Willi Lemke war enttäuscht von Calmunds Verhalten nach dem Mauerfall

Mauerfall vor 30 Jahren: Mit abenteuerlichen Methoden wurden Ostfußballer in die Bundesliga gelockt. Bayer-Manager Calmund war am erfolgreichsten – aber nicht immer fair.

Willi Lemke wird interviewt
Willi Lemke (links) war von 1981 bis 1999 Manager von Werder Bremen. Bild: Imago | WEREK

15. November 1989: Sechs Tage nach dem Mauerfall spielt die Auswahlmannschaft der DDR zum letzten Mal in der WM-Qualifikation in Wien gegen Österreich. Der damalige Manager von Bayer 04 Leverkusen, Rainer Calmund, schleuste seinen Mitarbeiter Wolfgang Karnath mit einer Foto-Akkreditierung und silbernem Koffer ins Stadion. Karnath schaffte es an dem Abend bis auf die Ersatzbank der DDR-Auswahl und nahm Kontakt zu den Spielern auf. Noch aus dem Prater-Stadion rief der Chefunterhändler seinen Chef an: "Calli, die Drähte glühen."

Ulf Kirsten hätte Otto Rehhagel auch gern gehabt.

Willi Lemke, Ex-Werder-Manager

Mit abenteuerlichen Methoden haben damals die Bundesliga-Klubs versucht, die Ostfußballer unter Vertrag zu nehmen. Calmund war ganz vorn mit dabei. Seine Methoden waren allerdings fragwürdig, findet Werders Ex-Manager Willi Lemke. "Ich habe das damals mitbekommen und war enttäuscht von Callis Verhalten. Das macht man nicht. Ich war auch nicht nur als braver Junge bekannt gewesen, aber bei einem Länderspiel den Kontakt aufzunehmen und die Spieler in Verlegenheit zu bringen, das gehört sich nicht."

Thom und Kirsten wechselten nach Leverkusen

Calmund war allerdings erfolgreich bei seiner Einkaufstour. Die begehrten Nationalspieler Andreas Thom und Ulf Kirsten wechselten zum Werks-Klub. Werder ging damals leer aus. Hals über Kopf zuzuschlagen war nicht unbedingt die Natur des damaligen Trainers Otto Rehhagel, der alle Transfers einfädelte. "Otto war bedächtig und wollte definitiv keine Fehler machen. Er hat sich immer sehr viel Zeit genommen und war kein schneller Entscheider", erklärt Lemke.

Nicht so Rainer Calmund, der sich freute seine damaligen Kontrahenten Uli Hoeneß (Bayern München) und Willi Lemke auszustechen. "Ich habe mich mal wahnsinnig geärgert, als ich in Leipzig oder Dresden mit meinem Auto vor fuhr und sein Wagen schon vor der Geschäftsstelle stand", erinnert sich Lemke.

Wir haben nicht soviel Gas gegeben wie Rainer Callmund, der das sehr erfolgreich gemacht hat.

Willi Lemke, Ex-Werder-Manager

Die Bremer gingen damals eine Kooperation mit Hansa Rostock ein. Schnell nach dem Mauerfall wurde das sogenannte "Lila Pause"-Spiel zwischen beiden Vereinen organisiert. Im Stadion und drum herum gab es Geschenke des Sponsors. "Die hatten sogar den Schiedsrichter lila eingekleidet und es wurde jede Menge Schokolade verteilt", weiß Lemke noch. "Das Spiel war ausverkauft. Es war eine richtig tolle Geschichte und da spürte ich wirklich, dass etwas tolles zusammenwachsen sollte", so Lemke.

In dieser Zeit spielte Werder wohl auch gegen den kleinsten Klub in der Vereinsgeschichte. In der Euphorie des Mauerfalls nahmen die Bremer eine Einladung auf die Insel Poel, nördlich von Wismar an. "Es war ein Spiel auf dem Land, auf einer klitzekleinen Insel, in einem kleinen Dorf", erinnert sich Lemke: "Man spürte die Wende förmlich und man sah, dass die Leute nicht richtig damit umgehen konnten. Die wussten gar nicht was passiert war. Für uns aber war klar: Das war es jetzt, die Mauer ist weg, die Grenze ist geöffnet."

Autor

  • Claus Wilkens

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 8. November 2019, 23:30 Uhr