Verlässt Turntalent Bremen? Schönmaier vor schwieriger Entscheidung

Bild: Imago | Schreyer

Die 17-Jährige gehört zum Nationalkader, obwohl sie nicht an einem Bundesstützpunkt trainiert. Außergewöhnlich, aber vielleicht bald vorbei. Von einer erfolgreichen aber schwierigen Zeit.

Bei Karina Schönmaier aus Bremen-Huchting reihen sich die Erfolge nur so aneinander: Bronze im Sprung bei ihrem ersten internationalen Wettkampf im Frühjahr, Silber am Sprung bei der Deutschen Meisterschaft, dann die Aufnahme in den Nationalkader im Juli und vergangenes Wochenende der Sieg bei der 1. WM-Qualifikation im Rahmen der Bundesliga. 51,35 Punkte hat sie an den vier Geräten geturnt – persönliche Bestleistung. "Es war einfach unbeschreiblich. Ich hatte mega Schiss, dass mein Wettkampf nicht so gut klappt, weil meine Vorbereitung davor nicht so gut war. Aber ich bin trotz dessen super stolz und happy, dass ich das so gut hinbekommen habe und zum ersten Mal auch über 50 Punkte geschafft habe", erzählt Karina Schönmaier.

50 Punkte gelten im Turnsport als die Schwelle zur deutschen Spitze. Karina Schönmaier dürfte, wenn nicht mehr viel schiefgeht, zum Kader für die Weltmeisterschaft gehören, die Ende Oktober in Liverpool startet. Es wäre das erste Mal in ihrer Karriere, auch weil einige der alteingesessenen Turn-Asse angeschlagen ausfallen. Aber der Erfolg hat einen Beigeschmack – in diesem Fall der vermutlich anstehende Wechsel von Karina Schönmaier auf den Bundesstützpunkt nach Chemnitz und das Ende der engen, familiären Beziehung zu ihrer langjährigen Trainerin Katharina Kort.

Unser Verhältnis ist auf jeden Fall nicht mehr so wie früher.

Karina Schönmaier

Denn Folgendes ist passiert: Karina Schönmaier lebt in Bremen-Huchting, ihre Heimat ist der TuS Huchting. Die Trainingsbedingungen dort sind ihrem Niveau aber bei weitem nicht mehr gewachsen. Über die Jahre hat ihre Trainerin Katharina Kort mit ihr ein System von Kooperationen aufgebaut, um sie dennoch in Bremen weiter entwickeln zu können. Dafür hat die Trainerin fast ihre gesamte Freizeit geopfert. Sie wollte das talentierte Mädchen aus Bremen unbedingt weiter entwickeln und nach oben bringen. Trainerin und Athletin sind zusammen gewachsen, haben elf Jahre lang jeden Erfolg miteinander erreicht und miteinander gefeiert. Denn anders als viele andere junge Turn-Talente wollte Karina Schönmaier nie an einen Bundesstützpunkt mit angeschlossenem Internat wechseln.

Zwischen Heimatliebe und Karrierechancen

Karina Schönmaier im Nationaltrikot
Karina Schönmaier trägt seit Juli das Nationaltrikot, ist erstmals in den Kader berufen worden. Bild: dpa | Frank May

Bis jetzt. Denn der Athletin wird klar: Olympia 2024 ist realistisch, mit ihrem Talent hat sie schon mit den schlechten Bedingungen in Bremen Großes erreicht. Für den Weg in die Weltspitze aber braucht sie beständig erstklassige Trainingsbedingungen. Dazu hat ihr auch der Bundestrainer Gerben Wiersma geraten. Die 17-Jährige ist zerrissen zwischen Heimatliebe und Karrierechancen. "Mir fällt die Entscheidung sehr sehr schwer, weil ich immer gesagt habe, ich möchte hier groß werden, das ist meine Halle, mein Zuhause. Aber in meinem Kopf weiß ich einfach, ich möchte weiter, ich möchte mein Ziel erreichen und das geht, wenn man loslässt und auf bessere Trainingsbedingungen zugeht", sagt Karina Schönmaier.

Das sieht auch ihre Trainerin so: "Dass ihr Verstand das sagt, da bin ich froh drüber, denn jahrelang habe ich gesagt: Karina, mach mal, das ist dein Ding. Ich bin eigentlich der falsche Mann, sage ich mal, um sie weiterzuentwickeln. Der Stützpunkt wäre der richtige Weg, auf jeden Fall." Die Entscheidung aber will sie noch nicht endgültig fällen.

Ärger um Wechselplanungen

Verstand gegen Herz: Der große Konflikt, in dem Karina Schönmaier gerade steckt. Kürzlich hat sie ein dreiwöchiges Probetraining in Chemnitz absolviert; den Trainer, die Halle, das Internat kennenlernen. Doch rund um die Planung dieses Probeaufenthalts gab es vielschichtige Differenzen. Verkürzt gesagt, fühlte sich ihre Trainerin Katharina Kort in diesem Prozess von mehreren Seiten nicht ausreichend mitgenommen und informiert. Das einstige Mutter-Tochter-Verhältnis zwischen Trainerin und Athletin hat tiefe Risse bekommen. "Natürlich ist man verletzt, natürlich findet man jetzt auch Distanz. Es ist nicht mehr das, was es war, dass ich sagen konnte, es ist meine Tochter. Trotzdem bleibe ich immer auch ihr größte Fan, aber es trennt einen auf jeden Fall", schildert Katharina Kort ihre Gefühle.

Karinas Stärke war immer ihr Talent, aber auch die extrem enge Beziehung zwischen Trainerin, Athletin und Mutter. Eine große Familie, die zeigen wollte, dass es auch ohne Stützpunkt geht. Doch dieser Weg, so scheint es, ist nun zu Ende. Die Vorbereitung auf die WM-Qualifikation, vielleicht die letzte gemeinsame intensive Trainingszeit. Die Trainerin sagt: "Wir nutzen die Gelegenheit, nochmal gemeinsam diesen Weg zu gehen, gemeinsam vielleicht auch einen Abschluss zu finden. Und dann schauen wir mal, wie wir Karina vorwärts kriegen in ein Internat. Denn hier ist, würde ich behaupten, der Weg vorbei."

Trennungsschmerz

Schwierige Zeiten für das 17-jährige Toptalent, das kurz vor seinem ersten internationalen Turnier steht. Dafür muss Karina Schönmaier am 15. Oktober bei der 2. WM Qualifikation in Rüsselsheim erneut überzeugen. Die endgültige Entscheidung, ob sie nach Chemnitz wechselt, will sie erst nach einer möglichen WM fällen.

Dennoch ist der große Umbruch in ihrem Leben ständig im Hinterkopf. "Das ist sehr belastend für mich, ich hatte auch sehr viel Stress in letzter Zeit. Aber ich versuche das wegzustecken und auf mein Ziel hinzuarbeiten", sagt sie. "Es ist wie eine Trennung. Es würde mir das Herz brechen, wenn ich weiß, dass ich nicht mehr mit Katharina trainieren könnte. Katharina bleibt auf jeden Fall etwas sehr Großes in meinem Herzen."

Momentan bereitet sich Karina Schönmaier in Bremen mit Katharina Kort auf die 2. WM-Qualifikation vor – inmitten von Kindergruppen, an zu schlechten Geräten und in einer Halle, die für ihr Niveau viel zu klein ist. Nächste Woche geht es für den Feinschliff zum Bundeskadertraining nach Frankfurt. Eine mögliche WM-Vorbereitung würde sie vermutlich in Chemnitz machen – und dann irgendwann die wohl schwierigste Entscheidung ihres Lebens fällen. Bremen und ihre schrabbelige aber geliebte kleine Halle verlassen.

Ich habe hier schon elf Jahre trainiert. Das ist trotz der schlechten Bedingungen mein Zuhause. Hier bin ich groß geworden. Deswegen ist es sehr emotional und schwierig für mich, hier loszulassen. Aber im Kopf weiß ich, dass ich ein Ziel habe. Ich möchte zu Olympia und es muss weitergehen.

Karina Schönmaier

Das Turnmärchen aus Bremen steht vor dem Ende. Die große Karriere aber könnte Karina Schönmaier noch bevorstehen.

Der schwere Weg von Bremens bester Turnerin

Bild: dpa | Eibner / Julian Meusel

Autorin

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 7. Oktober 2022, 18:06 Uhr