Im Kreuzfeuer der Kritik: Kohfeldt kämpft um die Deutungshoheit

Zu nett, zu unkritisch, nicht mehr der richtige Werder-Trainer? Florian Kohfeldt bekam in den letzten Tagen viel Gegenwind. Doch nicht jede Kritik scheint unberechtigt.

Florian Kohfeldt mit heller Gesichtsmaske auf dem Weg vom Trainingsplatz in die Kabine.
Wieder im Fokus der Werder-Krise: Mancher ehemalige SVW-Profi forderte unter der Woche die Entlassung von Florian Kohfeldt. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Florian Kohfeldt war es deutlich anzusehen, er war angefasst. Der Werder-Trainer hockte am Freitagvormittag im improvisierten Pressekonferenzraum des Bremer Weser-Stadions und beantwortete Fragen, die ihm sein eigener Pressesprecher im Livestream stellte. Fragen zwar, die Journalisten eingereicht hatten, doch das geschah bereits am Tag zuvor. Und so konnte darüber spekuliert werden, ob sich Kohfeldt auf die Fragen vorbereitet hatte. Überlegt antwortet der 37-Jährige ohnehin immer, doch momentan wirkt es, als ringe Kohfeldt vor allem um die Deutungshoheit der eigenen Lage.

Kohfeldt war seit der 1:4-Schlappe gegen Leverkusen am Montagabend noch mehr ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Für viele passte der blutleere Auftritt seiner Mannschaft nicht mit der weiterhin recht freundlichen Einschätzung Kohfeldts zusammen. Auch ehemalige Vereinsgrößen hatten sich die Tage öffentlich zu Wort gemeldet und sogar wie im Fall von Rune Bratseth Kohfeldts Entlassung gefordert.

"Bin nach wie vor der Beste auf dieser Position"

Der antwortete am Freitag nun fast trotzig: "Ich bin nach wie vor der Beste auf dieser Position." An Rücktritt habe er bisher nie gedacht, betonte der Werder-Coach. Und Sportchef Frank Baumann sprang Kohfeldt im Anschluss wie gewöhnlich sofort bei und sagte: "Ich bin überzeugt, dass Florian der richtige Mann für diese Situation ist und die Wahrscheinlichkeit mit ihm am größten ist, die Klasse zu halten."

Was er jetzt über sich lesen und hören müsse, habe ihn getroffen, erklärte Kohfeldt mit ernster Miene weiter: "Das tut weh, das tut richtig weh, wenn man von Leuten über Medien kritisiert wird, die ansonsten freundschaftlich jovial rüberkommen, aber selber keine Verantwortung übernehmen." Bei Kohfeldt scheint die Sorge mitzuschwingen, zum Sündenbock der Werder-Krise abgestempelt zu werden.

"Lasse es nicht dahin plätschern"

Dass er zwar weiterhin als sympathische Gallionsfigur des Vereins gesehen wird, aber eben zu nett zu seinen viel zu netten Spielern sei. Harmlos, ratlos, wehrlos – so lautete die Kritik an der Leistung der Werder-Profis nach dem Leverkusen-Spiel. Und dass Kohfeldt die Mängel eher beschönigte als beanstandete.

Ich lasse es nicht dahin plätschern. Uns jetzt vorzuwerfen, dass wir alles laufen lassen, dass kein Feuer da ist, empfinde ich als Frechheit. Wir spielen aus verschiedenen Gründen eine richtig beschissene Saison. Dafür gibt es auch kein anderes Wort.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt

Zu viel nettes Miteinander bei Werder

In der Kabine, hinter verschlossenen Türen, würde er sehr wohl deutlich werden, fügte Kohfeldt entschieden an. Zu sehen ist das natürlich nicht. Und dass Abwehrchef Kevin Vogt gerade noch das eben viel zu nette Miteinander und Untereinander in der Mannschaft und die mangelnde interne Kritik monierte, schwächte Kohfeldts Aussagen dann wiederum ab. Es ist das Ringen um die Deutungshoheit und die Kontrolle einer Situation, die Kohfeldt langsam aus den Händen zu gleiten scheint.

Am Samstag geht es gegen unangenehme Freiburger, und auch die Fragen dürften weiter unangenehm bleiben. Obwohl Kohfeldt sie gefiltert erhält. Die DFL hatte bei ihren Pressekonferenzen mit Geschäftsführer Christian Seifert vorgemacht, dass durch Telefonschalten der Live-Dialog mit den Journalisten weiterhin möglich ist. Bei Werder bleiben die Aussagen jedoch zunächst unwidersprochen. Und zumindest für eine kurze Weile hat man dann die Deutungshoheit behalten.

Der Abstieg rückt näher: Werder verliert Geisterspiel gegen Leverkusen

Video vom 19. Mai 2020
Werder Bremens Trainer Florian Kohfeldt während einer Pressekonferenz.

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 22. Mai 2020, 18:06 Uhr