Interview

Tagelang im Trainingslager: So verhindert Werder den Lagerkoller

Tolles Teambuilding oder echter Reinfall? Wir haben einen Sportpsychologen gefragt, wie Werders Trainingslager im Zillertal und am Chiemsee ein Erfolg werden.

Spieler von Werder Bremen beim Lauftraining am Vormittag vor Bergkulisse während des Trainingslagers im Zillertal.
Werder Bremen bereitet sich aktuell im Zillertal auf die neue Saison vor. Das Trainingslager ist eine gute Möglichkeit, um Neuzugänge zu integrieren, sagt Dr. Fabian Pels von DSHS in Köln. Bild: Imago | Nordphoto

Dr. Fabian Pels ist Sportpsychologe und arbeitet am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln. Mit buten un binnen sprach er über die positiven und negativen Effekte eines Trainingslagers.

Herr Dr. Pels, Werder Bremen bereitet sich aktuell im Zillertal auf die neue Saison vor. Welche sportpsychologischen Effekte gehen mit einem Trainingslager einher?
Ein Trainingslager sorgt für Aufbruchsstimmung und Motivation in der Mannschaft. Es signalisiert den Spielern, dass die neue Saison jetzt richtig losgeht. Zugleich dient es als intensive Kennenlernphase. Dies ist vor allem wichtig für die Integration der Neuzugänge. Durch den engen Kontakt in der Gemeinschaft entsteht zwischen den Spielern eine Vertrautheit. Auch im psychologischen Bereich kann im Trainingslager besser gearbeitet werden, da die Spieler womöglich eine höhere Bereitschaft aufweisen, sich auf spezifische Einheiten einzulassen.
Das Teambuilding im Trainingslager ist also kein Mythos?
Nein, hier können zum Beispiel auch die Rollen innerhalb eines Kaders festgelegt werden. Wer ist Führungsspieler? Wer ist Wasserträger? Und wer ist in der Vermittlerrolle zwischen den Führungsspielern und den Wasserträgern? Außerdem werden oftmals die gemeinsamen Ziele für die neue Saison festgelegt.
Dr. Fabian Pels von der Deutschen Sporthochschule in Köln
Dr. Fabian Pels arbeitet am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln. Bild: Deutsche Sporthochschule
Die Spieler sind während des Trainingslagers allerdings auch von ihren Familien getrennt. Werders Torwart Jiri Pavlenka wurde beispielsweise erst vor wenigen Wochen Vater, kann sich aktuell aber nicht um seinen Sohn kümmern. Sorgt dies nicht auch für Frust?
Das ist sicherlich ein Dilemma. Es besteht die Gefahr, dass eine gewisse Monotonie sich einstellt und ein Lagerkoller eintritt. Schließlich halten die Spieler sich über einen längeren Zeitraum mit den gleichen Leuten in der gleichen Umgebung auf. Da ist es wichtig, einen gesunden Mix zu finden. Bei der deutschen Nationalmannschaft gibt es beispielsweise Tage, an denen die Familien die Spieler im Quartier besuchen dürfen.
Werder bestreitet nach dem Zillertal noch ein zweites Trainingslager in Grassau am Chiemsee. Wird der Bogen für manche Spieler dabei überspannt?
Jeder Verein fährt mit einem bestimmten Ziel in ein Trainingslager. Beispielsweise wird vermehrt ein Schwerpunkt auf die Arbeit im athletischen oder im spielerischen Bereich gelegt. Diese Gründe müssen den Spielern transparent vermittelt werden. Der Trainer muss seine Spieler dabei mitnehmen, sodass sie den Sinn des Trainingslagers erkennen. Klappt das, wird auch die Gefahr eines Lagerkollers durch ein zweites Trainingslager verringert.
Letztes Jahr bestritt Werder im Zillertal noch ein Fahrsicherheitstraining. Dieses Jahr wird auf derartiges Programm verzichtet. Wie wichtig sind Freizeitaktivitäten während des Trainingslagers?
Durchaus wichtig. Die Vereine lassen sich da gerne interessante Dinge einfallen. Es macht aber auch Sinn, das Fahrsicherheitstraining nicht einfach nochmal zu wiederholen. Die Neuzugänge waren beim letzten Mal schließlich nicht dabei. Falls dann Scherze aus dem Vorjahr noch einmal aufkommen, könnte es passieren, dass sie diese nicht verstehen und sich dadurch ausgeschlossen fühlen.
Werder ist bereits zum achten Mal im Zillertal zu Gast. Wird dies für die Spieler nicht langweilig?
Das ist unterschiedlich. Es gibt sicherlich Spieler, die gerne einmal etwas Neues sehen möchten. Andere wiederum finden es schön, wenn sie sich in der Umgebung bereits auskennen. Da ist es wie im normalen Leben. Einige Menschen fahren jedes Jahr in das gleiche Urlaubsdomizil. Andere wiederum brauchen die Abwechslung.

Der FC Bayern und Borussia Dortmund reisen im Rahmen der Vorbereitung in die USA. Sportlich sind diese Reisen umstritten – und aus sportpsychologischer Sicht?
Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Die Spieler haben alle unterschiedliche Interessen und Einstellungen. Einige reisen vielleicht gerne in die USA, andere eher weniger. Klar ist aber, dass der Jetlag durch den Flug zwei bis drei Tage in Anspruch nehmen wird. 

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  • Karsten Lübben

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 12. Juli 2019, 18:06 Uhr