5 Gründe für Werders verkorkste Hinrunde – und wie's besser wird

Von Europa geträumt, im Abstiegs-Albtraum erwacht: Die Bremer hatten Verletzte ohne Ende, aber auch die falsche Einstellung. Der Absturz kam nicht von ungefähr.

Milot Rashica zieht sich nach der Niederlage frustriert das Trikot über den Kopf.
Schlimmer geht's kaum: Werder Bremen beendete die Hinrunde mit mageren 14 Punkten und 41 Gegentoren als Tabellen-17. Bild: Imago | Nordphoto

Fragt man Bremer Fans nach dem Grund für Werders überraschenden Absturz, dann nennen viele sofort einen Namen: Dieter Bohlen. Das klingt komisch, ist aber so. Denn Bohlen hatte am Saisonauftakt bei einer zufälligen Begegnung im Mannschaftshotel ein gemeinsames Foto mit den Werder-Spielern gemacht. Schon die erste Partie gegen Düsseldorf ging danach fürchterlich daneben, besser wurde es in der Hinrunde nicht mehr. Und so ist der Mega-Pop-Titan aus Tötensen eben Werders ultimativer Seuchenvogel geworden.

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Und es ist ja auch leichter, sich an noch so absurde Theorien zu klammern, wenn die triste Werder-Realität lange nur schwer greifbar gewesen ist. Man träumte im Sommer von Europa und erwachte im Winter im Abstiegs-Albtraum. Mit 14 Punkten und 41 Gegentoren spielte Werder die schlechteste Hinrunde der Vereinsgeschichte – wie konnte das passieren? Trainer Florian Kohfeldt nennt es eine "Negativspirale", aus der man sich in der Rückrunde irgendwie befreien müsse.

Hier sind 5 Gründe, wie Werder in den Abstiegsschlamassel hineingeschlittert ist:

1 Verletzte, Verletzte, Verletzte...

Ömer Toprak sitzt beim Spiel in Hoffenheim verletzt am Bode.
Neuzugang Ömer Toprak war einer der größten Pechvögel bei Werder in der Hinrunde. Hier musste er verletzt beim Spiel in Hoffenheim ausgewechselt werden. Bild: Imago | HMB-Media

Werder erwischte in der Hinrunde extremes Verletzungspech. Schon in der Saisonvorbereitung verletzten sich Leistungsträger wie Außenverteidiger Ludwig Augustinsson (Knie-OP) oder Sturmneuzugang Niclas Füllkrug (Kreuzbandriss) schwer und das Bremer Lazarett füllte sich konstant weiter: Zeitweise fielen bis zu elf Spieler gleichzeitig aus. Besonders bitter war die dreimonatige Zwangspause von Abwehrchef Niklas Moisander. Auch sein neuer Nebenmann in der Innenverteidigung, Ömer Toprak, war mehr verletzt als einsatzfähig (nur vier Spiele).

Kompensieren konnte Werder die vielen Ausfälle nicht wirklich, obwohl während der ärgsten Verletzungsphase zwar nicht die Ergebnisse, aber die Leistung der Mannschaft noch stimmte. Kohfeldt monierte im Wintertrainingslager auf Mallorca, dass die Spieler in der Hinrunde nicht rechtzeitig der medizinischen Abteilung signalisiert hätten, wenn sie überlastet oder angeschlagen waren. Die Folge: Nach dem Ruhetag meldeten sich gleich neun Profis ab – inklusive Milot Rashica, der Magengrummeln hatte.

2 Falsche Einstellung, fehlender Kampfgeist

Kurios: Je mehr Leistungsträger zurückkehrten, desto schlechter aber spielte Werder. Der Sog der Negativspirale begann, auch, weil viele Spieler offenbar den Ernst der Lage zu lange gar nicht verstanden hatten und sich immer noch ans Ziel Europapokal klammerten. Nach dem schlechten Auftritt gegen Schalke am 12. Spieltag meinte Vizekapitän Davy Klaassen noch: „Ich finde, wir sind zu stark für den Abstiegskampf.“ Ein fataler Trugschluss.

Das heimische Weser-Stadion war längst keine Festung mehr. Und man freute sich nach zwischenzeitlich fünf Remis in Folge viel zu sehr, dass man nicht verloren hatte. Anstatt lieber zu fragen, warum man nicht gewonnen hatte. Das Kämpferische, die Zweikampfhärte, das letzte Aufbäumen ließen die Bremer immer mehr vermissen. Zum Ende der Hinrunde brach die Mannschaft schließlich komplett auseinander. Mit dem desolaten Spiel gegen Tabellenschlusslicht Paderborn (0:1) und den Klatschen gegen Bayern (0:6) und Mainz (0:5) samt der 0:1-Pleite gegen Köln hatte Werders freier Fall vorläufig auf Platz 17 geendet.

3 Die Schießbude Europas

Die Gegentore waren schon immer ein Werder-Problem, diese Saison ist es allerdings besonders eklatant. Mit vielen Ausfällen in der Abwehr wackelte die Defensive noch mehr als gewöhnlich. In jedem Spiel kassierten die Bremer mindestens einen Gegentreffer – damit sind in Europas Top-fünf-Ligen einzigartig. Dass Keeper Jiri Pavlenka zudem ungewohnte Unsicherheiten zeigte, machte es nicht besser. Besonders fatal aber ist Werders Schwäche bei Standard-Situationen: zwölf Gegentreffer kamen so zustande, das ist Liga-Höchstwert. Und das, obwohl Werder eigens mit Ilija Gruew einen Standard-Coach geholt hatte. Die allgemeine Verunsicherung in der Mannschaft wuchs stetig, besonders sichtbar wurde es bei jedes Mal, wenn der Ball im Spiel ruht.

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4 Schutzschild Max Kruse ist weg

Kruse breitet mit martialischer Geste und Gebrüll seine Arme zum Siegerjubel aus.
Leitwolf und Lautsprecher: Wir sehr Max Kruse nach seinem Abgang nach Istanbul fehlt, merkt Werder nun in der Krise. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Werder hatte es sich offenbar leichter vorgestellt, den Weggang von Max Kruse zu kompensieren, der das Herz und Hirn der Mannschaft war. Mehrere Spieler sollten Werders wichtigsten Mann ersetzen, doch Füllkrug verletzte sich und Yuya Osako ist für den Abstiegskampf einfach nicht robust genug. Auch Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel sieht das als einen Grund für Werders Absturz: "Kruse wirkte wie ein Schutzschild für die Mitspieler. Er war der Dreh- und Angelpunkt", sagte er im "Weser-Kurier". Hinter Kruses breitem Rücken konnten junge Spieler wachsen, andere Spieler sich hinter ihm verstecken. Kruse polarisierte und nahm als Angriffsfläche der Medien oft sehr viel Druck vom Rest seiner Mannschaft. Kruse schirmte alles ab, zog die Mannschaft mit. Kruse war Lautsprecher und Leitwolf. Wie abhängig die Bremer tatsächlich von Kruse waren – auf und abseits des Rasens – zeigt sich nun in der Krise.

5 Die Besten spielen nicht ihr Bestes

Ob Maximilian Eggestein, Jiri Pavlenka oder Davy Klaassen – keiner von Werders Leistungsträgern spielte in Bestform. "Es gibt für mich keinen Spieler in der Hinrunde, der sein Leistungsniveau komplett ausgeschöpft hat", monierte Kohfeldt. Statt vorweg zu gehen, versteckten sich viele Führungsspieler und leckten ihre eigenen Wunden. Statt mutiger und mit Risiko aufzutreten verspielte Werder sieben Mal in dieser Saison leichtfertig eine Führung und ist noch komplett ohne Joker-Tore. Selbst der unverwüstliche Oldie-Trumpf Claudio Pizarro stach bisher nicht. Die Bremer Bank ist einfach nicht breit genug besetzt, Verletzte hin oder her. Doch Werder ist keine Top-Adresse mehr, der große Coup wird in der Rückrunde nicht mehr kommen.

Das macht Hoffnung für die Rückrunde:

Kohfeldt hat seine Mannschaft im Wintertrainingslager auf Abstiegskampf gedrillt. Der Ton beim eloquenten Werder-Coach ist wieder rauer geworden. Er appellierte an ihren Kampfgeist, schrie sie an, dass sie nach einem Foul nicht liegen bleiben sollen und dass sie sich schon gar nicht für ein harmloses Foul entschuldigen sollen. Nett war gestern und mit der Gemütlichkeit ist es vorbei. Auch die Spieler wollen sich jetzt deutlicher die Meinung sagen, zumindest mental scheint der Ernst der Lage angekommen zu sein.

Hoffnung macht Werder nicht nur das Wissen, in den letzten sechs Spielzeiten in der Rückrunde immer mehr Punkte als in der Hinrunde geholt zu haben – sondern auch Neuzugang Kevin Vogt aus Hoffenheim. Einen robusten Verteidiger, einen unbequemen Typen mit Ecken und Kanten hatten die freundlichen Bremer dringend gebraucht. Wenn sich das Lazarett in der Rückrunde dann noch verkleinert, sollte Werder in der Lage sein, der Negativspirale zu entkommen. Dass sich Kohfeldt selbst nun auch noch verletzte war für die Grün-Weißen einerseits der Tiefpunkt, hieß aber auch: 'Schlimmer kann es jetzt wirklich nicht mehr werden, also geht es aufwärts.'

Warum fehlte Kohfeldt bei der Werder-Pressekonferenz?

Frank Baumann sitzt bei einer Pressekonferenz neben dem leeren Stuhl von Florian Kohfeldt.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 17. Januar 2020, 18:06 Uhr