Als Milka 1990 bei Rostock gegen Werder den Schiedsrichter bezahlte

Fußballfest in Rostock: Hansa Rostock - SV Werder Bremen

Bild: Radio Bremen

Drei Monate nach dem Fall der Mauer reiste Werder zum Testspiel nach Rostock. Manager Willi Lemke machte daraus ein Spektakel für die Sponsoren in einem ausverkauften Stadion.

Wenn Werder am Freitag (18:30 Uhr) gegen Hansa Rostock spielt, geht es für die Bremer um drei wichtige Punkte im Kampf um den Aufstieg. Vor 32 Jahren hingegen stand beim Duell dieser beiden Klubs vor allem die Verständigung zwischen Ost und West im Vordergrund. Damals, am 18. Februar 1990 und somit knapp drei Monate nach dem Fall der Mauer, lief Werder für ein Freundschaftsspiel mit dem Charakter eines Volksfestes im Ostseestadion gegen die seinerzeit in der DDR-Oberliga spielenden Rostocker auf. "Das war das erste Spiel, das nicht dem deutsch-deutschen Sportkalender unterlag", erinnert sich Willi Lemke im Gespräch mit buten un binnen. Vorher bestimmten stets der Deutsche Fußball-Bund und der Deutsche Fußball-Verband der DDR, wann welche Klubs gegeneinander spielen durften.

Bei der Partie zwischen den Rostockern und Bremern sollte damals vor allem Geld verdient werden. Lemke ging deshalb auf Sponsorenfang. Schiedsrichter Siegfried Kirschen trug während des Spiels kein schwarzes, sondern ein lila Trikot, weil Milka dafür ordentlich Geld auf den Tisch legte, von dem auch Kirschen ordentlich profitierte.

Milka bringt Farbe ins Spiel.

Willi Lemke blickt 1990 in die Kamera.
Willi Lemke, seinerzeit beim Interview kurz vor dem Anpfiff

Pickepackevolles Ostseestadion

Auch auf der Brust der Rostocker warb der bekannte Schokoladen-Hersteller. Dazu wurde am Stadion für einen schmalen Taler jede Menge Schokolade direkt vom LKW verkauft. Eine regionale Bank aus Bremen ließ zudem einen Heißluftballon steigen. Zuvor wäre so etwas in der DDR undenkbar gewesen. "Ein Riesending", so Lemke, sei die Partie damals gewesen. Auch bei den Zuschauern kam sie super an. 25.000 Fans passten seinerzeit eigentlich nur ins Oststeestadion. Knapp 30.000 sollen aber wirklich dabei gewesen sein. Die Einnahmen durch den Ticketverkauf blieben komplett beim FC Hansa. "Und wir haben auch ein bisschen verdient", blickt Lemke zurück.

Jonny Otten 1990 im Anzug im Interview.
Jonny Otten freute sich 1990 über den Trip nach Rostock, wie er im Interview mit dem Sportblitz verriet. Bild: Radio Bremen

Der Kontakt, berichtet Werders Ex-Manager, sei damals durch einen Spaßkick des Werder-Freundeskreises gegen die Belegschaft des Hotels "Neptun" in Rostock-Warnemünde zustande gekommen. Beim Spiel im Ostseestadion kamen die Fans aus dem Osten und dem Westen des Landes, meist friedlich, miteinander in Kontakt. Jonny Otten, Werders Verteidiger, genoss die Stimmung. Kein Wunder, schließlich schwappte auch die La-Ola-Welle beim souveränen 6:2-Sieg der Bremer über die Tribünen. "Wir wissen jetzt, wie sich hier alles verändert hat und wie froh die Leute sind, dass die Grenzen offen sind", sagte Otten damals im Interview mit dem Sportblitz. Die Bremer Spieler wurden in Rostock wie Popstars gefeiert.

Keine Chance bei Ulf Kirsten

Mit Hansa Rostock schloss Werder nach dem Spiel eine Kooperation ab. Die Bremer sollten die Rostocker wirtschaftlich beraten. Werder wiederum sollte ein Erstzugriffsrecht auf die Talente von der Ostsee erhalten. Im Gegensatz zu manch anderem Klub aus dem Westen haben die Bremer sich im Osten aber nicht ausgiebig bedient. "Wir waren nicht wie die Geier. Andere Klubs waren da viel gieriger", erzählt Lemke, der Trainer Otto Rehhagel einen Wunsch allerdings nicht erfüllen konnte.

Allzu gerne hätte Rehhagel zu Beginn der 1990er-Jahre Ulf Kirsten von Dynamo Dresden verpflichtet. Diesen hatte sich aber schon Reiner Calmund geschnappt und Kirsten zu Bayer 04 Leverkusen gelotst. "Leider waren wir da zu spät", so Lemke. "Außerdem hatten wir nicht genug Geld, um das hinzukriegen."

Mehr zum Thema:

Autor

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 9. Februar 2022, 18:06 Uhr