den "Arolsen Archives", dem weltweit größten Archiv über die Opfer und Überlebenden des Nationalsozialismus.

Das breite, goldfarbene Metallarmband ist besetzt mit weißen Steinen.
Dieses Armband trug Johann Franz bei seiner Deportation nach Auschwitz 1941 bei sich. Bild: Arolsen Archives

Das Archiv sucht gemeinsam mit Freiwilligen weltweit nach Besitzern von persönlichen Gegenständen wie Brillen, Uhren, Fotos oder Schmuck, die die Nazis ihren Opfern bei der Inhaftierung abnahmen. 640 Familien in Europa und der ganzen Welt sind bereits gefunden worden. Und nun hat die Spur auch nach Brake geführt.

"Und, das ist nun dieses Armband", sagt Großmann und reicht eine Schachtel über den Tisch. Darin: ein breites Metallarmband, goldfarben, besetzt mit weißen Steinchen. "Das war das Armband, das Johann bei seiner Inhaftierung in Auschwitz bei sich getragen hat", erklärt Großmann.

Ein komisches Gefühl

Der Artist und Schausteller Johann Franz, der 1908 im heutigen Bydgoszcz (Polen) geboren wurde und mit seiner Frau Ida in den 1920er und 1930er-Jahren in Ostpreußen lebte, ist am 1. September 1941 von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert worden. Bei seiner Ankunft ist ihm, wie allen anderen Verfolgten, jeglicher Besitz abgenommen worden. Johann Franz überlebte die Nazi-Gräuel zwar – doch das Armband sah er nie wieder.

Nun, 81 Jahre später, hält Enkel Joachim Franz das Armband seines mittlerweile verstorbenen Großvaters in der Hand. Ein komisches Gefühl, sagt er. "Auf einmal hast du von deinem Opa so ein Armband in der Hand. Das ist ein bisschen komisch."

Auch für Thomas Franz, den Urenkel, ist es seine seltsame Situation. Er kannte seinen Urgroßvater nicht mehr. Thomas Franz‘ Ehefrau Yvonne ist sichtlich gerührt. "Wenn dieses Armband sprechen könnte…", sagt sie und ringt nach Worten. "Was da für Sachen… also, das kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen."

Familie Franz als Sinti von den Nazis verfolgt

Kaum vorstellbar sind die Verbrechen, die die Nationalsozialisten und ihre Helfer an anderen Menschen begangen haben. Mehr als eine Million Menschen haben sie allein im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Viele von ihnen waren Juden, aber auch Homosexuelle, politisch Andersdenkende oder Angehörige der Minderheit der Sinti und Roma wurden getötet.

Die Häftlingskarte von Johann Franz in Kopie liegt auf dem Tisch
Die "Arolsen Archives" haben viele Originaldokumente, auch die Häftlingskarte von Johann Franz aus Neuengamme. Die erhält die Familie nun in Kopie. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Auch Familie Franz wurde von den Nationalsozialisten verfolgt, weil sie Sinti waren. Johann Franz wurde von den Nazis als "asozial“ eingruppiert, sagt Charlotte Großmann mit Verweis auf Originalunterlagen, die sie in Kopie mitgebracht und auf dem Tisch ausgebreitet hat. Aufgabe der "Arolsen Archives" ist auch die Recherche von Opfergeschichten, online steht dazu ein umfangreiches kostenfreies Portal zur Verfügung.

Großmann und ihre Kollegen haben herausgefunden: Auch Ida Franz und die neun Kinder waren ab 1944 in Auschwitz, im sogenannten "Zigeunerfamilienlager". Einem Ort, der geprägt war von Hunger, Mangel und Tod. Von 22.000 Menschen in dem Lager hätten 19.000 nicht überlebt, sagt Großmann.

Kampf der Sinti und Roma um Anerkennung als Holocaust-Opfer

Sinti und Roma mussten lange um ihre Anerkennung als Opfer des Holocausts kämpfen, berichtet die Historikerin. Dies sei der Bürgerbewegung und ihren engagierten Mitgliedern zu verdanken. Erst 2015 beschloss das Europäische Parlament einen jährlichen europäischen Holocaust-Gedenktag für sie – am 2. August.

Aus Familie Franz überlebten nur Vater Johann, Tochter Frieda und Sohn Oskar. Ein weiterer älterer Bruder, Josef, war genau wie Frieda und Oskar zur Zwangsarbeit in ein anderes KZ verschleppt worden, von ihm verliert sich die Spur jedoch. Oskar lebte bis zu seinem Tod 2016 in Brake. An ihn sind die Erinnerungen der Familie noch sehr lebendig. Er habe gerne Musik gemacht, erzählt Joachim Franz, Oskars Sohn. Doch über die Zeit im Konzentrationslager habe der Vater wenig erzählt. „Da wollte er gar nicht drüber sprechen“. Das habe er seinen Kindern nicht antun wollen.

Sieben Kinder und Frau Ida von Nazis ermordet

Als Charlotte Großmann die Namen der sieben getöteten Franz-Geschwister vorliest, sind die Nachfahren überrascht. Einige der Namen haben sie noch nie gehört.

Charlotte Großmann (rechts) zeigt der Familie mitgebrachte Unterlagen.
Charlotte Großmann von den "Arolsen Archives" (rechts) zeigt der Familie mitgebrachte Unterlagen. Bild: Radio Bremen | Caorlin Henkenberens

Dass das Armband von Johann nun in ihren Händen liegt, hängt auch mit der perfiden Bürokratie der Nationalsozialisten zusammen. Die packten geraubte Gegenstände in Umschläge und beschrifteten sie mit dem Namen und der Häftlingsnummer des Besitzers, erklärt Großmann. Als Johann Franz – wahrscheinlich im März 1943 – von Auschwitz zur Zwangsarbeit ins KZ Neuengamme in Hamburg verlegt wurde, schickten ihm die Nazis den Umschlag sogar hinterher.

Armband im Umschlag auf einer Kegelbahn gefunden

In Neuengamme sei das Armband in einen neuen Umschlag mit der neuen Häftlingsnummer gepackt worden. Und weil das Armband nach Kriegsende im Originalumschlag gefunden wurde, konnte es Johann Franz sicher zugeordnet werden. „Wir kennen vielleicht diese Bilder von den Brillen oder den Schuhen oder Koffern aus Ausschwitz“, verdeutlicht Großmann. Diese Gegenstände, die in der Gedenkstätte für Besucher zu sehen sind, könnten der Besitzerin oder dem Besitzer nicht mehr zugeordnet werden.

Den Umschlag mit dem Armband  fanden die Briten auf der Kegelbahn einer Gaststätte in Schleswig-Holstein, erzählt Charlotte Großmann.

Als das Lager Neuengamme in den letzten Kriegstagen im Frühsommer 45 aufgelöst wurde, die Häftlinge auf Todesmärsche geschickt wurden, hat der Lagerverwalter einen Unterscharfführer gebeten, diese Gegenstände wegzuschaffen. Und der hat einige Kisten mitgenommen in seinen Heimatort in Lunden in Schleswig-Holstein und der hat die Gegenstände dort auf der Kegelbahn einer Gaststätte aufbewahrt.

Charlotte Großmann, Projektleiterin bei den "Arolsen Archives"

Die Suche nach den Nachfahren dauerte – auch wegen des häufigen Namens. Es gebe viele Unterlagen zu Menschen mit dem Namen „Franz“, sagt Großmann. Oft seien jedoch die Verwandtschaftsverhältnisse unklar. Nach Brake führte die Spur durch den Wiedergutmachungsantrag von Oskar Franz. Doch erst nach einer Anfrage bei der Stadt fanden die Rechercheure heraus, dass es sich bei ihm um den Sohn von Johann handelt.

Für Joachim, Thomas und Yvonne Franz sind an diesem Tag viele Informationen neu. Für sie ist das Armband aus das einzige, was der Familie aus der Zeit vor der Verfolgung geblieben ist.

Autorin

  • Carolin Henkenberens Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 2. August 2022, 9.40 Uhr.