Kohfeldt 2 Jahre Cheftrainer: Werders Glücksgriff

Heute vor zwei Jahren hat Florian Kohfeldt das Profiteam auf einem Abstiegsplatz übernommen. Mittlerweile ist die Europa League wieder erklärtes Ziel – auch dank des Trainers.

Florian Kohfeldt voller Spannung beim Spiel gegen Borussia Dortmund
Selbstbewusst mit staatsmännischem Blick: Florian Kohfeldt. Bild: Imago | Thomas Bielefeld

Am 30. Oktober 2017 steht Werder Bremen auf dem vorletzten Tabellenplatz der Bundesliga, mit nur fünf Punkten nach zehn Spielen. Die Werder-Bosse um Sportchef Frank Baumann ziehen die Reißleine. Sie haben kein Vertrauen mehr in Trainer Alexander Nouri.

Ein junger Mann aus der Werder-Familie wird auserkoren und tritt an, das verunsicherte Team wieder aufzubauen: Florian Kohfeldt, gerade mal Mitte 30. Sportchef Frank Baumann ist überzeugt von den Fähigkeiten des damaligen Trainers der zweiten Mannschaft und macht ihn kurzerhand zum Chef. Eine sehr gute Entscheidung.

Das Vertrauen kehrt zurück

In den zwei Jahren seiner Dienstzeit macht Kohfeldt bei Werder vieles besser und beweist, dass er auch auf höchster Ebene kann, was er in der Theorie gezeigt hat. Schließlich war Kohfeldt Klassenbester des Jahrgangs 2016 der Hennes-Weisweiler-Akademie des DFB, die in Deutschland die Fußball-Lehrer für die Profikarriere ausbildet. Vor allem aber gibt Kohfeldt den Spielern, dem Verein und den Fans etwas, was es seit den Zeiten von Thomas Schaaf in dieser Konstanz nicht mehr gegeben hat: Vertrauen. Vertrauen in die eigene Stärke. In die eigene Art, Fußball zu spielen. Und Vertrauen in die sportliche Zukunft. Denn die hatten viele in den Jahren zuvor verloren.

Das Ende der Erfolgsära von Thomas Schaaf und seinem Sportchefs Klaus Allofs 2012 war mit dem Weggang von Allofs zum VfL Wolfsburg 2012 eingeläutet. Ein Jahr später war dann auch für Thomas Schaaf Schluss – damals spielte Werder schon fast drei Jahre lang nicht mehr international. Davor aber gehörten die Bremer unter Schaaf/Allofs zur Spitze in der Liga, holten 2004 das Double und spielten regelmäßig in Champions- oder Europa League. Herausragende Kicker wie Johan Micoud, Diego und Mesut Özil begeisterten die Fans. Dann der Niedergang. Auf Schaaf folgten Robin Dutt, Viktor Skripnik und Alexander Nouri. Aus Mittelmaß wurde dauernde Abstiegsangst.

Respekt verdient – Interesse geweckt

Und dann kommt Kohfeldt. Formt Werder vom Abstiegskandidaten zum Europa-League-Anwärter. Nur ein Punkt und ein paar Tore fehlen in der Saison 2018/2019 zur Qualifikation. Glaubt man Keeper Jiri Pavlenka, könnte Werder sogar noch mehr. Man traut sich wieder etwas zu bei Werder, will auch mit etlichen verletzten Leistungsträger gegen Top-Klubs wie Dortmund und Leipzig gewinnen. Das ist im Nachhinein nicht überheblich, sondern ambitioniert. Das haben die Spiele gezeigt. Geklappt hat es zwar nicht mit den Siegen. Aber Werder hat sich mit seinen Auftritten Respekt in der Liga verdient.

Kohfeldt hat in seiner Zeit mit Werder mittlerweile 100 Punkte in der Bundesliga geholt. Zufall, dass diese runde Zahl mit seinem zweiten Jahrestag als Cheftrainer zusammenfällt. Aber irgendwie ist es auch beispielhaft; es passt einfach vieles zusammen bei Kohfeldt und Werder. Darum haben Coach und Verein den Vertrag auch vorzeitig bis zum Jahr 2023 verlängert. Und der Trainer hat bekräftigt, dass er diesen auf jeden Fall erfüllen will. Trotz mutmaßlicher Angebote von Top-Klubs aus dem In- und Ausland, die Kohfeldts Erfolg im Fußball-Geschäft zwangsläufig mit sich bringt.

Der 37-Jährige hat mittlerweile einen Ruf als hervorragender Trainer, der mit seiner authentischen Art punktet. Die Spieler loben die Zusammenarbeit mit ihm. Dadurch hat der Coach großen Anteil daran, dass Werder wieder eine interessante Adresse für Kicker mit Ambitionen geworden ist. Denn Werders finanzielle Mittel sind bekanntlich beschränkt. Mit dem großen Scheckbuch kann Sportchef Frank Baumann keine Spieler an die Weser locken. Aber Werder hat Kohfeldt, den Überzeuger.

Diese Mischung aus Nähe und Abstand, das hatte ich noch nie, obwohl ich mit Jürgen Klopp einen Trainer hatte, der den Spielern nahestand.

Nuri Sahin

Spieler von internationalem Format wie Nuri Sahin und Davy Klaassen brachten ihre Entscheidung für einen Wechsel nach Bremen besonders mit der Person Kohfeldt in Zusammenhang. Jüngstes Beispiel ist die Verpflichtung von Ömer Toprak, der laut eigener Aussage lukrativere Angebote hatte, sich aber trotzdem für Werder entschied.

Und dann habe ich mich irgendwann mit Florian Kohfeldt getroffen – und dann war ich mir auch ziemlich sicher.

Davy Klaassen
Florian Kohfeldt gibt seinem Team beim Training Anweisungen
Einer erklärt, die anderen hören zu: Florian Kohfeldt gilt als Trainer, der Spieler entwickeln kann. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Und auch die jungen Werder-Juwelen glauben offenbar, dass die Zukunft bei Werder unter Kohfeldt Erfolg bringen wird. Milot Rashica spielte in der vergangenen Saison eine herausragende Rückrunde, hatte Angebote aus dem Ausland. Er entschied sich zum Bleiben. Ebenso die Eggestein-Brüder. Bis auf den Abgang von Max Kruse hat Werder in der vergangenen Wechselperiode keinen Abgang eines Leistungsträgers oder vielversprechenden Talents beklagen müssen.

Zwei Jahre Bundesligatrainer bei Werder sind zwar noch nicht viel angesichts der Bremer Urgesteine Rehhagel und Schaaf. Die waren jeweils 14 Jahre lang Trainer bei Werder, saßen 480- (Rehhagel) und 479 Mal (Schaaf) auf der Bank bei Bundesligaspielen. Davon ist Kohfeldt noch weit entfernt (67 Spiele).

Kohfeldt selbst ist auch nach zwei Jahren im Rampenlicht so bodenständig, offen und bescheiden, wie zu Beginn. Er ist nicht nur ein Glücksgriff für Werder sondern Werder auch für ihn.

Es wird nie Routine sein, ins Weserstadion zu fahren.

Florian Kohfeldt auf die Frage, was es ihm bedeutet, dass er zwei Jahre als Chefcoach im Amt ist.

Kohfeldt über intime Momente, Kruses Weggang und die eigene Zukunft

Video vom 22. Mai 2019
Florian Kohfeldt im Interview mit buten un binnen.

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Autor

  • Bastian Mojen

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der DFB-Pokal, 30. Oktober 2019, 18 Uhr