Dieses Bremer Kind ist ein kleines medizinisches Wunder

Eierstockkrebs. Diese Diagnose bekam Jennifer Gerken mit gerade mal 21. Nach der Therapie ist sie unfruchtbar. Dennoch gebärt sie in Bremen eine Tochter – dank moderner Medizin.

Nahaufnahme eines Babys.

Von Kindern wie Lynn Gerken gibt es auf der ganzen Welt nur etwa 100, 20 davon leben in Deutschland. Lynn ist ein besonderes Kind, denn dass sie in diesem Jahr geboren werden konnte, wäre ohne modernste Medizin, dem eisernen Willen ihrer Mutter und einer großen Portion Glück nicht möglich gewesen. Schließlich war Jennifer Gerken zunächst unfruchtbar, als sie ihre Krebstherapie mit Erfolg abschloss. Doch bevor sie den Kampf gegen die Krankheit antrat, sorgte sie dafür, dass er ihr nicht die Fähigkeit nimmt, Leben zu schenken.

Retransplantation von Eierstockgewebe ist erfolgreich

Mit gerade einmal 21 Jahren trifft Jennifer die Entscheidung, einen Teil ihres Eierstockgewebes herausnehmen und bei der Universitätsfrauenklinik in Bonn einfrieren zu lassen. Beide Eierstöcke und die Eileiter mussten dann im Zuge der Krebstherapie entfernt werden, danach ist sie faktisch unfruchtbar. Der Plan: Das eingefrorene Gewebe bei Kinderwunsch zurück in den Körper zu transplantieren. Mit ihrem Ehemann Colja kam der Kinderwunsch. "Diese Retransplantationsmedizin steckte damals noch absolut in den Kinderschuhen, sie hatte ein unheimliches Glück bei der Beratung", weiß auch Torsten Frambach, Chefarzt der Bremer Frauenklinik am St. Joseph-Stift.

Zusammen mit seinem Team hatte er die Operation bei Jennifer Gerken durchgeführt, die ein erster Schritt zur Geburt ihrer Tochter sein sollte. Das Gewebe wird dabei aufgetaut und in der Nähe der Gebärmutter in eine Gefäßtasche platziert. "Man hofft dann, dass das Gewebe durch Gefäße eingesprosst wird, wieder versorgt wird und anwächst, bis im Körper wieder der ganz normale Prozess der Eizellbildung abläuft – das hat bei ihr geklappt", erklärt Frambach. Die Chancen dazu stehen nicht schlecht: Bei 75 Prozent der etwa 100 in Deutschland bislang durchgeführten Retransplantationen wurde das Gewebe vom Körper wieder angenommen.

Gynäkologe Dr. Torsten Frambach vom St. Joseph-Stift
Gynäkologe Dr. Torsten Frambach vom St. Joseph-Stift Bild: St. Josef-Stift GmbH

Längst nicht immer kommt es dann jedoch auch zur Schwangerschaft. Hier liegt die Rate nur bei 32 Prozent. Wenn die Schwangerschaft dann erfolgreich verläuft, erblickt ein besonderes Kind das Licht der Welt – in Deutschland ist das bislang nur knapp über 20 mal passiert. Da bei Jennifer Gerken aber auch die Eileiter fehlten, stand sie vor einer weiteren Hürde: Sie musste künstlich befruchtet werden. Dabei half ihr das Kinderwunschzentrum Bremen. Drei Mal wurde die einzige Eizelle, die das Gewebe noch jeden Monat produzierte, entnommen, befruchtet und wieder eingesetzt. Jedes Mal mit einer Erfolgschance von lediglich 25 Prozent. Beim dritten Mal dann endlich die langersehnte Nachricht: In Jennifers Bauch wächst die kleine Lynn heran.

Frambach: "Bei der Beratung müssen wir besser werden"

"Nach wie vor ist es zum Glück im Verhältnis doch relativ selten, dass junge Frauen an Krebs erkranken. Und auch nicht immer ist es notwendig, vor der Therapie Gewebe oder Eizellen zu entnehmen", erklärt Torsten Frambach. So würden in Deutschland jährlich etwa 400 Operationen durchgeführt, bei denen sich Frauen provisorisch Gewebe oder Eizellen entnehmen ließen, ohne sie letztendlich zu benötigen. Zunehmende OP-Erfolge würden auch dafür sorgen, dass diese Möglichkeiten immer bekannter werden. Dennoch täusche das nicht über die Tatsache hinweg, dass die Beratung in dem Bereich in Deutschland besser werden müsse, so Frambach weiter. "Die Realität in vielen deutschen Arztpraxen ist die, dass beim Informieren über mögliche Nebenwirkungen einer Chemotherapie gesagt wird: 'Es könnte sein, dass Sie ihre Fruchtbarkeit verlieren.' Und das reicht nicht."

Seiner Meinung nach dürfe es in der Beratung zwischen Mann und Frau keine Unterschiede geben. Jeder junge Mann, der eine Krebserkrankung habe, werde darüber informiert, dass er sein Sperma einfrieren könne, falls ihn die Chemotherapie unfruchtbar macht. "Das ist beim Mann natürlich denkbar einfach, aber auch bei der Frau ist das kein Problem. Es handelt sich dabei um einen ungefährlichen Routineeingriff." Auch die Finanzierung sei kein großes Problem: Die Entnahme samt einem Jahr Lagerung kostet 300 Euro, danach belaufen sich die Kosten für die Lagerung auf 250 Euro im Jahr.

Aber das nütze alles nichts, wenn die Frauen über diese Möglichkeiten nicht informiert würden, merkt Frambach an. Das erfordere Expertise und Zeit; beides Dinge, die es bei Fertiprotekt gebe. Das Netzwerk aus Zentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet spezielle Sprechstunden zum Schutz der Fruchtbarkeit an, wenn möglich auch noch am selben Tag. "Wenn die Frau dort alle Möglichkeiten erklärt bekommt und dann sagt, dass das nichts für Sie ist, ist das ja auch völlig in Ordnung", so Frambach. "Aber die Beratung muss da sein. Denn Fakt ist: Hätte Jennifer Gerken eine solche Beratung damals nicht bekommen, würde es Lynn heute nicht geben."

  • Jochen Duwe

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Dezember 2017, 19:30 Uhr