Interview

Legende Otten vor Nordderby: "Hochbrisantes Duell mit Haken und Ösen"

Jonny Otten über Werders Aufstiegs-Ambitionen

Bild: Imago | Schumann

Jonny Otten hat mit Werder zahlreiche Titel gewonnen und hofft derzeit auf den Wiederaufstieg der Bremen. Zudem verrät er, wie er 1988 Otto Rehhagel ausgetrickst hat.

Jonny Otten besitzt bei den Werder-Fans längst Kultstatus. Der Verteidiger, der von 1979 bis 1992 für die Bremer spielte, gewann mit Werder die Deutsche Meisterschaft, den DFB-Pokal und den Europapokal der Pokalsieger. Vor diesen Erfolgen schaffte er nach dem Absturz in die 2. Liga mit dem Klub 1981 den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga.

Nach dem Karriereende gründete er eine Firma für Werbetechnik, die auch mit Werder zusammenarbeitet. Vor dem Nordderby vergleicht er das damalige Team mit dem heutigen und erzählt, worauf es seiner Auffassung nach gegen den HSV ankommen wird.

Herr Otten, Sie haben mit Werder große Erfolge gefeiert. Haben Sie sich nach dem Gang in die 2. Liga auch Sorgen um den Klub gemacht?
Nach dem Abstieg habe ich mir schon Sorgen gemacht. Gerade, weil das Finanzielle auch sehr drastisch war. Jetzt redet davon aber keiner mehr, sondern es geht nur noch um den Erfolg, den die Mannschaft jetzt hat. Das ganze Umland und die Fans freuen sich, dass wir da oben wieder sind, nachdem wir mühsam in die 2. Liga gestartet sind. Jetzt hat die Mannschaft wieder alle beruhigt. Auch am Samstag gegen Ingolstadt hat im Stadion keiner gepfiffen, obwohl das ein mäßiges Spiel war. Das sagt alles.
Den Startrekord von Otto Rehhagel mit acht Siegen zum Auftakt konnte Ole Werner jetzt nicht einstellen. Sind Sie froh, dass "König Otto" seinen Rekord behalten hat?
Das kann man so sagen. Man hat gegen Ingolstadt gesehen, dass einem nichts geschenkt wird. Du musst dir jedes Spiel neu erkämpfen. Werder ist aktuell auf einem Aufstiegsplatz. Da geht es auch richtig zur Sache. Auch ein Tabellenletzter wie Ingolstadt hat sich überhaupt nicht versteckt und hatte keinen Respekt vor Werder. Wir waren nicht die bessere Mannschaft und konnten uns über das Unentschieden am Ende noch freuen.
Sie sind 1981 mit Werder aufgestiegen. Was machte die Mannschaft zu der Zeit aus?
Als 19-Jähriger habe ich damals 41 von 42 Spielen gemacht. Darauf war ich sehr stolz. Im Jahr zuvor in der Bundesliga hatte ich auch schon 33 von 34 Spielen absolviert. Ich kam ja aus der Bezirksliga und bin dann bei Werder Stammspieler geworden. Nach dem Aufstieg kamen Spieler wie Rudi Völler und Wolfgang Sidka zu uns. Norbert Meier und Uwe Bracht waren dabei. Uwe Reinders war ein Garant für Tore. Yasuhiko Okudera war nach dem Aufstieg auch ein wichtiger Spieler. Klaus Fichtel half uns in der Abwehr mit seiner Erfahrung. Leider war Erwin Kostedde nach dem Aufstieg nicht mehr dabei. In der Saison des Aufstiegs hatte er 29 Tore geschossen. Frank Neubarth wurde unser "Mister Europacup". Benno Möhlmann war der Kapitän. Otto Rehhagel kam als Trainer, als Kuno Klötzer den Autounfall hatte. Wir hatten einfach eine gut durchgemischte Mannschaft, die auch nach dem Aufstieg richtig Erfolg hatte.
Kann die Situation Ihrer Saison in der 2. Liga mit der aktuellen verglichen werden?
Auf jeden Fall. Die Mannschaft aus dem Aufstiegsjahr hatte sich damals zu Beginn auch noch nicht gefunden und schwer getan. Als Absteiger ist es immer schwer, sich in der 2. Liga zu formieren. Da spielst du in Stadien, die nicht alle wie das Olympiastadion sind (lacht). Damals waren die SpVgg Erkenschwick und sogar der VfB Oldenburg in der Liga. Ich sehe Parallelen zur Lage vor 40 Jahren.
Ähnelt Werner dem damaligen Rehhagel?
Rehhagel hatte schon etwas mehr auf dem Buckel. Er kam damals als Feuerwehrmann, der überall mal ausgeholfen hat. Bei Werder hat er alles richtig gemacht und auch die richtige Mannschaft vorgefunden. Otto hat sich Bremen einen richtigen Namen gemacht. Ole Werner ist jetzt dabei, mit Werder aufzusteigen. Dann hätte er einen Titel. Und den musst du als Trainer meiner Meinung nach erst mal haben. Beide besitzen aber das Händchen, die richtigen Spieler zusammenzustellen. Am Samstag fehlte ihm aber ein Ersatz für Leonardo Bittencourt. Vielleicht muss Werder doch noch den oder anderen Spieler dazu holen. Mit diesem Kader kann Werner aber aufsteigen.
Otto Rehhagel und Jonny Otten
Gemeinsam erfolgreich: Otto Rehhagel und Jonny Otten waren in den 1980er-Jahren maßgeblich daran beteiligt, dass Werder sich zu einem Topklub in Deutschland entwickelte. Bild: Imago | Rust
Als Sie 1988 Ihren Jagdschein machen wollten und der Tag der Prüfung auf ein Spiel mit Werder fiel, mussten Sie Rehhagel einmal austricksen. Wie lief das damals exakt ab?
Den Kurs habe ich zu der Zeit gemacht, als wir mit Werder um die Meisterschaft gespielt haben. Das war gar nicht einfach, weil wir immer Abendkurse hatten. Die Prüfung war dann an dem Samstag, an dem wir das Heimspiel gegen den FC Homburg hatten. Da habe ich mir gedacht: "Oh, da musst du Otto Rehhagel fragen, ob du frei kriegst für den Jagdschein." Dann habe ich mir aber etwas anderes überlegt, um meinen Jagdschein machen können. Gegen Homburg war ich nicht dabei, weil ich mir im Spiel zuvor gegen Waldhof Mannheim leider eine Gelbe Karte holen musste (lacht).
Hat die aktuelle Mannschaft Typen im Kader wie das Team aus den frühen 1980er-Jahren?
Rudi Völler, Uwe Reinders und Frank Neubarth lassen sich mit Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug vergleichen. In der Abwehr habe ich damals links gespielt wie heute Marco Friedl. Ich war auch ein gestandener Spieler auf der linken Seite, der Tore vorbereitet hat. Die Flanken von Anthony Jung gefallen mir auch sehr gut. Dieter Burdenski war im Tor eine Bank. Auf rechts hat Thomas Schaaf gespielt und im Mittelfeld waren Norbert Meier und Uwe Bracht unsere Spielmacher. Das war die Achse von hinten raus. Ömer Toprak sehe ich auch als wichtigen Mann. Wenn der konstant hinten drin steht. Ein bisschen wie damals Klaus Fichtel. Ich sehe im aktuellen Team schon Leute, die eine gute Rolle spielen.
Wer ist Ihr aktueller Lieblingsspieler im Werder-Team?
Ich würde sagen, einer von den Stürmern. Also Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug. Nicht nur, weil sie Tore machen. Sie harmonieren einfach gut auf dem Platz. Und aus der Abwehr Ömer Toprak, den finde ich auch gut. Er hat meine Mentalität und steckt nicht auf, sondern gibt immer alles. Ich hoffe, er bleibt lange gesund. Das ist für die Mannschaft sehr wichtig. Christian Groß gefällt mir auch gut. Der ist immer anspielbar und super solide.
Jetzt steht das Nordderby gegen de HSV an. Was für ein Spiel erwarten Sie?
Das wird ein Sechs-Punkte-Spiel. Ich bin gespannt, das wird ein Duell auf Augenhöhe und ein Schlüsselspiel. Es wird hochbrisant. Da wird mit Haken und Ösen gearbeitet. Ich habe damals immer gegen Manni Kaltz gespielt. Wir beide lagen dann auch öfter Mal auf der Aschenbahn (lacht). Fußball wird hauptsächlich im Zweikampf entschieden. Wer nicht überhastet in das Spiel geht, sondern das Spielerische bewahrt, ist ein Stück weiter im Kampf um den Aufstieg.

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Autorin

  • Janna Betten Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit sportblitz, 20. Februar 2022, 19:30 Uhr