Das Pizarro-Phänomen

Er läuft, er rackert und strahlt immer dabei: Claudio Pizarro. Fast 40 und als Werders Neuzugang zunächst belächelt, ist er einer der Gewinner des Transfersommers.

Claudio Pizarro strampelt gut gelaunt auf dem Fahrrad-Ergometer.
Kein ausländischer Profi war erfolgreicher in der Bundesliga als Claudio Pizarro: In 446 Partien erzielte der Stürmer 192 Tore. Bild: Andreas Gumz

Claudio Pizarro strahlt, als machte er gerade etwas ganz Wunderbares. Für so manchen wäre diese Strampelei auf dem Fahrradergometer wohl eher eine Schinderei gewesen, doch für Pizarro scheint es die pure Freude zu sein, kräftig in der brütenden Hitze am Chiemsee in die Pedale zu treten. Dazu sein schelmischer Blick, der sagt: 'Na, das hättet ihr mir wohl nicht zugetraut, was?' Ganz abwegig ist die Annahme nicht. Die Fußball-Nostalgiker jubelten zwar. Aber viele hatten die Köpfe geschüttelt, als man in Bremen die Verpflichtung Pizarros bekannt gab. Fast 40 Jahre alt und nun der älteste Feldspieler der Fußball-Bundesliga. Was wollte Werder Bremen mit so einem Oldie? Schließlich hatte man vor einem Jahr, als man Pizarro aussortierte, noch argumentiert, dass Werders Fokus den jungen Spielern gelten sollte. Doch Alexander Nouri hatte damals wohl eher ein Problem mit Pizarros großer Beliebtheit als mit dessen fortgeschrittenem Sportleralter. Nun ist Nouri weg und Pizarro wieder da, zum vierten Mal. Das muss wohl Liebe sein.

Claudio Pizarro sitzt beim Dehnen auf der Gymnastikmatte und verzieht dabei leicht das Gesicht.
Dehnen für den Erfolg: Claudio Pizarro quält sich gerne. Bild: Andreas Gumz

Doch der Deal, den Werder mit dem Strahlemann geschlossen hat, ist keiner romantischen Laune entsprungen. Vielmehr ist er genau durchkalkuliert und dürfte sich für beide Seiten lohnen. Pizarros Trikot mit der Nummer vier verkauft sich wie von selbst, auch die Ticketnachfrage steigt. Als Gesicht des Vereins und Mentor für die jungen Spieler ist einer wie Pizarro für Werder Gold wert. "Es sind gefühlt 38 Grad und trotzdem ist Claudio mit Spaß und Freude beim Training dabei", lobt ihn Sportchef Frank Baumann: "Es ist die Freude daran, seinem Traumjob nachzugehen und das möglichst lange. Und da ist immer noch der Ehrgeiz, etwas zu erreichen." Kein Legionär hat es in der Bundesliga auf mehr Einsätze und mehr Tore gebracht als Pizarro. Ob nach dieser Saison endgültig Schluss ist, lässt er weiterhin offen.

"So einen Stürmer wie ihn haben wir nicht"

Pizarro soll nach Informationen der "Zeit" ein eher bescheidenes Grundgehalt von 300.000 Euro kassieren, kann sich aber durch Einsätze und Tore weitere Bonuszahlungen hinzuverdienen. Und Pizarro will noch. Vollblutprofi und Frohnatur – Pizarro ist auf dem Fußballplatz die personifizierte Disziplin und abseits, da hat der Peruaner eben gerne Spaß. Es macht ihn zu dem, der er ist: einem Schlitzohr mit immer noch genialen Momenten. Mit der Mischung aus Spaß und Ernsthaftigkeit hat er sich die Lust auf einen Job bewahrt, den die meisten Profis spätestens mit Mitte 30 an den Nagel hängen, weil sie sich nicht mehr motivieren können oder schlicht der Körper nicht mehr mitmacht. So war das auch bei Frank Baumann, heute 43, mit dem er früher noch zusammenspielte. Oder bei Giovane Elber, seinem ehemaligen Sturmpartner bei den Bayern. Der hatte sich in seiner Karriere sämtliche Knochen gebrochen, am Ende streikte das Sprunggelenk. Warum Pizarro immer noch mitspielt, ist ihm klar: "Claudio hatte nie schlimme Verletzungen, weil er nicht richtig in den Zweikampf gegangen ist. Das hat mich angekotzt, weil ein Mittelstürmer in den Zweikampf gehen muss. Er ist ein Fuchs, ein Schlitzohr!"

Claudio Pizarro im Trainingsspiel-Zweikampf mit Maximilian Eggestein.
Voller Einsatz, auch im Trainingsspiel: Pizarro (Mitte) im Zweikampf mit Maximilian Eggestein. Bild: Andreas Gumz

Pizarro ist anders. Er trickst seine Gegner aus, ahnt schon vorher, wo der Ball wohl landen wird. Ein Instinktfußballer par excellence. Ein Schlitzohr eben. Und Pizarro kann noch und will noch. Eine Stammplatzgarantie bekommt er von Kohfeldt natürlich nicht, aber seine Chancen. "So einen Stürmertypen wie ihn haben wir nicht", meint der Werder-Trainer: "Er hat eine unheimliche Sicherheit im Kombinationsspiel. Natürlich sieht man auch, dass ein 90-minütiges hohes Pressing mit ihm eher schwierig wird. Aber für gewisse Spielphasen ist er sehr wichtig." In dieser Woche schwitzte der Peruaner mit den übrigen Profis im Trainingslager am Chiemsee, und der Oldie schlug sich dabei besser, als es ihm die meisten zugetraut hatten.

"Claudio ist regelrecht spritzig", lobt ihn Kohfeldt, "er konnte alle geplanten Einheiten mitmachen." Sportchef Baumann sieht Pizarros Fitness derzeit auf einem Level mit den WM-Fahrern. Auf Mallorca hatte er sich fit gehalten, bis der Deal mit Werder fix war. Die Selbstdisziplin hat ihm sein Vater von klein auf eingetrichtert, der war Marineoffizier. Vom Bettenmachen übers Hemden bügeln hat er ihm alles früh beigebracht und mit seinem Sohn oft Fußball gespielt – gewinnen ließ er Claudio aber nie. Und so hat Pizarro einfach immer noch Lust darauf, sich täglich zu schinden, sich mit Gegnern zu messen, die oft halb so alt sind wie er, und sie immer noch auszutricksen. Pizarro ist ein Phänomen und schon jetzt der Gewinner dieses Transfersommers.

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  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 10. August 2018, 23:20 Uhr