Reine Kopfsache: Werder kassiert schon wieder Slapstick-Tore

Die Art, wie die Bremer gegen Leipzig die Gegentore kassierten, nannte Trainer Kohfeldt "komplett naiv". Werder bekommt Theorie und Praxis einfach nicht verknüpft.

Die Werder-Spieler um Yuya Osako und Milos Veljkovic können Leipzigs Lukas Klostermann nicht daran hindern, den Freistoß im Sprung in Tor zu köpfen.
Wackelige Werder-Abwehr: Yuya Osako (Mitte) springt gegen Leipzigs Lukas Klostermann nicht hoch genug, Milos Veljkovic neben ihm lässt sich vor dem 1:0 sogar einfach wegdrängen. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Am Ende standen sie wieder da, bedröppelt und ratlos, wie so oft in den vergangenen Wochen. Die Werder-Spieler sammelten sich in der Mitte des Spielfeldes in der Leipziger Arena, zu sagen gab es wenig. Sie trotteten hinüber zu ihren mitgereisten Fans, um sich zu bedanken, dass sie sie nach der 0:3-Schlappe nicht ausgepfiffen hatten. Nicht wegen der Niederlage an sich, damit war gegen die starken Sachsen schließlich zu rechnen gewesen. Sondern dafür, dass sie die Gegentore mal wieder in feinster Slapstick-Manier kassiert hatten.

Nuri Sahin nahm Yuya Osako fest in den Arm und tätschelte ihm aufmunternd auf die Brust, der Japaner war wohl die unglücklichste Werder-Figur am Samstagnachmittag. Und stand symbolisch für die Blauäugigkeit, mit der die Grün-Weißen insgesamt wieder verteidigt hatten. Die Standard-Gegentore Nummer 14 und 15 (Quelle: Deltatre) stehen nun auf Werders Konto, dazu das insgesamt neunte Gegentor nach einem Steilpass. Das zehnte Tor war es nach einem Eckball.

Kurz-Trainingslager ohne sichtbaren Effekt

Enttäuschte Werder-Spieler stehen nach dem Spiel in Leipzig auf dem Rasen.
Enttäuschung pur: Werder kassierte in Leipzig die achte Niederlage im neunten Spiel. Bild: Imago | Jan Huebner

Werder macht es jedem Gegner zu einfach Tore zu schießen, dabei sollte nach dem Kurz-Trainingslager doch alles besser werden. Akribisch, ausführlich und tiefgehend waren unter der Woche die Probleme gewälzt, analysiert und ausdiskutiert worden. Doch sichtbar wurde der Effekt nicht. Der Auftritt in Leipzig untermauerte einmal mehr Werders Kardinalproblem: Sie bekommen die Theorie und die Praxis einfach nicht verknüpft.

"Das waren komplett naive Gegentore", monierte Trainer Florian Kohfeldt bei Sky sichtlich frustriert. Beim ersten Treffer der Leipziger durch Lukas Klostermann (18. Minute) segelte dabei der Freistoß aus dem rechten Halbfeld seelenruhig an den Bremer Spielern vorbei, die mehr Zuschauer waren. Allen voran eben Osako, der den Assist von Patrik Schick nicht verhinderte.

Das erste Gegentor ist ein ganz klares Aufmerksamkeitsdefizit von Yuya. Er hofft, dass der Ball hinten geklärt wird und läuft nicht durch. Das geht nicht.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt bei Sky

Veljkovic lässt sich einfach wegdrängen

Beim zweiten Gegentor sah der 29 Jahre alte Japaner erneut nicht gut aus beim Eckball. Er ließ Schick das 2:0 einköpfen (39. Minute). Schlimmer war jedoch, dass sich Verteidiger Milos Veljkovic zuvor viel zu leicht hatte wegdrängen lassen, durch einen kleinen Schubser. Kohfeldt selbst hatte die Szene nicht gesehen, sich jedoch schildern lassen. "Beim zweiten Gegentor nimmt Milos den Körperkontakt nicht so auf, wie es sein muss. Da muss man stabil bleiben."

So ließ sich Werders Defensive auch beim dritten Gegentor durch Nordi Mukiele (46. Minute) völlig problemlos durch einen Steilpass aushebeln. "Sie kommen durch einen langen Ball aus der eigenen Hälfte zum dritten Tor", ärgerte sich Kohfeldt: "Ein Querlauf in der Kette, das darf niemals passieren. Das war ein Kommunikationsfehler."

Mentale "Trockenübungen" greifen nicht in der Praxis

Maximilian Eggestein schreit und gestikuliert sein Unverständnis mit beiden Armen auf dem Spielfeld.
Blieb gegen Leipzig wieder hinter seiner Bestform zurück: Werders Mittelfeldmotor Maximilian Eggestein. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Dass die Bremer bei den Gegentreffern in Leipzig eine peinliche Figur machten, ist die eine Sache. Die andere ist die Ursache für die fatalen Aussetzer: Die Spieler haben immer noch Angst davor Fehler zu machen – und machen sie so erst recht. Es ist reine Kopfsache und an der hatte man auch im Kurz-Trainingslager mit dem Vereins-Psychologen Andreas Marlovits intensiv gearbeitet. Doch die "Trockenübungen" helfen den Spielern offenbar immer noch nicht in der Praxis.

Wir kassieren viel zu viele Standard-Gegentore. Das ist irgendwann kein Zufall mehr. Wir müssen uns hinterfragen, woran das liegt – ob es an der Fokussierung liegt oder woran sonst. Ich kann das gerade nicht so einfach erklären.

Werder-Profi Maximilian Eggestein

Die Krux ist, dass man Wettkampfsituationen eben nicht simulieren kann. Deshalb findet es die Mehrheit auch sinnlos, Elfmeterschießen im Training zu üben. Den tatsächlichen Moment, im 1:1 mit dem Torhüter, dem pumpenden Adrenalin, dem Pfeifkonzert der gegnerischen Fans – der lässt sich nicht antrainieren. Dennoch, man kann sich auf eben diesen Moment mental vorbereiten mit all seinen Begleitumständen. Und Handlungsmuster lassen sich bis zu einem gewissen Grad einüben. Ebenso der Stressfaktor, den ein Spieler innerlich aufbaut, zum Beispiel bei Eckbällen, lässt sich abbauen. Umsetzen konnte das Werder gegen Leipzig jedoch nicht.

Wo bleibt die Gegenwehr?

Florian Kohfeldt guckt am Spielfeldrand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen genervt nach oben.
Frust bei Trainer Florian Kohfeldt: Alles akribisch erklärt, aber seine Spieler setzten es nicht um. Bild: Imago | Jan Huebner

Möglich muss es für Werder aber sein. Einzig Osako ist wohl als Typ für diese Art von Abstiegskampf-Stress einfach nicht gemacht. Für die anderen gilt es, das Kopf-Problem zu lösen, damit sich auch die Verkrampfung im Spiel entspannt. Ein kleiner Schubser für Veljkovic reichte aus, um Werder aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wo blieb die Gegenwehr? Auch Kohfeldt vermisste bei seinen Spielern "die letzte Körperlichkeit, dagegen zu gehen" und nicht bloß zu hoffen, "dass es nicht passiert, sondern es bis zum Ende zu verteidigen".

Der einzige Spieler, der diese geforderte Körperlichkeit mitbrachte, der dazwischen grätschte und nach einem furchtbaren Fehlpass von Marco Friedl im Alleingang einen weiteren Gegentreffer verhinderte, war Kevin Vogt. Er war die personifizierte Gegenwehr, doch der Abwehrchef verletzte sich am Knie und wird wohl länger ausfallen. Die einzige Hoffnung bleibt, dass Neuzugang Davie Selke zumindest in der Offensive wieder Durchschlagskraft hineinbringt. Denn auf einen selbstgeschossenen Treffer wartet Werder auch bereits seit über elf Stunden. Und ohne eigene Tore können die Bremer der Gegentreffer-Flut nichts entgegensetzen. Hinten sicher zu stehen, wäre ein großer Schritt für die Wende im Abstiegskampf. Doch die Bremer spielten in den vergangenen 23 Spielen nur einmal zu null. Es gibt viel zu tun, besonders für Werders Mentaltrainer.

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Video vom 16. Februar 2020
Frank Bauann im schwarzen Pullover vor der dunklen Fototapete des Weser-Stadions beim TV-Interview.

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: ARD, Sportschau, 16. Februar 2020, 19:30 Uhr