Teamcheck zur neuen Saison: Kruses Abgang wird zu Werders Feuertaufe

Ohne ihren bisherigen Strippenzieher müssen die Bremer ihr Spiel in der Offensive umstellen. In den Kampf um Europa gehen sie daher nur als Außenseiter.

Florian Kohfeldt zeigt im Training mit den Armen die Richtung an.
Bild: Imago | Nordphoto

So lief die vergangene Saison

Werder sorgte im vergangenen Sommer für eine Überraschung, haute nach Jahren des tristen Abstiegskampfes einfach das Saisonziel Europa raus. Zu überheblich? Die forsche Ansage von Trainer Florian Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann entpuppte sich als echter Coup: Bei den Fans entfachte der Traum vom Europapokal schnell Euphorie nach dem geglückten Saisonstart. Aus den ersten acht Spielen holten die Bremer 17 Punkte und stürmten damit auf Rang drei. Doch mit einer 2:6-Klatsche gegen Bayer Leverkusen setzte der freie Fall ein – bis Weihnachten kamen nur noch fünf magere Punkte dazu.

Trotzdem blieb der Europa-Traum lebendig. In der Rückrunde kamen mehr Konstanz und Kaltschnäuzigkeit in die Leistungen und deshalb auch satte 31 Zähler auf dem Punktekonto dazu. Bis zum letzten Spieltag kämpfte Werder um das internationale Geschäft mit, verpasste es als Achter am Ende aber knapp. Vor allem, weil aus den Partien gegen die Absteiger aus Stuttgart, Hannover und Nürnberg nur magere sieben von 18 Punkten heraus sprangen.

Werder-Spieler jubeln beim Elfmeterschießen im Pokalspiel in Dortmund
Jubeln in Dortmund: Der Pokalsieg gegen die Borussia war eines der Highlights der vergangenen Saison. Bild: Imago | Kolvenbach

Dennoch war die Saison für Werder ein voller Erfolg. Der Klub verabschiedete sich aus dem Spektrum der Abstiegskandidaten und wird für seine Europa-Ambitionen nicht mehr belächelt. Besonders im DFB-Pokal sorgte Kohfeldts Elf für Furore. Erst warfen die Bremer im Achtelfinale Vize-Meister Dortmund raus, dann zogen sie im Halbfinale gegen die Bayern nur aufgrund eines fragwürdigen Elfmeters den Kürzeren.

Der sportliche Erfolg förderte zugleich die Entwicklung der jungen Spieler. Bei Flügelflitzer Milot Rashica platzte in der Rückserie mit sieben Treffern und vier Vorlagen der Knoten. Johannes Eggestein gelang der Durchbruch, seinem Bruder Maximilian sogar der Sprung in die Nationalmannschaft. Wichtig für Werder: Beide Eggesteins verlängerten ihre Verträge langfristig und setzten damit klare Signale. Die Spieler haben Vertrauen in den Werder-Weg: Spitzenspieler formen und sich damit selbst mittelfristig (wieder) zu einem Spitzenklub entwickeln.

Wer kommt, wer geht

Mit Niclas Füllkrug von Hannover 96 haben die Bremer einen klassischen Mittelstürmer verpflichtet. Der 26-Jährige spielte bereits in seiner Jugend an der Weser und dabei in der U14 auch schon unter Kohfeldt. Innenverteidiger Ömer Toprak ist zunächst für ein Jahr aus Dortmund ausgeliehen und dürfte in der Viererkette neben dem neuen Kapitän Niklas Moisander gesetzt sein. Fest verpflichtet wurde Abwehr-Allzweckwaffe Marco Friedl. Auch den Österreicher hatte Werder zuvor ausgeliehen, allerdings vom FC Bayern. Aus Nürnberg zurück ist Robert Bauer, doch der Rechtsverteidiger hat keine Zukunft unter Kohfeldt und soll wieder gehen.

Abgeschlossen sind die Bremer Planungen noch nicht. Zwei neue Spieler sollen wohl noch dazukommen. Bisher hakt es auf dem Transfermarkt aber noch. Michael Gregoritsch, Wunschkandidat für die Offensive, will der FC Augsburg nur für 15 Millionen Euro ziehen lassen. Am Finanziellen scheitert wohl auch der Wechsel von Benjamin Henrichs. Werder würde den Außenverteidiger gerne für zwei Jahre ausleihen. Die AS Monaco möchte ihn allerdings entweder behalten oder für 25 Millionen Euro verkaufen.

Max Kruse sprintet mit ausgebreiteten Armen nach dem Sieg im Pokalspiel in Dortmund über den Platz.
Kapitän und Torgarant: Max Kruse hat Werder Bremen verlassen. Bild: Imago | Jan Huebner

Verlassen hat Werder derweil nur ein Stammspieler, aber der hat es in sich: Max Kruse entschied sich gegen eine Vertragsverlängerung und für ein neues Abenteuer bei Fenerbahce Istanbul. Ein Paukenschlag für Werder, denn der bisherige Kapitän war neben dem Platz die Bremer Galionsfigur und auf dem Platz der Strippenzieher in der Offensive. Kaum ein Verein in der vergangenen Saison war derart auf einen Spieler angewiesen wie Werder auf Kruse. Und das nicht nur, weil der Ex-Nationalspieler elf Tore schoss und zehn weitere vorbereitete.

Der Trainer

Kohfeldt ist einer der Shooting-Stars unter den Bundesliga-Trainern und das Gesicht des Aufschwungs bei Werder. Seitdem der 36-Jährige im Herbst 2017 das Steuer an der Weser übernahm, halten die Bremer mit offensivem Kombinationsfußball klaren Kurs auf die obere Tabellenregion. Bei einigen Spitzenklubs weckte dies bereits Begehrlichkeiten. Doch mit seiner vorzeitigen Vertragsverlängerung bis 2023 hat sich Kohfeldt klar zu den Grün-Weißen bekannt. Aus seiner engen Verbundenheit zu Werder macht er dabei kein Geheimnis. Mit "seinem" Klub will er wieder an glorreiche Zeiten anknüpfen – mitsamt dem erfrischenden Spielstil.

Man sollte wissen, wenn Werder Bremen spielt, dass es eine gewisse Art und Fußball zu erwarten gibt. Und die sollte in der Regel mutig sein, offensiv sein und sie sollte auch immer das Ziel haben, das Spiel zu dominieren. Die Spielweise kann auch mal clever, ein bisschen abgezockt sein, aber sie sollte immer den Ansatz haben, die eigene Aktivität in den Vordergrund zu stellen.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt

Kruses Abgang wird dabei in dieser Saison allerdings zur Feuertaufe für Kohfeldt. Er muss es schaffen, das offensive Spiel auch ohne seinen bisherigen Ausnahmekicker auf gesunde Beine zu stellen. Doch naiv ist Kohfeldt nicht. Er weiß, dass er Kruse nicht einfach so ersetzen kann. Er muss dessen Aufgaben auf mehrere Schultern verteilen. Eine wichtige Rolle wird dabei der kreative Yuya Osako einnehmen. Auch Nuri Sahins Stellenwert ist durch das veränderte Angriffsspiel in der Vorbereitung deutlich gewachsen. Ohne Ballverteiler Kruse setzte Kohfeldt während des Trainingslagers im Zillertal den Schwerpunkt auf das Spiel in die Tiefe. Ein langer Ball aus dem Mittelfeld und zeitgleich ein schneller und überraschender Sprint der Angreifer – so sollen die generischen Abwehrreihen geknackt werden. Einem Strategen wie Sahin – mit viel Gefühl im Fußgelenk und dem Timing für den richtigen Moment – kommt dies entgegen.

Erwartungen an die Saison

Das offizielle Ziel will Kohfeldt erst ganz kurz vor dem Saisonbeginn bekanntgeben. Nach den guten Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr dürfte aber klar sein, dass auch dieses Mal der Europapokal angegriffen werden soll. "Es wäre Schwachsinn, in die neue Saison zu gehen und zu sagen, dass wir weniger erreichen wollen als beim letzten Mal", stellte Mittelfeld-Spieler Kevin Möhwald klar.

Doch ohne Kruse wird es nicht leichter. Vieles wird davon abhängen, wie schnell der neue Plan in der Offensive aufgeht. Es wäre normal, wenn dieser Prozess ein wenig Zeit benötigt. Und es wäre auch normal, wenn Werder dabei den einen oder anderen Rückschlag einstecken müsste. Für Europa bräuchten die Bremer aber eigentlich eine perfekte Saison. Deshalb gehen sie nur als Außenseiter an den Start und müssen auf Ausrutscher der Konkurrenz hoffen.

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Bild: Imago | Nordphoto

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Autor

  • Karsten Lübben

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 9. August 2019, 18:06 Uhr