Fragen & Antworten

Wie Bremens erste Gewaltschutzambulanz Betroffenen helfen soll

Auf einem Tiosch sind neben einem Stoff-Teddy auch Gummibärchen und Taschentücher platziert

Hilfe für Opfer von Gewalt: Ambulanz in Bremen eröffnet

Bild: Radio Bremen

Häusliche und sexualisierte Gewalt sind Probleme, die zuletzt stark zugenommen haben. Um den Betroffenen zu helfen, gibt es jetzt die Einrichtung am Klinikum Bremen-Mitte.

Die Gewaltschutzambulanz hat offiziell eröffnet, wie kann man sich die neuen Räume vorstellen?

Das ist im Grunde ein kleiner Flur mit zwei Untersuchungsräumen und einem Büro. Und was zuerst auffällt, ist, dass es Teddybären, Süßigkeiten und schöne Strandbilder an den Wänden gibt – es wurde also versucht, eine ruhige Atmosphäre zu schaffen, denn es geht ja für die Betroffenen um ein sehr ernstes Thema. Darum stehen auch in jedem Raum Taschentücher.

Für wen steht die Ambulanz in Bremen-Mitte denn offen? Wer darf da hingehen?

Es können alle hingehen, die sexualisierte Übergriffe, häusliche Gewalt oder geschlechterspezifische Gewalt erleben mussten. Das Ziel ist, dass Beweise und Spuren gesichert werden – falls der Täter anzeigt wird. Das Angebot richtet sich an das gesamte Land Bremen und auch an das Umland. In den ersten Tagen waren nach Angaben der Gewaltschutzambulanz schon einige Frauen da.

Es gab vorher schon eine Möglichkeit, Spuren nach einer Vergewaltigungen in Bremen zu sichern. Was ist jetzt das Neue an der Gewaltschutzambulanz?

Bislang gab es eine gynäkologische Untersuchung, um beispielsweise DNA-Spuren zu sichern nach einer Vergewaltigung. Und auch eine Kinderschutzambulanz gab es vorher schon am Klinikum Mitte. Neu ist das Angebot für Partnerschaftsgewalt. Hierbei werden rechtsmedizinische Fotos von allen Verletzungen und blauen Flecken gemacht. Diese Beweise können später vor Gericht genutzt werden. Und neu ist auch eine Beratung: zum Beispiel, wie man in ein Frauenhaus ziehen kann oder welche Stelle einem weiterhilft.

Nehmen wir mal an, eine junge Frau wurde von ihrem Partner geschlagen. Was genau sollte sie tun?

Sie kann sich einfach bei der Notaufnahme des Klinikums Mitte melden, denn die Gewaltschutzambulanz ist bewusst nicht ausgeschildert. In der Notaufnahme werden erst einmal mögliche Wunden versorgt und danach geht es zur Gewaltschutzambulanz – entweder sofort oder es gibt einen Termin.

Wenn ich betroffen bin und noch nicht weiß, ob ich meinen Partner oder meine Partnerin bei der Polizei anzeigen will – kann ich trotzdem da hinkommen?

Ja. Niemand muss sofort eine Anzeige erstatten. Man kann entscheiden, ob die Unterlagen an die Polizei geschickt oder ob sie für zehn Jahre an einem sicheren Ort aufbewahrt werden sollen. Denn oft haben Frauen, die das erste Mal Opfer werden, Hoffnung, dass es sich um eine Ausnahme handelt. Studien zeigen aber, dass sich Gewalt in Beziehungen meistens wiederholt, sagt die Leiterin der Ambulanz, Saskia Etzold. Wichtig ist zum Beispiel auch, dass nach einer Vergewaltigung nur 72 Stunden bleiben, um DNA zu sichern. Deshalb kann man erstmal hingehen, Beweise sichern und später noch überlegen, ob man eine Anzeige erstatten möchte.

Häufig ist es auch so, dass die Massivität, also der Schweregrad der erlittenen Verletzungen und der erlittenen Gewalt, zunimmt. Und wenn Sie dann irgendwann soweit sind, sich zu trennen, und sie können zum Beispiel nachweisen, dass es bereits drei oder vier Übergriffe gab, sind sie in einer ganz anderen Position.

Die Leiterin der Bremer Gewaltschutzambulanz, Saskia Etzold
Saskia Etzold, Leiterin der Gewaltschutzambulanz

Häusliche Gewalt hat zugenommen, zumindest zeigt das die Polizeiliche Kriminalstatistik fürs Land Bremen. Ist das auch der Hintergrund der neuen Gewaltschutzambulanz?

Das ist auch ein Grund. Im Kern geht es aber darum, die Istanbul-Konvention umzusetzen. Das ist ein Übereinkommen des Europarats zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen und von häuslicher Gewalt. Denn das Sprechen über solche Gewalt ist ja immer noch ein Tabu. Deshalb ist die Tatsache, dass es einen geschützten Raum gibt, sehr wichtig, sagt Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke). Sie hat sich sehr für die Gewaltschutzambulanz eingesetzt. Bremen investiert übrigens 1,2 Millionen Euro in die Ambulanz in den ersten vier Jahren.

Das finde ich auch eine ganz wichtige Botschaft, um zu sagen, 'Ich traue mich irgendwohin. Das sind Menschen, die mit mir sprechen und ich werde nicht ausgequetscht, an den Pranger gestellt, ich muss mich nicht schämen oder ähnliches'. Diese Botschaft muss dringend damit verbunden werden.

Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard im Interview
Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard

Bremens erste Gewaltschutzambulanz soll Betroffenen helfen

Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Carolin Henkenberens
    Carolin Henkenberens Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 4. April 2024, 16:35 Uhr