Ein haarsträubender Justizirrtum – Der Mordfall Carmen Kampa

Collage mit Zeitungsausschnitten Mordfall Kampa, Podcast-Hosts und Schriftzug Mord Nordwest

Ein haarsträubender Justizirrtum – Der Mordfall Carmen Kampa

Bild: Radio Bremen | Josefine Gotzes, Grafik: Christina Loock, Sabina Weinrich

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Eine 17-Jährige wird vergewaltigt und ermordet. Ein Unschuldiger wird für die Tat verurteilt. Der wahre Täter wird nach über vierzig Jahren ermittelt.

Fotos von Carmen Kampa
Der Mord an Carmen Kampa blieb über 40 Jahre lang ungeklärt. Bild: Radio Bremen

In der Nacht zum 2. Mai 1971 wird die 17-jährige Schuhverkäuferin Carmen Kampa in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Bremen-Oslebshausen umgebracht. Es gibt Augenzeugen. Aber die sitzen in einem Zug, der nur ganz kurz am Bahnhof hält und dann weiterfährt. Die Polizei wird alarmiert, aber die findet am Tatort niemanden und nichts Verdächtiges. Carmen Kampas Leiche wird erst drei Tage später auf einem Brachgrundstück in unmittelbarer Nähe des entdeckt. Sie ist vergewaltigt und gewürgt worden; außerdem hat der Täter vier Mal mit einem Messer auf sein Opfer eingestochen und dabei auch das Herz getroffen.

Prozess gegen Unschuldigen

Polizeifoto von Otto Becker: Er wurde als mutmaßlicher Täter für den Mord an Carmen Kampa verhaftet.
Otto Becker wurde für den Mord an Carmen Kampa verurteilt – zu Unrecht. Bild: Polizei Bremen

Erst zwei Jahre später verhaftet die Polizei einen vermeintlichen Täter: den alkoholsüchtigen Bauarbeiter Otto Becker. Die Indizien gegen ihn sind schwach, zudem ist der Verdächtige homosexuell. Dennoch wird Becker vor Gericht gestellt und als Mörder verurteilt. Sein Verteidiger Heinrich Hannover legt wegen eines Verfahrensfehlers erfolgreich Revision ein.

Und dann stellt sich raus, dass dem Gericht im ersten Verfahren eine sogenannte Spurenakte nicht vorgelegt worden ist, in der es um einen Mann geht, der mindestens so tatverdächtig ist wie Otto Becker. Becker wird am Ende freigesprochen. Die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft gerät in die Kritik. Das erste Urteil gegen Becker ist der schlimmste Justizirrtum der Bremer Nachkriegszeit. Und die Verfehlungen hören nicht auf: 1990 lässt ein gedankenloser Staatsanwalt die Beweismittel in Sachen Carmen Kampa vernichten, unter anderem auch ihre Kleidung, an der DNA-Spuren des Mörders hätten gesichert werden können.

Neue Ermittlungen

Zehn Jahre später kümmert der Kriminalbeamte Axel Petermann sich noch mal um die Sache und schreibt kriminaltechnische und gerichtsmedizinische Laboratorien an, die mal mit der Untersuchung von Beweismitteln beauftragt waren. Er hofft, dass da vielleicht irgendwo noch eine am Opfer gesicherte Spur liegen geblieben und deshalb der Vernichtung entgangen ist. Und er wird fündig. Beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden finden sich an Carmen Kampas Leiche gefundene Haare, die da seinerzeit mit Haaren von Verdächtigen verglichen worden waren – beim damaligen Stand der forensischen Wissenschaft ohne brauchbares Ergebnis. Und erste neue Untersuchungen bringen auch keins.

Wachmann schon 1971 unter Tatverdacht

Erst im Jahr 2011 kommt es zum Durchbruch, als Staatsanwalt Uwe Picard einen neuen Anlauf startet: Ein Cold-Case-Team nimmt sich den Fall Carmen Kampa noch einmal vor, bewertet die Akten neu und befragt noch einmal Zeugen. Und Staatsanwalt und Polizisten sind sich einig: Der am schwersten Verdächtige ist der Wachmann Hermann R.. Der war schon 1971 als schwer verdächtig betrachtet worden, unter anderem, weil eines seiner Taschentücher am Tatort gefunden worden war. Aber die Indizien reichten damals nicht. Jetzt aber ändert R.s frühere Ehefrau ihre damalige Aussage und belastet R. schwer. Und es stellt sich raus: Eines der an Carmen Kampas Leiche gesicherten und beim Bundeskriminalamt wiedergefundenen Haare stammt mit einiger Wahrscheinlichkeit von Hermann R.. Die Ermittler sind sicher: Hermann R. hat Carmen Kampa ermordet. Aber er kann nicht mehr vor Gericht gestellt werden. Er ist 2003 gestorben.

Autoren

  • Dirk Blumenthal Autor
  • Jochen Grabler Redakteur und Autor