Werders Transfers: Was schief lief – und wie es besser werden soll

Zu alt, zu langsam, zu oft verletzt: Bei Neueinkäufen haben die Bremer viele Fehler gemacht. Für Florian Kohfeldt wird der neue "Werder-Weg" auch zur Bewährungsprobe.

Ömer Toprak sitzt auf dem Boden.
Mit 30 Jahren war Ömer Toprak im vergangenen Sommer Werders ältester Neuzugang. In Bremen warfen ihn immer wieder Verletzungen zurück. Trotzdem muss Werder ihn jetzt kaufen. Bild: Imago | Joachim Sielski

Frank Baumann hatte sich penibel vorbereitet. Immer wieder referierte der Bremer Sportchef aus dem Zahlenwerk, das vor ihm lag. Zunächst aus einer Studie über die durchschnittlichen Verletzungstage in der Bundesliga. Wenig später über die Transferausgaben in der Liga. Durchschnittlich 51,45 Millionen Euro, so Baumann, hätten die Bundesliga-Klubs in der vergangenen Saison für Transfers ausgegeben. Bei den Bremern hingegen seien es 13,3 Millionen Euro gewesen.

Wie aussagekräftig ein solcher Durchschnittswert in einer Liga ist, in der der FC Bayern allein für den französischen Verteidiger Lucas Hernandez eine Ablöse von 80 Millionen zahlte, während der SC Paderborn als Aufsteiger nicht einmal eine Million Euro für neue Spieler ausgegeben hat, steht auf einem anderen Blatt. Baumanns intendierte Aussage in diesem Moment war aber klar: Wie soll Werder in der Bundesliga weiter oben mitspielen, wenn die anderen Klubs im Durchschnitt fast viermal soviel für neue Spieler ausgeben können?

Selke nimmt den Ball vor dem Frankfurter Tor an.
Davie Selke (am Ball) blieb in der Rückrunde ohne Tor für Werder. Bild: Imago | Elmar Kremser/Sven Simon/Pool via xim.gs

Außer Acht ließ er dabei aber zunächst, dass es sich bei den 13,3 Millionen Euro wohl nur um die fixen Ablösesummen für Niclas Füllkrug (Hannover 96) und Marco Friedl (FC Bayern) sowie die Leihgebühren für Ömer Toprak (Borussia Dortmund), Leonardo Bittencourt (TSG Hoffenheim), Michael Lang (Borussia Mönchengladbach), Davie Selke (Hertha BSC) und Kevin Vogt (TSG Hoffenheim) handelte. Darüber hinaus kosten die jetzt anstehenden Kaufverpflichtungen für Bittencourt und Toprak Werder einen zweistelligen Millionenbetrag. Steigen die Bremer auch in der kommenden Saison nicht ab, kassieren die Berliner für Selke zudem eine feststehende Ablösesumme von kolportierten zwölf Millionen Euro Ablöse. Die Ausgaben für die in der vergangenen Saison gekommenen Spieler könnten sich am Ende also auf rund 35 Millionen Euro belaufen. Ohne die Ablöse in Höhe von 3,5 Millionen Euro für den bereits zuvor an der Weser spielenden Friedl sind es noch immer über 30 Millionen Euro. Viel Geld für die klammen Hanseaten, die ihre Zahlungsverpflichtungen allzu gerne in Zukunft verschoben haben.

Baumann: "Die Erwartungen sind nicht aufgegangen"

Dass Werder "finanziell ins Risiko" gegangen sei, gab dabei auch Baumann zu. Allein: Dieses Risiko hat sich nicht gelohnt. Auf dem Transfermarkt haben die Bremer sich übel verzockt. "Viele Ideen, die wir hatten, sind nicht aufgegangen", räumte der Sportchef ein. "Die Erwartungen konnten nicht bis kaum erfüllt werden." Die Versäumnisse der Bremer Transferpolitik lassen sich dabei auf eine einfache Formel bringen: zu alt, zu langsam, zu oft verletzt.

Keiner der Neuzugänge für das Bundesliga-Team war zum Zeitpunkt der Verpflichtung jünger als 25 Jahre. Werder hat also keine hoffnungsvollen Talente, sondern arrivierte Bundesliga-Spieler verpflichtet. Große Gewinne durch Wiederverkäufe sind daher nicht zu erwarten. Vielmehr müssen die Spieler durch sofortigen Erfolg die Vereinskasse füllen. Das ging formidabel schief.

Alter von Werders Neuzugängen in der Saison 2019/20 zum Zeitpunkt der Verpflichtung

SpielerAlterEx-Klub
Ömer Toprak30Borussia Dortmund (Leihe mit Kaufverpflichtung)
Michael Lang28Borussia Mönchengladbach (Leihe mit Kaufoption)
Kevin Vogt28TSG Hoffenheim (Leihe ab Januar)
Niclas Füllkrug26Hannover 96
Leonardo Bittencourt25TSG Hoffenheim (Leihe mit Kaufverpflichtung)
Davie Selke25Hertha BSC (Leihe ab Januar, mit Kaufverpflichtung für 2021)
Michael Lang hält sich beim Stand von 0:4 gegen Mainz die Hand vor das Gesicht
Michael Lang entpuppte sich bei Werder nicht als Verstärkung. Der Schweizer spielte für die Bremer nur neunmal in der Bundesliga. Bild: Imago | Sven Simon

Zudem spielten die Neuen bei Werder trotz ihrer Erfahrung bei ihren Ex-Klubs nicht mehr die erste Geige. Toprak war in Dortmund genauso Reservist wie Bittencourt in Hoffenheim, Lang in Mönchengladbach und Selke in Berlin. Hannover konnte Füllkrug nach dem Abstieg nicht halten. Bei Vogt hatte Werder im Winter Glück, dass dieser sich in Hoffenheim mit dem damaligen Coach Alfred Schreuder überworfen hatte. Erst so kam er auf den Markt. Für die Bremer entpuppte sich dies als Glücksgriff. Völlig außer Acht ließ Werder aber auch im Winter noch das Defizit an Geschwindigkeit im Kader. Dabei wird diese im modernen Fußball immer wichtiger. Vor allem schnelle, trickreiche Außenbahnspieler sind auf dem Transfermarkt heiß begehrt. Die Bremer hatten bei der Sprintstärke aber in der vergangenen Saison arge Probleme.

Bemerkenswert offen gab Coach Kohfeldt am Freitag zu, dass er bei der Trainingssteuerung in der vergangenen Saison Fehler begangen habe und diese letztlich auch zu Verletzungen geführt hätten. Besonders fatal wird es allerdings, wenn falsche Trainingssteuerung und eine hohe Verletzungsanfälligkeit aufeinandertreffen. Bei Toprak und Füllkrug war den Bremern ihre bisherige Krankenakte bekannt. Sie schlugen trotzdem zu.

Für den neuen "Werder-Weg" müssen Stammspieler gehen

Die Bremer Transferpolitik ging somit in der vergangenen Saison katastrophal daneben. Ab sofort soll die Ausrichtung bei Werder aber eine andere sein. Das betonte am Freitag auch Baumann.

Wir müssen wieder der einfallsreiche Herausforderer werden. Wir wollen eine junge, entwicklungsfähige Mannschaft formen. Wir brauchen robuste, schnelle, athletische, aber auch kreative Elemente in unserem Spiel.

Frank Baumann lächelt vor dem Eingang des Parkhotels in die Kamera.
Frank Baumann
Milo Rashica behauptet den Ball im Zweikampf.
Milot Rashica ist das Tafelsilber der Bremer. Sportchef Frank Baumann muss den Kosovaren verkaufen, um Handlungsspielraum auf dem Transfermarkt zu besitzen. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Kohfeldt sprach von einem "anderen, einem herausfordernden Weg". Ein Weg, der wieder deutlich verstärkt den "Entwicklungsschritt" beinhalte. Klar ist aber, dass das Portemonnaie der Bremer schmal ist. Finanzchef Filbry offenbarte, dass die Corona-Krise Werder wohl an die 30 Millionen kosten wird. Sportchef Baumann stellte daher klar, dass Werder auch auf Transfereinnahmen angewiesen ist, ehe neue Spieler kommen können. Als beschlossen gilt der Abgang von Milot Rashica. Fraglich bleibt, wieviel Geld die Bremer für den Kosovaren erhalten. Die gehandelte Ausstiegsklausel in Höhe von 38 Millionen Euro wird niemand bedienen. Ein Betrag um die 20 Millionen Euro plus eventueller Erfolgsprämien erscheint realistischer. RB Leipzig und der AC Mailand gelten als mögliche Abnehmer. Gehen könnte auch Davy Klaassen, an dem Ex-Klub Ajax Amsterdam Interesse zeigen soll. Verkraftbar wäre auch ein Abgang von Torwart Jiri Pavlenka, denn mit Stefanos Kapino verfügen die Bremer bereist über einen soliden Ersatz in ihren Reihen.

Kann Kohfeldt nachhaltig Talente entwickeln?

Abzuwarten bleibt, ob und wie Werder den Worten Taten folgen lässt. Und wie die "junge und entwicklungsfähige" Mannschaft am Ende tatsächlich ausschaut. Abzuwarten bleibt dabei auch, ob Kohfeldt Talente auch nachhaltig entwickeln kann. In seinen etwas mehr als zweieinhalb Jahren als Cheftrainer gibt es dafür positive und negative Beispiele. Rashica machte unter ihm einen klaren Entwicklungssprung. Der Coach verpasste ihm zwischendurch auch mal einen Denkzettel, weil ihm die Defensivarbeit des Flügelflitzers nicht passte. Die taktischen Mängel hat er Rashica ausgetrieben und den Spieler nachhaltig vorangebracht. Werder kaufte ihn einst für sieben Millionen Euro, macht auch dank Kohfeldt jetzt einen satten Transfergewinn.

Johannes Eggestein steht nachdenklich nach dem Spiel im Frankfurter Waldstadion.
Hinter Johannes Eggestein liegt eine schwierige Saison. In den letzten elf Spielen berief Coach Florian Kohfeldt ihn nicht mehr in den Kader. Bild: Imago | Nordphoto

Anders schaut es hingegen bei Johannes Eggestein. Der jüngere der beiden Eggestein-Brüder galt an der Weser lange als das größere Talent. Klubs wie Manchester United buhlten einst um ihn. Trotzdem entschied Eggestein sich für eine Zukunft in Bremen, verlängerte im April 2019 nochmal seinen Vertrag. Der erhoffte Schritt in der Entwicklung blieb bisher aber aus. Eggestein spielte in der Jugend als Mittelstürmer, Kohfeldt beorderte ihn bei Werder auf die Außenbahn. Als nachhaltig erfolgreich erwies sich das nicht. Der Kapitän der deutschen U21-Nationalmannschaft ist bei Werder momentan außen vor. In den letzten elf Saisonspielen berief Kohfeldt ihn nicht einmal mehr in den Kader. Spannend wird, wie Kohfeldt den 22-Jährigen in der neuen Saison wieder in die Spur bekommen will. Auch bei einem Talent wie dem aus Osnabrück kommenden Felix Agu und der weiteren Entwicklung von Joshua Sargent ist Kohfeldts Können gefragt. Für den Coach wird der neue "Werder-Weg" somit auch zur Bewährungsprobe.

Werders Misere: "Kohfeldt übernimmt die komplette Verantwortung"

Video vom 10. Juli 2020
Sportblitz-Reporter Jan-Dirk Bruns als Gesprächsgast im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Karsten Lübben

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 11. Juli 2020, 18:06 Uhr