Interview

Warum manche Beleidigungen erlaubt sind – und andere nicht

Ein Autofahrer zeigt seinen Mittelfinger einem anderen Verkehrsteilnehmer aus dem Fenster seines Autos. (gestellte Szene)

Warum manche Beleidigungen erlaubt sind und andere nicht

Bild: Imago | Photothek

Bremen-Eins-Moderator Andreas Schnur wollte wissen: Ist es in Ordnung, ab und an mal jemanden zu beschimpfen? Das passiert doch jedem einmal. Ein Sprachwissenschaftler klärt auf.

Geben Sie es zu, wir machen es alle doch alle immer mal wieder. Spätestens wenn uns zum Beispiel ein anderer Autofahrer die Parklücke vor der Nase wegschnappt – dann fluchen und beleidigen viele von uns, was das Zeug hält. Aber sind diese Beleidigungen in Ordnung, wenn sie außer uns sonst niemand hört?

Bremen-Eins-Moderator Jens-Uwe Krause hat Professor Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der Freien Universität in Berlin, gefragt, was erlaubt ist und was nicht.

Herr Stefanowitsch, gibt es Beleidigungen, die in Ordnung sind?
Das ist eine persönliche Frage. Ich muss natürlich überlegen: Möchte ich jemand sein, der andere Leute beleidigt? Ich glaube, wenn man im Auto oder in den eigenen vier Wänden einfach mal Dampf ablassen muss, dann wird wohl keiner von uns sagen können, wir hätten es noch nie gemacht. Wie man mit seinen Mitmenschen umgeht, hängt natürlich auch von den Mitmenschen a – aber natürlich auch von mir. Grundsätzlich denke ich, dass es Situationen gibt, wo es nachvollziehbar und verständlich ist, wenn die netten Worte sozusagen aufgebraucht sind und ich jetzt zu etwas härterem greifen muss.
Es gibt ja eine ganzes Füllhorn an Beleidigungen, wie Schwachmat, Kackbratze oder auch Behindi. Gibt es Beleidigungen, von denen Sie sagen würden, die gehen gar nicht?
Ja, das sind gute Beispiele dafür, wie man es nicht machen sollte. Wenn ich eine Person beleidigen will, dann muss es mir ja um diese Person gehen. Die hat mich geärgert oder mir Unrecht getan, zumindest empfinde ich das so, und der möchte ich jetzt die Leviten lesen. Dabei muss ich jetzt aber aufpassen, dass ich nicht unbeteiligte Gruppen, die mir nie etwas getan haben, mitbeleidige. Und das tue ich ja natürlich genau mit so einem Wort wie Behindi. Da bezeichne ich eine Person als behindert, um auszudrücken, dass ich mich über sie ärgere. Das heißt, ich stelle die Menschen mit Behinderung als schlecht dar und als etwas, was ich verwenden kann, um Nicht-Behinderte zu beleidigen. Und damit beleidige ich dann nicht nur die Person, die ich beleidigen wollte, sondern ich beleidige diese ganze große Gruppe – die mir erstens nichts getan hat und die zweitens es wahrscheinlich auch nicht schätzt, wenn ich ihre Lebensrealität nehme und die benutze, um trivial mal jemanden eins vor den Latz zu knallen.

Ich glaube, pauschal kann man nicht sagen, dass Beleidigungen etwas sind, wofür man sich schämen sollte, wenn einem mal der Geduldsfaden reißt und man der Person, die einen ärgert, dies wissen lässt."

Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler
Beleidigungen haben aber doch sicher auch etwas Gutes. Oder nach dem Motto: Lieber Dampf ablassen, als ein Magengeschwür bekommen.
Das ist glaube ich eine individuelle Frage. Es fühlt sich zumindest oft so an, als würde es uns helfen, Dampf abzulassen und allgemein unserem Ärger Luft zu machen. Ob es in Form von Beleidigungen ist oder Fluchen oder irgendwelchen Schimpftiraden. Aus psychologischer Sicht würde man sagen, das Dampf ablassen hat auch Risiken. Natürlich mache ich mir in dem Moment nochmal bewusst, wie sehr ich mich gerade ärgere. Insofern kann es manchmal auch gut sein, den Ärger einfach herunterzuschlucken und sich zu sagen: "Ich begebe mich jetzt in eine innere, friedliche Stimmung. Dann bleibt mein eigener Blutdruck auch niedriger und ich habe weniger Risiko, selber vor Ärger einen Herzinfarkt zu riskieren." Ich glaube, pauschal kann man nicht sagen, dass Beleidigungen etwas sind, wofür man sich schämen sollte, wenn einem mal der Geduldsfaden reißt und man der Person, die einen ärgert, dies wissen lässt.

Autor

  • Andreas Schnur Moderator

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 12. November 2022, 07:14 Uhr