Was macht diese rüstige Dame auf der Werder-Pressekonferenz?

Torwart Pavlenka steht vor der Sponsorenwand: Zeit für die Werder-Pressekonferenz. Aber hat sich die ältere, putzmuntere Dame neben ihm in der Tür geirrt? Nein, hat sie nicht. Im Gegenteil: Auch Fußball-Profis brauchen ab und zu Hilfe.

Werder-Torwart Jiri Pavlenka mit Übersetzerin Alena Zeman beim Pressegespräch.
Ein hartes Stück Arbeit: Übersetzerin Alena Zeman (rechts) probiert alles, um Jiri Pavlenka nicht nur einsilbige Antworten zu entlocken.

Mittwochmorgen, 8:30 Uhr in den Katakomben des Weser-Stadions. Warten auf Jiri Pavlenka, aber herein kommt erst einmal Alena Zeman. 77 Jahre alt, putzmunter. Eine rüstige Dame vor Werders Sponsorenwand? Ein ungewöhnliches Bild. "Ich habe da eine Bitte", wendet sich die Übersetzerin gleich an die Journalisten. "Stellen Sie ihre Fragen doch bitte kurz, im Tschechischen kommt das Verb nämlich immer erst ganz am Ende jedes Satzes. Ich muss sonst warten, bis sie ganz fertig sind, bevor ich sinnvoll übersetzen kann." Und dabei gilt Deutsch ja gemeinhin als schwierig, doch die tschechische Grammatik rangiert tatsächlich auf einem ganz anderen Level. "Es gibt sieben Fälle", klärt Alena Zeman auf, "und es gibt bei uns keine Artikel".

Übersetzerin Alena Zeman
Alena Zeman entschied sich für den Beruf als Übersetzerin und nicht für die Dolmetscherin: "Dafür müsste ich akzentfrei sprechen und das tue ich nicht." Bild: Privat

Seit 55 Jahren lebt Alena Zeman bereits in Deutschland, über 40 Jahre davon in Bremen. Sie unterrichtete lange Zeit russische Spätaussiedler, gibt Sprachkurse an der Volkshochschule und arbeitet bis heute als Übersetzerin. Fachfrau ist sie eigentlich für technische Übersetzungen, "im Fußball kenne ich mich gar nicht aus", erzählt sie lachend. "Ich habe mir erstmal im Internet ein paar Vokabeln angeschaut. Was Strafraum auf Deutsch heißt, weiß ich, aber das tschechische Wort kannte ich nicht."

Wenn sogar die Übersetzerin machtlos ist

Aber mit Gewissheit kennt sie viel mehr deutsche Worte als Pavlenka. Aber das ist nach so kurzer Zeit auch etwas viel verlangt. Zumal von Fußball-Profis heutzutage ja eine Menge erwartet wird. Sie sollen Tore schießen oder selbige verteidigen, sie sollen möglichst gestählte Athletenkörper haben, sich schrecklich gesund ernähren, jegliche Party-Exzesse meiden und natürlich immer früh schlafen gehen wie die Chorknaben. Dazu erwartet man von ihnen nach dem Abpfiff literarisch geschliffene Spielanalysen und eine stets fröhlich-frische Aura. Aber einer, der sich früh im Leben aufs Fußballspielen verlegt, dessen Kernkompetenz liegt eben eher seltener im Vortragen eloquenter Erläuterungen. Und bloß, weil Fußballer wie Valerien Ismael quasi im Vorbeigehen eine neue Sprachen lernen, sind das eher spezialgelagerte Sonderfälle und nicht die Norm.

Und so gibt es dann auch bei Werder Bremen neue Spieler wie Jiri Pavlenka, die ihr ganzes Leben in der tschechischen Heimat verbracht haben und daher weder fließend Deutsch noch Englisch sprechen. Und die generell auch lieber wenig sprechen. Aber manchmal müssen sie es dann trotzdem, so will es ja das Kleingedruckte in ihrem Vertrag. Und dann hilft Alena Zeman, Fußballwissen hin oder her.

"Er hat wirklich nicht mehr gesagt"

Es macht nichts, sie überspielt ihre fußballerischen Wissenslücken mit munterem Redefluss und Pavlenka scheint dankbar zu sein für die wohlige Stimme aus der Heimat, an die er sich anlehnen kann. Alena Zeman erklärt und übersetzt ihm geduldig und ausführlich. Und sie entschuldigt sich sogar manchmal, dass nur so wenig von Werders neuem Torhüter zurückkommt, als sei das ihr Fehler. "Er hat wirklich nicht mehr gesagt", beteuert Alena Zeman.

Wenn ich hinterher noch mit ihm spreche, dann ist er genauso. Er ist einfach als Typ so.

Alena Zeman, Übersetzerin

Zurückhaltend, fast schon schüchtern wirkt Pavlenka, als würde er seine Zeit brauchen, bis er seinem Gegenüber vertraut und sich ein bisschen öffnet. "Meine Tochter ist genauso", erzählt Alena Zeman später. Und so bleiben am Ende von Pavlenka nur Sätze wie: "Ich fühle mich wohl in der Mannschaft." Oder: "An den Abstieg denken wir nicht." Und auch die wenigen Gegentore in dieser Saison will er sich nicht selbst anrechnen: "Das ist das Verdienst der ganzen Mannschaft. " Und das Spiel gegen Freiburg sei sein bestes bisher für Werder gewesen. "Aber ich muss mich noch verbessern." In welchen Bereichen genau? "Überall."

Pavlenka verabschiedet sich freundlich, aber immer noch etwas scheu. Alena Zeman verabschiedet sich auch, herzlich und temperamentvoll. Und irgendwie hatte man über sie mehr erfahren, als über Pavlenka. Vielleicht fühlt sich der Tscheche noch etwas verloren in der Fremde. Vielleicht taut er aber noch auf. "Bei meiner Tochter wurde es irgendwann auch besser", sagt Alena Zeman und fährt zu ihrem nächsten Job.

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 27. September 2017, 18:06 Uhr