Pizarro ist wieder ganz das alte Schlitzohr

Zum ersten Mal in der Startelf demonstrierte Claudio Pizarro in Augsburg, wie wichtig er immer noch für Werder ist. Doch in einer Szene ging es mit ihm durch.

Pizarro schimpft und gestikuliert nach einer vergebenen Chance.
Immer voll dabei: Claudio Pizarro regte sich über strittige Entscheidungen und verpasste Chancen auf. Bild: Imago | Philippe Ruiz

Es dauerte keine halbe Stunde nach dem Abpfiff, da hatte Claudio Pizarro schon ein Foto bei Instagram gepostet. Vier Werder-Fans standen dort aufgereiht, jeder mit einem anderen Pizarro-Trikot und mit einer der vier unterschiedlichen Rückennummern, die Pizarro bei Werder schon getragen hat: 10, 24, 14 und 4.

"El proceso!", schrieb der bald 40 Jahre alte Peruaner nicht ohne Stolz darunter, was so viel wie "der Ablauf" oder "Werdegang" bedeutet. Und irgendwie war das Spiel in Augsburg ja auch wieder einer dieser Höhepunkte seiner bemerkenswerten Karriere: als drittältester Feldspieler der Bundesliga-Historie in einer Startelf (nach Klaus Fichtel und Mirko Votava), in seiner 449. Liga-Partie und mit seiner 30.000. absolvierten Spielminute. "Das war ein ganz wichtiger Sieg für uns heute", meinte Pizarro später. Und ein wichtiges Spiel für ihn selbst.

Pizarro erstmals in der Startelf

Pizarro applaudiert nach dem Spiel den Werder-Fans.
Claudio Pizarro bedankt sich nach dem Abpfiff bei den Werder-Fans für die Unterstützung. Bild: Imago | Philippe Ruiz

Werder-Coach Florian Kohfeldt berief Pizarro erstmals seit seiner Rückkehr an die Weser in die Startelf und er durfte sogar im Sturmzentrum ran. Kapitän Max Kruse wich für den peruanischen Platzhirsch nach rechts aus. Und Pizarro lieferte. Er demonstrierte ein ums andere Mal, dass er im sportlichen Methusalem-Alter weder seine individuelle Klasse, noch seine Schlitzohrigkeit eingebüßt hatte. Pizarro rackerte, rannte und führte Regie. Er kann gar nicht anders. Doch lange fehlte ihm die nötige Unterstützung seiner Mitspieler, die sich mit dem frechen Augsburger Spiel sehr schwer taten.

Nach einer halben Stunde ergab sich endlich eine Chance, Kruse setzte Pizarro mit einer Flanke eigentlich perfekt in Szene – doch der Routinier schoss direkt Torwart Fabian Giefer an. In der 55. Minute jubelten die Werder-Fans dann bereits, doch Pizarro hatte aus vier Metern nur ans Außennetz geköpft. Es sollte einfach nicht sein mit seinem 193. Bundesliga-Treffer – bemerkenswert allerdings: Pizarro hat bereits doppelt so viele Tore in der Bundesliga geschossen wie die Augsburger Startelf zusammen (96).

Zwei Torchancen, eine Vorlage

Das Toreschießen musste Pizarro an diesem Nachmittag Kruse (34. Minute), Maximilian Eggestein (37.) und Davy Klaassen (75.) überlassen. Doch er bereitete das Tor von Eggestein mit einem schönen Pass in den Lauf vor. Werder hatte die Partie nach einer 2:0-Führung zwischenzeitlich aus der Hand gegeben. Augsburgs Torhüter Giefer half jedoch tatkräftig mit, dass die Bremer doch noch den vierten Auswärts-Pflichtspielsieg in Folge mitnehmen durften und sich auf Tabellenplatz vier wiederfinden.

Am Ende haben wir die drei Punkte und das ist das Wichtigste. Natürlich haben wir uns selbst in Schwierigkeiten gebracht, denn nach dem 2:0 müssen wir das Spiel normalerweise unter Kontrolle haben. Zum Glück haben wir am Schluss noch reagiert. Wir haben bis zum Ende gekämpft und daher ist es ein verdienter Sieg.

Werder-Stürmer Claudio Pizarro bei Sky

Hätte Pizarro Rot sehen müssen?

Was Pizarro selbst verdient hatte – daran schieden sich am Ende die Geister. Augsburgs Trainer Manuel Baum, der mit Tränen in den Augen über das so bitter verlorene Spiel sprach, hätte wohl nichts dagegen gehabt, wenn Pizarro in der 49. Spielminute die Rote Karte gesehen hätte. Denn Rani Khedira und der Peruaner kabbelten sich von Beginn an, doch nach einer Zweikampf-Rangelei trat Pizarro dem Augsburger schließlich noch in die Beine. Schiedsrichter Felix Zwayer ermahnte Pizarro nur, doch der Schlawiner wusste genau, wie viel Glück er mit dieser Entscheidung gehabt hatte.

Pizarro im Zweikampf mit Khedira.
Viel Gerangel zwischen Pizarro (links) und Khedira. Und viel Glück für Pizarro nach diesem Foul. Bild: Imago | Jan Huebner

"Wir haben die ganze Zeit ein bisschen festgehalten", meinte Pizarro, als er sich die Szene im Fernsehbild noch einmal anschaute: "Ich habe natürlich eine Reaktion gehabt." Und auch Glück? "Das glaube ich auch", sagte Pizarro und grinste dabei so schelmisch, wie es das Schlitzohr so gerne tut: "Ich habe am Ende ein bisschen weggezogen und ihn nicht richtig getroffen. Zum Glück ist nichts passiert."

So blieb es ein glücklicher Tag für Werder und für Pizarro, obwohl er selbst nicht traf. Doch mit seiner Präsenz, seinem Spielwitz und seinem feurigen Ehrgeiz setzt er für die Bremer weiterhin wichtige Impulse. Auch wenn er in Augsburg einmal am Rande des Erlaubten vorbeischrammte. Werders Rückholaktion des Peruaners ist längst kein Treppenwitz mehr, sondern ein cleverer Schachzug, der sich auf vielen Ebenen auszahlt. Wunder kann man von ihm allerdings nur noch bedingt erwarten, aber das stört bei Werder keinen. Und zumindest hat der Ausflug nach Augsburg bewiesen, dass seine Puste noch für 70 Minuten auf Bundesliganiveau reicht. "So lange habe ich schon lange nicht mehr gepielt", freute sich Pizarro, wenn auch etwas müde. Und er durfte sich bei Schiedsrichter Zwayer bedanken, dass es nicht nur 49 Minuten geworden waren.

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  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Bundesligashow, 22. September 2018, 15 Uhr