Bremer Viertel: Gastronomen fürchten den langsamen Tod der Meile

Corona-Flaute, Partys am Sielwall, Fan-Randale nach Werderspielen, jetzt Alkoholverkaufsverbot und dazu noch Raser und Poser: Wohin geht die Reise für Bremens Viertel?

Fußgänger überqueren den Ostertorsteinweg in Bremen.
Das Bremer Viertel: Gastronomen und Einzelhändler machen sich Sorgen – wohin entwickelt sich das Oster- und Steintor? Bild: Imago | Schöning

Röhrende Motoren, wummernde Bässe, quietschende Reifen: Das hat dem Viertel gerade noch gefehlt. Aufgemotzte Rennwagen und getunte Autos, die am Wochenende über den Sielwall, den Ostertorsteinweg und den Osterdeich brettern. Als hätte Bremens Szene-Quartier nicht schon genügend Sorgen. Gastronomen und Einzelhändler fragen sich: Wohin entwickelt sich gerade das Ostertor und Steintor?

Das ist ein Bauchgefühl, aber wenn da jetzt nicht schnell gegengesteuert wird, dann ist das Viertel, wie wir es kennen, in einem Jahr tot.

Fernando Guerrero und Benno Patzer vom Eisen (Archivbild)
Fernando Guerrero, Betreiber der Kneipe "Eisen"

Das "Eisen" ist als Kneipe eine Institution am Bremer Sielwall. Für Betreiber Fernando Guerrero ist das Viertel nicht nur der Ort, an dem er lebt und arbeitet, sondern eine Brutstätte für Subkultur und alternative Lebensformen: "Das Viertel ist der Raum in Bremen, in dem seit mittlerweile 50 Jahren alternative Lebensentwürfe und kulturelle Entwicklungen stattfinden und wachsen und sich gegenseitig inspirieren können. Jede Stadt braucht solch einen Raum und deshalb halte ich das Viertel für unfassbar wichtig für unsere Gesellschaft." Und dieses Viertel, wie Guerrero es kennt, sieht er nun in Gefahr.

Kränkelnde Discomeile strahlt auf Kult(ur)meile ab

Polizist spricht am Bremer Sielwall mit jungen Leuten
Immer wieder ist die Polizei gefragt, wenn sich abends an der Sielwall-Kreuzung junges Partyvolk trifft wie hier im Juni. Bild: DPA | Michael Bahlo

Durch das langsame Sterben der Diskomeile am Bremer Hauptbahnhof käme plötzlich ein neues Klientel in den Stadtteil. Corona und auch die Schließung der Diskotheken im Umland haben dieser Entwicklung noch einmal ordentlich Aufwind gegeben. Die Folge: Ein ganz anderes Partypublikum, "dicke Autos" und insgesamt eine aggressivere Grundstimmung. Und das mache auch etwas mit seiner Kundschaft, so Guerrero: "Wenn unser Publikum am Wochenende hierherkommt und auf dem Weg in den Laden drei Mal angepöbelt wird und andere unschöne Dinge erlebt: Die machen das drei, vier Mal mit und dann kommen sie irgendwann auch nicht mehr."

Mit der Beobachtung ist er nicht alleine: Auch andere Barbetreiber und Einzelhändler rund um Sielwall und Ostertorsteinweg bemerken die Veränderung. Bars wie das "Litfass" oder "Im Lu" berichten, dass sie am Wochenende ihre Läden vorzeitig schließen müssen, weil der Alkoholpegel der Menschen draußen dann so hoch sei, dass es auch für das eigene Personal zu gefährlich werde.

Vorschläge, wie man der Lage besser Herr werden könnte

Ein Sportwagen macht einen Burnout (Symbolbild)
Poser und Raser machen dem Viertel immer mehr zu schaffen. (Symbolbild) Bild: Imago | AFLO

Neben der Aggressivität bereitet vor allem die Verkehrssituation Sorgen. Ramona Krasnowski vom Bistro "Lei" sagt, sie beobachte oft, dass die Straße vor ihrem Laden als Rennstrecke missbraucht werde. Sie wünscht sich, dass Politik und Polizei hier endlich handeln: "Man sollte hier einen Zebrastreifen machen, man sollte einen Blitzer aufstellen", fordert sie und wünscht sich ein Eingreifen der Polizei.

Der Sielwall ist längst 30er-Zone und Fahrradstraße. Allein: Man sieht es kaum. Die Straße rot anzumalen wäre das Mindeste, meint Krasnowski. Auch Jörg Fengler vom Skatershop Titus wünscht sich endlich wirksame Maßnahmen, denn auch er empfindet die Verkehrsrowdies zunehmend als störend und rücksichtslos.

Ich würde mir wünschen, dass die Stadt zumindest auf die Idee kommt, Speedbumpers (Fahrbahnschwellen, Anm. d. Red.) zu bauen oder tatsächlich mal sich die Leute zu schnappen.

Jörg Fengler
Jörg Fengler, Skatershop "Titus"

Ungewöhnlicher Ruf nach mehr Polizei

Kultkneipe "Eisen" im Bremer Viertel
Eisen: Wie lange bleibt Kult Kult? Bild: Radio Bremen

Das Viertel ruft nach mehr Polizei? Tatsächlich erlebt dieser Teil Bremens eine Zeitenwende. Vom Ortsamt heißt es, man sei sich zumindest des Raserproblems durchaus bewusst und gemeinsam mit der Polizei und dem Innenressort auf der Suche nach Lösungen. Konkrete Ideen gebe es allerdings noch nicht.

Fernando Guerrero vom "Eisen" hofft, dass das Thema bald mehr Priorität bekommt, bevor es für sein Viertel irgendwann zu spät ist: "Wichtig wäre, dass das Thema ganz, ganz oben in der Politik ankommt und auch in seiner Dringlichkeit wahrgenommen wird, weil ich glaube, es wird unterschätzt."

So wechselhaft die Geschichte des Viertels auch war – zwischendurch stand die Identität durch die Gentrifizierung auf dem Spiel – so sehr befürchtet Guerrero, dass die Zeichen der Zeit nicht ausreichend ernst genommen werden, denn der Charme des Viertels ist kein Naturgesetz: "Das ist keine feststehende Tatsache, dass das Viertel immer so existieren wird. Da muss sich jeder in der Politik und auch jeder in unserer Gesellschaft fragen, ob er da wirklich tatenlos zuschauen möchte."

So geht die Bremer Polizei gegen Raser und Poser vor

Video vom 2. August 2020
Ein weißer Sportwagen, der die Brillbrücke in Bremen entlang fährt.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Katharina Mild

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 31. Juli 2020, 16:35 Uhr