Interview

Bremer Weitsprung-Weltmeister Schäfer: "Flieg' jetzt einfach"

Bremer Para-Star Schäfer fliegt zu WM-Gold – samt Weltrekord

Bild: Imago | Mika Volkmann

Leon Schäfer bot bei der Para-WM in Paris die ganz große Show: WM-Gold samt Weltrekord. Wie er die Nerven behalten hat und was ihn beflügelt, erzählt er dem Sportblitz.

Am Montagabend bei der Para-WM war Showtime für Leon Schäfer. Der gebürtige Bremer liebt die großen Auftritte, kommt mit schwarzem Kopftuch und lässigen Moves daher wie ein cooler Rapper. Paris war an diesem Abend seine Bühne.

Und der 26-Jährige, dem mit 13 Jahren der rechte Unterschenkel samt Knie amputiert werden musste, hat es der ganzen Welt mal wieder gezeigt: Mit 7,25 Meter verbesserte er im Weitsprung seinen eigenen Weltrekord um einen Zentimeter. Und dabei wäre er nach zwei Fehlversuchen fast ausgeschieden.

Wie er seine Nerven behalten hat, was ihn zum neuen Weltrekord beflügelte und warum er am nächsten Montag nochmal Gold holen will, erzählt Schäfer im Interview mit dem Sportblitz.

Para-Athlet Leon Schäfer mit martialischer Siegergeste nach seinem Weltrekord im Weitsprung.
Liebt die Show: Der 26-jährige Bremer Leon Schäfer. Bild: Imago | Beautiful Sports

Leon Schäfer, herzlichen Glückwunsch zum neuen Weltrekord und zu WM-Gold. Wie kurz war Ihre Nacht?

Dankeschön, das war schon eine wilde Sache gestern. Nach dem Wettkampf war viel los, viele Anfragen. Heute Morgen habe ich mich extra früh um 6:30 Uhr wecken lassen, weil ich ein Interview mit dem Morgenmagazin um 8:30 Uhr hatte. Früh ist eigentlich nichts für mich. Ich habe erst um vier Uhr geschlafen, also zweieinhalb Stunden Schlaf waren drin. Aber es ist schön.

Ich bin auf jeden Fall sehr happy. Aber noch braucht das Ganze ein bisschen, um richtig anzukommen. Ich denke, wenn ich heute Mittag bei der Siegerehrung meine Medaille umgehängt bekomme, wird das alles noch greifbarer.

Sie sind 2019 bereits Weitsprung-Weltmeister geworden. Was bedeutet Ihnen dieser zweite Titel?

Der hat eine Riesen-Bedeutung für mich, definitiv. Mir ging es wirklich in erster Linie darum, mir selbst zu zeigen, dass ich wieder da bin. Ich wusste, ich habe es drauf, ich habe es in mir. In den letzten Jahren war mein Niveau schon relativ gut. Ich wurde durch Verletzungen aber immer wieder ein bisschen zurückgeworfen. An sich habe ich schon 2020, als ich den Weltrekord von 7,24 Metern aufgestellt habe, gezeigt, dass ich dieses Niveau habe. Aber das jetzt zu bestätigen, ist einfach das Beste für mich.

Para-Weitspringer Leon Schäfer ganz lässig bei einem Sprung in der Luft mit schwarzer Sonnenbrille und schwarzer Mütze.
Cooler Typ: Weitsprung-Weltmeister Leon Schäfer. Bild: Imago | Beautiful Sports

Der Wettkampf war nichts für schwache Nerven. Sie sind mit zwei Fehlversuchen gestartet. Nicht zum ersten Mal...

Ja, das habe ich mir auch nicht so ausgemalt mit den dritten Versuchen. Ich war während des ganzen Wettkampfes aber eigentlich relativ entspannt, weil ich mir meiner Qualität bewusst bin, dass ich gegen Ende des Wettkampfes daherkomme und da meine Stärken habe. Mein Coach war deutlich nervöser als ich.

Wie haben Sie auf die heikle Situation reagiert?

Wir sind dann zur Sicherheit ein deutliches Stück zurückgegangen und ich habe ein bisschen von meinem Druck im Anlauf rausgenommen, damit ich definitiv vor dem Brett abspringe. Und dann hatte ich eine 6,52 Meter Weite und bin erstmal weitergekommen. Das hat gereicht und mir wieder Sicherheit gegeben.

Para-Weitspringer Leon Schäfer mit einer tiefen Verbeugung ans Publikum nach seinem WM-Titel samt Weltrekord.
Tiefer Dank ans Publikum und seine Familie auf der Tribüne in Paris von Leon Schäfer. Bild: Imago | Mika Volkmann

Ganz nach Wunsch lief es danach aber auch noch nicht. Sie haben es spannend gemacht.

Mein vierter Versuch war eine Weite von 6,95 Meter. Das war auch eher ein Sicherheitssprung, mit dem ich auf Platz zwei lag. Das war okay, aber auch noch nicht das, was ich draufhabe. Im fünften Versuch wollte ich wieder einen drauflegen, aber der war wieder ungültig, weil ich zuviel wollte. Dann sind wir nochmal ein ordentliches Stück zurückgegangen und ich habe einfach komplett draufgehauen. Der war es. Ich habe 100 Prozent daran geglaubt. Ich wusste, ich werde das noch irgendwie schaukeln.

Was hat am Ende den Ausschlag gegeben?

Ich denke, es war meine Familie. Meine ganze Familie war da, das hat mich beflügelt. Ich habe zu ihnen hochgeschaut vor dem letzten Sprung und gedacht: 'Flieg' jetzt einfach.'

Para-Athlet Leon Schäfer mit viellem Einsatz bei einem Weitsprung-Versuch bei der WM.
Machte es spannend: Leon Schäfer holte erst im 6. Versuch den WM-Titel samt Weltrekord. Bild: Imago | Mika Volkmann

Fühlt sich dieser WM-Titel noch besser an als der erste?

Auf jeden Fall. 2019 war es in Dubai, da ist Para-Sport nicht bekannt und es waren eigentlich nur die Teams im Stadion. Jetzt war deutlich mehr Publikum da und meine ganze Familie. Es war jetzt definitiv nochmal schöner.

Sie haben bei dieser Para-WM noch eine weitere Herausforderung vor sich – den 100-Meter-Lauf.

Ja, die Staffeln laufen bei uns dieses Mal die etwas jüngeren. Aber ich laufe am nächsten Montag die 100 Meter. Es ist direkt das Finale, es gibt keinen Vorlauf wie sonst. Das ist eine andere Situation, damit muss man klarkommen. Und der, der bei dem einen Rennen direkt 100 Prozent performen kann, wird das Ding machen. Ich werde mich die kommenden Tage jetzt darauf einstellen. Es ist ungewohnt, aber ich bin aktuell so schnell wie noch nie. Und wenn ich meinen Start, der bislang meine Schwäche war, in den Griff bekomme und er einigermaßen klappt, gewinne ich das Ding.

(Das Interview führte Pascale Ciesla, aufgezeichnet von Petra Philippsen.)

Mehr zum Thema:

  • Weltrekord beim Weitsprung in Bremen

    Drei Springer wollten den Weltrekord in ihren paralympischen Schadensklassen. Der Grieche Stelios Malakopoulos hat es geschafft, der Bremer Leon Schäfer nicht.

Autorin

  • Pascale Ciesla
    Pascale Ciesla

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 11. Juli 2023, 18:06 Uhr