Der Tod kam mit der Post – Der Bombenattentäter von Bremen und Eystrup

Collage mit Zeitungsausschnitten "Oma-Mörder", Podcast-Hosts und Schriftzug Mord Nordwest

Der Tod kam mit der Post – Der Bombenattentäter von Bremen und Eystrup

Bild: Radio Bremen | Josefine Gotzes, Grafik: Christina Loock, Sabina Weinrich

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Zwei Paketbomben explodierten 1951. Der Täter konnte erstmals mit einem Phantombild überführt werden. Es war einer der größten Kriminalfälle der Nachkriegszeit.

Polizeifoto vom Schalterraum nach der Explosion
Bild: Radio Bremen

Die erste Bombe reißt die 18-jährige Kontoristin Margret G. in Stücke. Acht weitere Menschen erleiden Knochenbrüche, Gehirnerschütterungen, Trommelfellrisse und Schnittwunden. Die Bombe war an einen Marmeladenfabrikanten adressiert. Sie ist früher als geplant explodiert - am 29. November 1951 morgens gegen halb neun im Postamt Eystrup. Die zweite Bombe detoniert gut vier Stunden später in der Redaktion der Tageszeitung "Bremer Nachrichten" und tötet den Chefredakteur. Seine Sekretärin und der Feuilleton-Chef des Blattes werden schwer verletzt. Die dritte Bombe soll einen Futtermittelfabrikanten umbringen. Aber sie explodiert nicht. Die Batterie, die den Zünder mit Strom versorgen soll, ist defekt. Alle drei Bomben sind per Postpaket verschickt worden.

Zunächst vermutet die Polizei ein politisches Motiv

Ein Sprengstoffexperte der Polizei zeigt ein Modell der Paketbombe: eine aufgeklappte Papprolle, in der sich Sprengstoff befindet.
Im Film vom Dirk Blumenthal zeigt eine Ein Sprengstoffexperte der Polizei ein Modell der Paketbombe. Bild: Radio Bremen

Für die Ermittlungen wird eine 60-köpfige Sonderkommission gebildet. Der Fall erregt bundesweit und sogar im Ausland Aufsehen. Es wird über politische Hintergründe spekuliert. Stecken etwa Anarchisten, Kommunisten oder unverbesserliche Nazis hinter den Anschlägen? CDU und Deutsche Partei verlangen eine neue Diskussion über die gerade abgeschaffte Todesstrafe. Die Sonderkommission arbeitet rund um die Uhr. Die Beamten kommen kaum zum Schlafen. Eine bis dahin beispiellose Großfahndung läuft an. Ähnlicher Aufwand wird erst Jahrzehnte später bei der Jagd nach RAF-Terroristen betrieben werden. Die Grenzen der Bundesrepublik werden mehrere Tage lang geschlossen. Überall hängen Steckbriefe mit der Täterbeschreibung. 10.000 Mark Belohnung werden ausgesetzt.

Fahndung erstmals mit Phanthombild

Zeitungsausschnitte mit Phantom-Zeichnung
In den "Bremer Nachrichten" wurde diese Zeichnung veröffentlicht. Bild: Radio Bremen

Zeugen beschreiben den Mann, der die brisanten Pakete zur Post gebracht hat, als "Tango-Jüngling". Er habe eine "leichte, wiegende Gangart" und ein "blasses, schmales, mädchenhaft hübsches Gesicht". Und er sei fein angezogen gewesen: dunkelbrauner Hut mit breiter Krempe und "heller, kamelhaarfarbiger Wintermantel (Ulsterform, zweireihig, mit Rundgurt, aufgesetzten Taschen und betont wattierten Schultern)".

Parallel zur Sonderkommission ermitteln Reporter der "Bremer Nachrichten". Auch sie "vernehmen" Zeugen und lassen nach deren Angaben ein Phantombild des Bomben-Absenders zeichnen - das mutmaßlich erste der deutschen Kriminalgeschichte. Es wird zusammen mit der Täterbeschreibung in den "Bremer Nachrichten" veröffentlicht. Als der Chefredakteur der Nienburger Heimatzeitung "Die Harke" die "Bremer Nachrichten" liest, und das Phantombild sieht, ruft er bei der Kripo an und sagt: "Es kann nur der gewesen sein. Holt den Kerl ab!"

Eine Schreibmaschine bricht sein Schweigen

Polizeifoto von Erich Cedric von Halacz
Polizeifoto von Erich von Halacz Bild: Radio Bremen

Der "Kerl" heißt Erich von Halacz. Er ist am Tag der Attentate 22 Jahre alt geworden. Das Phantombild ist ein beinahe perfektes Portrait von ihm. Halacz wird festgenommen. Nachdem die Schreibmaschine aufgetaucht ist, auf der er nachweislich die Paketadressen geschrieben hat, legt er schließlich ein Geständnis ab: Er habe die Bomben gebaut und an wohlhabende Leute geschickt, um deren Angehörige hinterher zu erpressen. Er wollte ihnen drohen, sie auch in die Luft zu sprengen, wenn sie ihm nicht 5.000 Mark zahlen würden. Das Geld sollte als Startkapital für einen Schallplattenverleih dienen.

Am 25. April 1952 ist Erich von Halacz vor dem Verdener Landgericht zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt worden. Seit Herbst 1974 ist er wieder in Freiheit, seinen Namen hat er geändert. Wo und ob er heute noch lebt, wissen nur wenige Leute – und die reden nicht drüber.

Autoren

  • Dirk Blumenthal Autor
  • Jochen Grabler Redakteur und Autor