Stürmische Zeiten bei Werder – oder doch nur laues Lüftchen?

Video vom 20. Oktober 2021
Werder-Coach Markus Anfang spricht an Rande des Trainings mit Sportchef Frank Baumann, der die Kapuze fest zugezogen hat.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Unruhige Tage liegen hinter dem Verein. Und für Werder-Sportchef Frank Baumann ist klar, dass die Medien vieles aufgebauscht hätten. Doch ist es wirklich so einfach?

Während das Sturmtief "Ignatz" über Deutschland hinwegfegte, kam am Trainingsplatz vor dem Bremer Weser-Stadion nur noch eine typisch herbstliche Brise an, als Niclas Füllkrug mit seinen Teamkollegen am Donnerstagvormittag den Rasen betrat.

Und irgendwie passte es ja ins Bild dieser unruhigen letzten Tage bei Werder, dass nach dem verbalen Sturm Frank Baumanns vom Vortag nur noch ein laues Lüftchen geblieben war.

Werder wirkt dünnhäutig

Füllkrugs Zukunft stand nach seiner Suspendierung wohl auf der Kippe, so deutete es Baumann überdeutlich an, und doch wurde der Sünder tags darauf begnadigt und wieder in den Schoß der Werder-Familie aufgenommen. Alles doch gar nicht so schlimm, so scheint es.

Doch vieles an der Causa Füllkrug war ein wenig kurios abgelaufen und der öffentliche Umgang damit, wie auch jener mit der kritischen Berichterstattung im Nachgang des 0:3-Debakels in Darmstadt, ließ den Verein dünnhäutig und wenig souverän wirken.

Früher ließen sich Probleme leicht vertuschen

Baumann ließ sich am Mittwoch zu einer Rundum-Medienschelte hinreißen, die allerdings auf wackeligen Füßen stand, aber vor allem viel über seine Auffassung von Journalismus preis gab.

Der Ex-Profi Baumann sprach davon, dass es Streitereien und Suspendierungen wie bei Füllkrug schon immer gegeben hätte, auch bei Werder. Es wurde damals eben nur anders verkauft.

Dann hat man einen Spieler ein paar Tage nach Hause geschickt und gesagt, er ist verletzt. Oder es sei eine individuelle Belastungssteuerung. Da waren auch noch nicht so viele Journalisten beim Training.

Werder-Sportchef Frank Baumann am Mittwoch

Werder-Stürmer Füllkrug nach Suspendierung zurück im Training

Video vom 21. Oktober 2021
Werder-Stürmer Niclas Füllkrug nimmt beim Training einen Ball mit ausgestrecktem Bein an.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Werder wollte Fülkrugs Strafe verheimlichen

Baumann scheint den Zeiten, als man Journalisten und der Öffentlichkeit noch unverhohlen einen Bären aufbinden konnte, merklich hinterher zu trauern. Und ganz offenbar war das auch in der Causa Füllkrug ursprünglich der Plan gewesen: Man wollte die Sache verheimlichen. Doch ein Medium hatte am Mittwoch Wind von der Eskalation in der Kabine bekommen und so machte Werder den Vorfall kurzfristig öffentlich, als die dreitägige Strafe bereits verstrichen war.

Sonst wäre es vermutlich genau so gekommen, wenn am Mittwoch jemand wegen des Fehlens von Füllkrug beim Training nachgefragt hätte: wegen einer individuellen Belastungssteuerung.

Unglückliche PR-Aktion von Werder

Die Auseinandersetzung zwischen Füllkrug und Clemens Fritz hatte bereits im Spielertunnel nach dem Spiel in Darmstadt begonnen und war von TV-Kameras eingefangen worden. Das Thema war also in der Welt. Und der Ausraster eskalierte schließlich in der Kabine, die ganze Mannschaft und der Betreuerstab hatten es mitbekommen. Füllkrug und Fritz, die sich lange kennen, hätten die Sache sicherlich ganz schnell unter sich geregelt, wenn niemand dabei gewesen wäre. So aber musste intern ein Zeichen gesetzt werden.

Doch teils gefilmt und vor vielen Zeugen geschehen hätte Werder klar sein müssen, dass man in die Offensive gehen muss und das direkt am Montag. So aber war es wieder eine unglückliche PR-Aktion, bei der es Baumann dann zumindest hätte belassen sollen.

Werder will die Deutungshoheit

Stattdessen aber setzte er zur Medienschelte an. Dass er betonte, man dürfe ihn gerne kritisieren, "aber lassen Sie Markus Anfang und die Mannschaft in Ruhe arbeiten", zeichnete ein kurioses Verständnis von der Aufgabe von Journalisten. Weder Trainer noch Spieler stehen unter generellem Artenschutz, nirgendwo.

Einzuordnen, aufzuzeigen und auch zu kritisieren ist schließlich das Kerngeschäft der Medien, doch Werder hätte gerne selbst die Deutungshoheit über die Geschehnisse. Trainer Anfang hatte nach dem Spiel in Darmstadt eine knappe halbe Stunde mit einer Gruppe Journalisten gesprochen und dabei auch die Leistung des eingewechselten Stürmers Füllkrug bewertet.

Wann ist Kritik berechtigte Kritik?

"Auch der, der reinkommt, kann mal einen Akzent setzen und eine Partie drehen", sagte Anfang unter anderem, von Füllkrug sei im Spiel nichts gekommen. Unabhängig voneinander hatten die Journalisten Anfangs Äußerungen als durchaus kritisch wahrgenommen und dann so veröffentlicht.

Baumann unterstellte jedoch: "Man wollte so was raushören und es zu einer Geschichte machen." Denn es sei ja nur kurz um Füllkrug gegangen, monierte Baumann. Doch das macht das Gesagte trotzdem nicht ungesagt. Nur aus Werders Sicht war das Gesagte eben ungewollt.

"Ich schütze Markus aus voller Überzeugung"

In seinem Rundumschlag prangerte Baumann zudem "falsche Behauptungen und Mutmaßungen" an, mit der manche Medien bewusst eine Trainerdiskussion eröffnen wollten. Das sei "abenteuerlich", betonte Baumann: "Ich schütze Markus da definitiv und aus voller Überzeugung, weil er sehr gute Arbeit macht."

Bei Werder läuft es sportlich nicht rund und da liegt es in der Natur der Sache, dass es unter Spielern, Mitarbeitern und im Umfeld des Klubs viele Unzufriedene gibt, von denen der ein oder andere nun interne Informationen durchsickern lässt. Mitunter kann sich mal ein Hinweis später als falsch herausstellen, doch absichtliche falsche Berichterstattung zu unterstellen, ist abenteuerlich.

Nach der sportlichen Talfahrt und dem Neustart, der nicht so recht in Gang kommen will, ist das Nervenkostüm bei Werders Verantwortlichen sichtlich angegriffen. Doch der Verein bietet immer wieder selbst Angriffsflächen. Nur jene anzuprangern, die den Teppich lüften, unter den etwas gekehrt wurde, macht diese nicht zu Schuldigen.

Werder-Experte zu Füllkrugs Zukunft: "Da ist ein ziemlich tiefer Riss"

Video vom 20. Oktober 2021
Sportreporter Axel Pusitzky als Talkgast im Sportblitzstudio.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Petra Philippsen Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 20. Oktober 2021, 18:06 Uhr