Pro & Contra

Werder in der Krise: Ist Kohfeldt noch der richtige Trainer?

Die Bremer taumeln, aber der Trainer darf weiterhin bleiben. Ist das immer noch nachvollziehbar? Auch in unserer Redaktion gehen darüber die Meinungen auseinander.

Florian Kohfeldt steht in der Coaching-Zone des Weser-Stadions.
Trainer Florian Kohfeldt ist in Bremen nicht mehr unumstritten. Werders Sportchef Frank Baumann will aber weiterhin an Kohfeldt festhalten. Bild: Imago | Matthias Koch

PRO

Klar, nach dem Rausch der Pokal-Nacht wirkte der Auftritt gegen Union Berlin umso mehr wie die gnadenlose eiskalte Dusche am Morgen danach. Mutloser, behäbiger Sicherheitsfußball. Wieder Kontertore kassiert. Wieder eingeknickt nach dem Rückstand. Wieder nicht richtig aufgebäumt. Und wieder geloben die Spieler hinterher Besserung. Dass sie wüssten, wie ernst die Lage sei. Und dass sie jetzt aber das nächste Spiel unbedingt gewinnen müssten. Werder dreht sich im Kreis und in diesem Moment ist es ein naheliegender Reflex, den Trainer anzuzählen. Nach dem Motto: Wenn Florian Kohfeldt seinen Spielern doch tagtäglich sagt, was sie tun sollen und sie tun es doch nicht, dann heißt das wohl, er erreicht sie nicht mehr, oder? Nicht unbedingt.

Vielleicht bedeutet es nur, dass Kohfeldt noch nicht hart genug zu ihnen gewesen ist. Und dass er damit immer noch Mittel und Wege hat, die Mannschaft aus der Krise zu führen. Ja, er hat sich sehr lange schützend vor seine Spieler gestellt, vielleicht zu lange. Bei vielen Profis war auch offenbar erst im Wintertrainingslager die Erkenntnis eingesickert, dass Werder jetzt wirklich im Abstiegskampf steckt. Dabei war das Boot da schon längst gekentert. In der Mannschaft herrschte zu lange noch die "Wird-schon-irgendwie-wieder"-Gemütlichkeit. Und vielleicht ist Kohfeldt nun mit seiner Art der Ansprache an eine Grenze gestoßen.

Man sollte sich aber nicht vertun, bei aller einnehmenden Eloquenz, die er ausstrahlt: Dass der Trainer "der nette Herr Kohfeldt" ist, ist ein Mythos. Kohfeldt kann laut werden, das tat er nicht erst im Trainingslager. Und er hat sich seinen Arbeitsbereich bei Werder mit genau den Personen und Ressourcen ausgestattet, die er wollte. Kohfeldt weiß genau, was er will. Und bisher hatte er mit vielen Spielern ein gutes Händchen, traf den richtigen Ton. Kohfeldt kann auch bockige Profis, wie es Milot Rashica zu Beginn eine zeitlang war, zur Räson bringen. Aber er probiert es vor allem immer wieder über Argumente statt Strafrunden. Er sieht seine Spieler als mündige Profis und appelliert daher vor allem an ihren Verstand, ihre Emotion. Doch offenbar verstehen manche doch nur den buchstäblichen Tritt in den Hintern.

Kohfeldt ließ am Samstagabend durchblicken, dass er bei der Suche nach Lösungen über personelle Konsequenzen nachdenken wird. Soll heißen: Es wird aussortiert. Nur noch, wer mitzieht, ist dabei. Noch ist Kohfeldt bei Werder nicht gescheitert, doch die harte Hand ist vielleicht seine letzte Chance, seinen Spielern die richtige Einstellung im Abstiegskampf zu verordnen.


CONTRA

Keine Frage, Florian Kohfeldt ist ein junger, talentierter Trainer. Das hat er bereits bewiesen. Doch in der aktuellen Situation ist er nicht mehr der richtige Trainer für Werder.

Die Lage erinnert dabei an den FC Schalke 04 in der vergangenen Saison. Auch dort schien das Vertrauen in den jungen "Shootingstar"-Trainer Domenico Tedesco grenzenlos zu sein. Unbedingt wollten die taumelnden Schalker mit ihm noch die Wende schaffen. Als die Abstiegssorgen allerdings immer größer wurden, reagierten sie doch – und trennten sich von Tedesco. Es war die richtige Entscheidung. Am Ende muss der Klub immer größer sein als der Name des Trainers.

Bei den Bremern ist die Lage seit Samstag so dramatisch wie nie zuvor in dieser Saison. Bereits vier Punkte liegen sie hinter Rang 15. Der Abstand zum rettenden Ufer wird größer, die Anzahl der verbleibenden Spiele kleiner. Und derzeit spricht nichts mehr dafür, dass Werder unter Kohfeldt noch die furiose Aufholjagd startet.

Ja, Kohfeldt kann auch mal laut werden. Doch laut muss es werden, wenn bei einem Werder-Tor im Weser-Stadion das Nebelhorn ertönt. Das war in der Bundesliga letztmals im November (!) beim 1:2 gegen Schalke der Fall. In den vergangenen acht Bundesliga-Partien erzielte Werder nur drei eigene Treffer (zwei davon per Eigentor) und holte indiskutable drei Punkte. Zahlen wie diese gleichen einem Bewerbungsschreiben für die 2. Liga. Und über Konsequenzen für die Spieler wurde bereits häufiger in den vergangenen Monaten schwadroniert. Geändert auf dem Platz hat sich danach nie etwas.  

Es dürfe nicht um Einzelschicksale gehen, sagte Kohfeldt im Dezember nach der 0:5-Klatsche gegen Mainz 05. Das ist richtig, gilt aber auch ihn. Dass er nicht "weglaufen" möchte, ehrt ihn. Und Kohfeldt ist auch nicht Werders Problem. Er ist aber auch nicht mehr derjenige, der die Bremer Probleme auf dem Platz lösen kann. Dies ist allerdings die Kernaufgabe des Cheftrainers. Rationale Gründe sprechen deshalb nicht mehr für eine Weiterbeschäftigung.

Der Werder-Kader besitzt dabei genug Qualität, um den Klassenerhalt noch zu schaffen. Da darf auch die Verletzungsproblematik nicht mehr als Ausrede gelten. Gegen Union Berlin lag die individuelle Qualität der Werder-Spieler gewiss nicht unter der des Aufsteigers. Trotzdem gingen die Berliner als Sieger vom Platz. Gleiches gilt für die 1:2-Niederlage in der Woche zuvor beim FC Augsburg.

Für Kohfeldt spricht an der Weser neben der Dankbarkeit für zuvor Geleistetes nur noch das Prinzip Hoffnung. Doch die Verantwortung von Sportchef Frank Baumann für die Zukunft des Klubs ist zu groß, um sich blauäugig allein auf die Hoffnung zu verlassen. Hält er weiterhin an Kohfeldt fest, spielt er russisches Roulette mit der seit fast 40 Jahren währenden Bundesliga-Zugehörigkeit der Bremer.

Werder Bremen zwischen Pokal-Rausch und Abstiegskampf

Video vom 6. Februar 2020
Das Weserstadion aus der Vogelperspektive beim Flutlichtspiel im DFB Pokal gegen Dortmund
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Petra Philippsen
  • Karsten Lübben

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit sportblitz, 9. Februar 2020, 19:30 Uhr