Künstliche Intelligenz soll Werders Verletzungspech beenden

Kein anderer Bundesligist hatte in der vergangenen Saison so viele verletzte Spieler wie Werder Bremen. Der Verein erhofft sich mit spezieller Datenanalyse Besserung.

Video vom 6. August 2020
Ein Computerbildschirm, auf dem eine Analyse eines Werder-Spielers gezeigt wird mit vielen Daten.
Bild: Radio Bremen

In den so genannten Player-Passports, den neuen digitalen Spielerpässen, steht einfach alles: Wie schnell ein Spieler maximal laufen kann, wie oft er zuletzt krank, wie oft verletzt gewesen ist, was er trinkt und was er isst, wie gut und wie viel er üblicherweise schläft – und noch viel mehr. Kein Wunder also, dass Werder streng geheim hält, welcher Spieler sich hinter welchem Player-Passport verbirgt.

Bärtiger, grauhaariger Mann, Mitte 40, sitzt auf Schreibtischstuhl
Glaubt, dass Künstliche Intelligenz im Profifußball immer wichtiger werden wird: Tarek Brauer, Direktor Recht und Personal bei Werder Bremen. Bild: Radio Bremen

Die minutiösen Analysen aus den Spielerpässen verdankt der Verein nicht zuletzt dem Werder-Labor, in dem Tarek Brauer und Nico Hruby die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz (KI) für den Verein ausloten. "Die digitale Transformation ist im Fußball nicht aufzuhalten", sagt Brauer dazu im Gespräch mit buten un binnen. Auf lange Sicht werde Künstliche Intelligenz im Fußball in allen Bereichen helfen, wo es viele Daten gibt. Das betreffe insbesondere das Scouting sowie das optimale Training – und dadurch sollen dann idealerweise auch die hohen Verletzungszahlen heruntergeschraubt werden, die Werder in der vergangenen Saison zu beklagen hatte. Teilweise fielen Trainer Florian Kohfeldt elf Spieler gleichzeitig aus.

Beim Scouting hat sich Werder Künstlicher Intelligenz bereits erfolgreich bedient. So waren es Computer, die den Verein 2017 auf Torhüter Jiri Pavlenka aufmerksam machten. Zuvor hatten die Rechner Daten von Spielern, Analysen und Scoutberichte ausgelesen.

Mit KI gegen das leidige Verletzungsrisiko

Blick auf einen Computer-Bildschirm, der das Profil eines Fußballspielers zeigt
Lässt keine Geheimnisse über einen Spieler offen: der Player-Passport. Bild: Radio Bremen

Um neue Ansätze für den Einsatz Künstlicher Intelligenz kennenzulernen, hatte Werder in Kooperation mit einer Berliner Agentur im März einen internationalen Wettbewerb für Start-Ups initiiert, die dort ihre Ideen präsentieren sollten. Mit dreien von ihnen hat der Verein danach zusammengearbeitet, zumindest mit zweien möchte der Verein auch weiterhin kooperieren. Dabei ist aber eine Firma aus dem Silicon Valley besonders interessant für Werder, denn sie ist darauf spezialisiert, das Verletzungsrisiko von Spitzensportlern mithilfe Künstlicher Intelligenz zu reduzieren.

Das griffigste Ergebnis dieser Kooperation sind die neuen, digitalen Spielerpässe. Daten hatte Werder zwar vorher auch schon über seine Spieler gesammelt, doch der Player-Passport ermöglicht den Trainer und Therapeuten einen besseren, "konsolidierten Blick" auf all die Leistungs-, Ernährungs- und sonstigen Daten eines jeden einzelnen Spielers, sagt Nico Hruby, Chief Digital Officer von Werder Bremen: "Wir nutzen das in der täglichen Trainingsarbeit, wenn es darum geht, Schwellenwerte zu identifizieren."

Der Computer verrät, wann die Verletzung droht

Mann mit Bart und schütterem Haar vor dem Hintergrund einer leeren Tribüne im Weserstadion
Glaubt, dass Werders Trainer mithilfe der Player-Passports das Training besser an die individuelle Situation der einzelnen Spieler anpassen können als zuvor. Bild: Radio Bremen

Eine der Schlüsselfragen dabei laute: "Ab welcher Stelle der Belastung ist ein Spieler stärker gefährdet, sich zu verletzen, als ein anderer Spieler?" Das könne man nun mithilfe der Software besser erkennen. Neben den Spielern und dem Trainer-Stab sei auch der Mannschaftsarzt an der Entwicklung der Player-Passports beteiligt gewesen.

Jetzt erschließe sich den Trainern mithilfe der Daten, wann ein Spieler noch eine Schippe drauflegen kann, und wann er dagegen regenerieren muss: Sei es, weil er schlecht geschlafen hat, weil er eine Ernährungsumstellung hinter sich hat, oder weil er aus anderen Gründen einer größeren Belastung ausgesetzt gewesen ist als andere. In der optimalen Balance aus Belastung und Regeneration für jeden einzelnen Spieler liege der Mehrwert, den Werder im Idealfall aus den Player-Passports generieren könne, so Hruby.

Darstellung wie in Computerspielen

Für die Bremer ist das ein Schritt in die richtige Richtung, so auch beim Scouting. Dort bedient sich der Verein bereits in Koorperation mit einem französischen Unternehmen der anhand von Fußball-Übertragung im Fernsehen generierten Daten. Während die Partie über den Bildschirm flimmert, legt eine Software Rahmen um jeden einzelnen Spieler, erfasst die Bewegungen und stellt die Werte auf eine Weise dar, wie man sie aus Computerspielen kennt. Besonders in Corona-Zeiten spart diese Methode Werder einige Reisen und Vor-Ort-Scoutings ein, der erste grobe Check eines vielleicht interessanten Spielers kann am Bildschirm erfolgen.

Wer nun aber glaubt, dass Werder der einzige Verein in der Fußball-Bundesliga sei, der die Mittel der Künstlichen Intelligenz für seine Zwecke auszuschöpfen sucht, liegt falsch. Alle anderen Klubs, so betont Tarek Brauer, hielten es ähnlich. Und dennoch: Die Hoffnung ist bei Werder durchaus da, sich mithilfe Künstlicher Intelligenz kleine Vorteile zu verschaffen.

Digitalisierung im Fußball: Werder sucht Start-Ups in Berlin

Video vom 6. März 2020
Werderlab in Berlin
Bild: Radio Bremen | Anna-Lea Borchert

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Autoren

  • Anna-Lena Borchert
  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. August, 19.30 Uhr