Quo vadis, Werder? Besserung ist kaum in Sicht

Es war eine Saison zum Abhaken für die Bremer. Doch Werder ist verschuldet und kann sich echte Verstärkungen nicht leisten – der nächste Abstiegskampf droht.

Werder-Spieler stehen mit ratlosen Miene und ausgestreckten Armen vor dem Schiedsrichter und beschweren sich.
Wieder Abstiegskampf oder doch stabiles Mittelfeld? Wohin die Reise für Werder in der neuen Saison geht, ist noch unklar. Bild: Reuters | Kai Pfaffenbach

Claudio Pizarro schulterte am Dienstag ein paar große, blaue Müllsäcke, als er das Weser-Stadion verließ. Seinen Spint hatte der 41 Jahre alte Neu-Rentner nun leer geräumt, auch einige seiner Teamkollegen trugen blaue Müllsäcke, als sie sich in die Ferien verabschiedeten. Doch der große Kehraus steht Werder in diesen Tagen noch bevor. Hinter verschlossenen Türen wollen Aufsichtsrat, Geschäftsführung und Trainerstab mit der "schonungslosen Analyse" und Aufarbeitung dieser desaströsen Saison beginnen.

Ob Trainer Florian Kohfeldt weitermachen will, wird sich dabei klären. Ob er überhaupt weitermachen sollte, steht für die Vereinsführung offenbar gar nicht mehr zur Debatte. Verantwortlich will man den 37-Jährigen jedenfalls nicht für den Absturz machen, das hat Sportchef Frank Baumann direkt nach dem glücklichen Klassenerhalt klargemacht.

Wir müssen eine Menge ändern, in allen Bereichen. Es kann kein Weiter so geben und es wird kein Weiter so geben.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt

Werder durch Schulden und Kaufverpflichtungen eingeschränkt

Florian Kohfeldt hält sich ungläubig die Hände vors Gesicht am Spielfeldrand.
Bleibt er oder geht er? Werder-Trainer Florian Kohfeldt hat sich nach der Relegation noch nicht geäußert, ob er beim Verein bleibt. Bild: Reuters | Kai Pfaffenbach

Aber ob mit oder ohne Kohfeldt – mit Blick auf die neue Saison sieht es jedoch danach aus, dass es für Werder doch genau so weitergehen wird. Es könnte sogar noch schlechter laufen, denn den Status quo können die Bremer kaum ändern. Erstmals musste sich der Klub durch die Corona-Krise verschulden, eine Summe von geschätzten 20 Millionen Euro wird kolportiert. Werder war im Vergleich der Bundesligisten immer eher klamm, nun hat sich die Lage verschärft.

Handlungsspielraum auf dem Transfermarkt hat Baumann nicht. Spieler, die Werder sportlich den nötigen Schritt nach vorne bringen würden, sind unerschwinglich. Mit Leonardo Bittencourt und Ömer Toprak griffen nach dem Klassenerhalt nun Kaufverpflichtungen, die beiden kosten Werder insgesamt etwa elf Millionen Euro. Für Davie Selke steht Werder im kommenden Sommer eine ähnlich hohe Summe bevor – sollte man erstklassig bleiben. Die Zahlungen sollten mit dem Transfer von Milot Rashica abgeglichen werden, das Problem ist aber: Der Marktwert der Werder-Profis ist im Sturzflug.

Marktwert von Rashica und Selke im Sinkflug

Milot Rashica in der Unschärfe im Zweikampf mit einem Heidenheim-Spieler.
Die Schnelligkeit ist sein Plus: Milot Rashica (vorne) steckte in der Rückrunde im Formtief. Bild: Reuters | Kai Pfaffenbach

Das Internetportal "Transfermarkt.de" korrigierte am Mittwoch nach den Leistungen der vergangenen Monate die Werte der Bremer Mannschaft ein weiteres Mal nach unten. Rashica, für den sich Werder eigentlich 38 Millionen Euro Ablöse erhofft, sackt von zuletzt 28 Millionen Euro auf nur noch 22 Millionen Euro ab. Auch Selke ist von acht Millionen Euro auf fünf Millionen Euro abgewertet – die Bremer werden trotzdem das Doppelte an Ablöse für den bisher enttäuschenden, ausgeliehenen Stürmer zahlen müssen.

Rashica muss verkauft werden und trotz dessen Leistungstief wird es eine Schwächung des Bremer Kaders sein. Mit Felix Agu holte man einen jungen Linksverteidiger für die neue Saison von Zweitligist Osnabrück. Ob dieser Youngster Werders wackeliger Defensive Stabilität bringen kann, ist zumindest fraglich. Doch Baumann sind die Hände gebunden. Die erhoffte Ablöse für Rashica ist verplant, ins noch größere finanzielle Risiko werden die Hanseaten nicht gehen. Zudem hatten sie während der Saison den eigenen Kader immer stark geredet und sehen vermutlich gar keinen allzu großen Handlungsbedarf.

Doch Kohfeldts größter Fehler war rückblickend, dass er seinem Kader immer mehr zugetraut hatte, als dieser geben konnte. Man könnte sagen: Er hat seine Spieler etwas überschätzt. Doch die Mannschaft wird in weiten Teilen so bestehen bleiben – auch, weil Werder kaum Spielraum hat. Die Aussicht für die neue Saison ist daher eher trübe bis besorgniserregend, die Zeichen stehen erneut auf Abstiegskampf. "Ein Weiter so darf es nicht geben", sagte Kohfeldt zwar. Aber momentan sieht es nicht danach aus, als hätte Werder ein Patentrezept für große Verbesserungen parat.

Zwischen Jubel und Randale: So bewegt Werders Klassenerhalt Bremen

Video vom 7. Juli 2020
Ein Mann steht in einer Menschenmenge und hebt jubelnd die Arme
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 7. Juli 2020, 18:06 Uhr