Lemke über Özil: "Große Identifikation habe ich nie gespürt"

Der Rücktritt samt Generalabrechnung des Ex-Werderaners Mesut Özil schlägt hohe Wellen. Auch Willi Lemke und Klaus-Dieter Fischer sind wenig begeistert.

Willi Lemke

Ende Januar 2008 wurde Mesut Özil bei Werder Bremen als Neuzugang vorgestellt, ein echter Coup für die Hanseaten. Damals war Özil gerade 19 Jahre alt, von seinem Potenzial wurde in der Fußballwelt geschwärmt. Die Bremer hatten Özil den Schalkern abgekauft, bei seiner Präsentation vor den Journalisten im Weser-Stadion trug er jedoch einen blau-weiß gestreiften Pullover – die Farben der Gelsenkirchener. Schon damals konnte man den Eindruck gewinnen, Özil sei schlecht beraten. Nun, zehn Jahre, später hat sich dieser Eindruck noch verschlimmert.

Mesut Özil bei seiner Präsentation bei Werder neben Schaaf und Allofs und mit seinem Trikot mit der Nummer 11.
Willkommen bei Werder: 2008 präsentierten Trainer Schaaf (links) und Manager Allofs (rechts) Özil als Neuzugang. Bild: Imago | Fishing 4

In einer dreigeteilten Botschaft, die Özil am Sonntag via Twitter innerhalb von sieben Stunden veröffentlichte, rechnet der 29-Jährige in einem Rundumschlag mit dem Deutschen Fußball-Bund, den Medien und der deutschen Gesellschaft ab und trat am Ende aus der deutschen Nationalmannschaft zurück. Seit der Foto-Affäre um den türkischen Präsidenten Erdogan hatte Özil geschwiegen, seine Abrechnung hat ein mediales Beben ausgelöst. Auch Werders ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzende Willi Lemke und Ehrenpräsident Klaus-Dieter Fischer äußern sich bei buten und binnen zu Özils Kritik.

War die Art und Weise des Rücktritts richtig?

Lemke: "Besonders schlau finde ich es nicht. Er muss schlechte Berater haben, sowohl vor dem Foto als auch danach und jetzt. Das ist ja nicht sein Text, wie wir alle wissen. Mich ärgert auch, dass er ihn in Englisch schreibt. Er ist ein deutscher Nationalspieler und wollte es immer sein, aber die große Identifikation habe ich bei ihm nie gespürt. Dass er stolz ist, in der deutschen Nationalmannschaft unter so klasse Mitspielern dabeisein zu dürfen und sich einzubringen mit seiner großartigen Spielkunst und den fantastischen Pässen. Das habe ich bei ihm vermisst. Mich hat es nicht gestört, blöd fand ich dann nur das Foto."

Fischer: "Wenn sich jemand mit einem Autokraten und Despoten fotografieren lässt und hinterher das Land, für das man gespielt hat, als rassistisch bezeichnet und dann zurücktritt, passt das nicht zusammen."

Bedauern Sie Özils Rücktritt?

Ehrenpräsident Fischer vor dem Weser-Stadion im Interview.
Klaus-Dieter Fischer war von 2003 bis 2014 Werder-Präsident, inzwischen ist er Ehrenpräsident.

Lemke: "Wenn das wirklich seine persönliche Meinung ist, und er den Text vorher genau gelesen und noch mit seinen Beratern und Freunden besprochen hat, und er meint das so, wie er es gesagt hat, mit all den Vorwürfen gegen die Medien, gegen Teile der Gesellschaft, gegen die Sponsoren, gegen den DFB, insbesondere mit seinem furchtbaren Rassismus-Vorwurf – wenn er das wirklich meint, dann sage ich: 'Okay und tschüss."

Fischer: "Ich bin eigentlich etwas traurig, es tut mir leid um diesen Jungen. Er war ein fantastischer Fußballer, der so eine Leichtigkeit hatte. Von so einem Fußballer kann man nur träumen. Für uns bei Werder war er einer der höchsten Transfers, hatte eine tolle Karriere bei Real Madrid, bei Arsenal. Es tut mir um ihn leid."

Özil stand während und nach der WM unter Dauerkritik – zu recht?

Lemke beim Interview in seinem Haus mit Werder-Mütze auf dem Kopf.
Offiziell ist Lemke seit zwei Jahren Rentner, doch der Ex-Werder-Manager und Ex-Politiker ist weitehin umtriebig.

Lemke: "Der Vorwurf ist totaler Blödsinn, dass wir die WM vergurkt haben, weil Özil in so schlechter Form gewesen ist. Und ich würde auch nicht nachtreten und sagen, er hätte nur Mist gespielt in den letzten Jahren. Er ist ein großartiger Fußballer, aber er soll sich auf Sport konzentrieren und nicht versuchen, politisch zu agieren."

Fischer: "Die ganze Geschichte ist ein katastrophales Krisenmanagement, insbesondere vom DFB. Wobei ich das Verschulden von Özil und Gündogan nicht kleinreden will. Aber man hätte die Affäre viel früher stoppen können."

Was sagen Sie zu Özils Rassismus-Vorwürfen?

Lemke: "Zu sagen: 'Der DFB, das sind alles Rassisten und der Präsident muss als erstes raus.' Lieber Herr Özil, wo bleibt da der Respekt, den Sie mitbekommen haben in ihrem Elternhaus? So geht man nicht miteinander um. Denn in diesem Land hat er seine Karriere begonnen, er ist ja hier ausgebildet worden und nicht in der Türkei. Nicht nur wir freuen uns über seine geschossenen Tore, entweder für Werder oder die Nationalmannschaft – er muss doch auch sagen: 'Respekt vor diesem Land, das mich an die Spitze der Topathleten im Weltfußball gebracht hat.' Da muss doch etwas Reflektion sein, das muss er weitergeben an seine Berater."

Wie viel Mitschuld trägt der DFB?

Fischer: "Özils und Gündogans Berater hätten wissen müssen, was passiert, wenn die beiden vor den Wahlen ein Trikot überreichen. Aber das Entscheidende: Die zusätzliche Katastrophe war das Fehlverhalten von Löw, Bierhoff und Grindel. Sie hätten sofort sagen müssen, dass entscheidende Fehler gemacht wurden von Özil und Gündogan. Sie haben sich mit einem Despoten fotografieren lassen. Sie hätten diese Aktion verurteilen müssen und von beiden sofort verlangen müssen, sich zu erklären. Das taten sie nicht, sie spielten die Sache runter. Und schon da war klar, dass die Sache explodieren würde."

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Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 23. Juli 2018, 18:06 Uhr