Kommentar

Komplexe Krise: Werders Problem heißt nicht Kohfeldt

Pleiten, Rückschläge, Fehler – die Bremer finden einfach keine griffigen Mittel im Abstiegskampf. Doch ein Trainerwechsel wäre auch keine Lösung der multiplen Probleme.

Florian Kohfeldt im Profil mit leerem Blick nach oben an der Seitenlinie.
Unter Druck: Werder-Trainer Florian Kohfeldt steht nach 20 Spieltagen mit 17 Punkten und 46 Gegentoren da. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Frank Baumann hat es nach dem nächsten, bitteren Tiefschlag in Augsburg nüchtern auf den Punkt gebracht: "Wir haben nicht den einen Ansatzpunkt, von dem wir sagen: 'Den verändern wir und dann wird's besser.' Wir haben in vielen Bereichen nicht unser Bestniveau." Und darin besteht Werders Dilemma nach 20 Spieltagen: Die Probleme sind zu komplex für eine simple Lösung.

Doch die simpelste Lösung breitet sich bereits in den sozialen Medien aus – Florian Kohfeldt soll gehen. Bei Twitter spaltet der Werder-Coach inzwischen das Lager der Fans in #TeamWerder gegen #TeamKohfeldt. Doch genauso viele wollen sich gar nicht zwischen dem einen oder anderen entscheiden. Es zeigt die Ratlosigkeit, die Sorge und den Frust über die vertrackte Situation.

Kohfeldt kann noch Teil der Lösung werden

Und es ist eben immer die simpelste Lösung, den Trainer zu opfern. In anderen Vereinen wäre Kohfeldt wohl längst beurlaubt worden, nach der sechsten Niederlage in den letzten sieben Spielen. Nach der schlechtesten Hinrunde der Vereinsgeschichte, nach nur einem eigenen Tor in sieben Spielen. Und der zweiten Niederlage im dritten Rückrundenspiel. Doch bei Werder ist Kohfeldt nur ein Teil des multiplen Problems.

Sicher: Kohfeldt hat es noch nicht geschafft, seinen Spielern einzuimpfen, nach Rückschlägen nicht einzuknicken. Selbstbewusst zu werden. Seine Spielidee bis zum Schlusspfiff durchzuziehen. Ihm ist es auch nicht gelungen, seine kreativen Köpfe im Mittelfeld – Maximilian Eggestein und Davy Klaassen - aus dem Formtief zu hieven. Diese Dinge muss sich Kohfeldt ankreiden lassen. Doch noch wirkt er glaubhaft darin, dass er einen Weg aus der Krise finden kann.

Ein neuer Trainer hätte die gleichen Probleme

Aber selbst ein neuer Trainer könnte auch nur mit dem arbeiten, was bei Werder vorhanden ist. Er könnte die verletzten Außenverteidiger nicht schneller heilen oder den Spielern die ständigen Fehlpässe abgewöhnen. Er könnte die Neuzugänge Vogt und Selke bringen, mal einen Nachwuchsspieler wie Woltemade reinwerfen oder einem Abstiegskampf-Überforderten wie Osako mal eine Pause geben – doch all das hat Kohfeldt bereits getan.

Das Werder-Dilemma ist nicht Kohfeldt, sondern dass sich so viele Probleme gleichzeitig angesammelt haben, die nicht auf einmal kompensiert werden können. Natürlich hilft es nicht, dass die Bremer im Weser-Stadion am Stock gehen oder dass das Vereinsbudget viel zu eng geschnürt ist oder man Max Kruse nicht halten konnte. Oder dass fast kein Spieler annähernd sein Topniveau erreicht. Für jedes dieser Problemfelder braucht es mittelfristige Lösungen. Doch zunächst sind kurzfristig Impulse gefragt, um den Abstieg zu verhindern. Kohfeldt klammert sich jetzt vor allem an die Rückkehr seiner verletzten Spieler. Ob ihm diese Zeit noch gegeben wird, muss sich zeigen. Fest steht nur, dass es für Werder sicherlich nicht hilfreich ist, wenn sich die Fans in #Teams aufspalten.

So sehen Bremer die Werder-Krise

Ein älterer Herr mit Brille, der in der Bremer Innenstadt interviewt wird.

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: ARD, Sportschau, 1. Februar 2020, 19 Uhr