Interview

Werder-Präsident: "Die Lage ist für Viktor Skripnik sehr beängstigend"

Viktor Skripnik schaut ernst an der Seitenlinie.

Werder-Präsident: "Die Lage ist für Skripnik sehr beängstigend"

Bild: Imago | Vitalii Klieuiev

Der einstige Coach der Bremer ist Trainer von Sorjo Luhansk in der Ost-Ukraine. Auch drei Schachspieler von Werder sind vom Krieg betroffen.

An Sonntag (13:30 Uhr) trifft Werder Bremen im Nordderby auf den HSV, doch in Anbetracht der derzeitigen Situation in der Ukraine fällt es vielen Menschen schwer, Vorfreude auf die Partie zu entwickeln. Im Interview mit Bremen Eins spricht Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald über die Lage von Viktor Skripnik und der drei aus der Ukraine stammenden Schachspieler der Bremer. Außerdem äußert er sich über die Zukunft des russischen Staatskonzerns Gazprom als Sponsor im europäischen Profifußball.

Herr Hess-Grunewald, wie schwer fällt es Ihnen aktuell, sich auf den Fußball zu konzentrieren und auf dieses besondere Spiel zu freuen?
Ich bin tatsächlich hin- und hergerissen. Es gibt ein Derbyfieber, das die ganze Woche schon Temperatur bekommen hat. Aber seit Donnerstag ist die Welt eine andere. Das kann uns nicht kalt lassen. Dass es 1.000 Kilometer weit weg Krieg in Europa gibt, ist eine ganz besondere Situation. Wir haben auch unsere ganz persönlichen Kontakte in die Ukraine und sind in Sorge um unsere Spieler und unseren Viktor Skripnik.
Viktor Skripnik haben Sie bereits angesprochen. Auch mehrere Spieler aus Werders Schach-Abteilung kommen aus der Ukraine. Konnten Sie mit ihnen bereits Kontakt aufnehmen?
Ich habe am Freitag per Mail Kontakt mit Viktor Skripnik gehabt. Er hat auf eine Nachricht von mir mit der Frage, ob wir unterstützen können, geantwortet. Viktor hat sich sehr dafür bedankt, aber auch ausdrücklich geschrieben, dass die Situation sehr beängstigend sei. Er weiß seine Familie aber sicher in Deutschland. Von Willi Lemke, der offenbar noch einen direkteren Draht zu ihm hat, habe ich noch die Nachricht erhalten, dass es ihm den Umständen entsprechend gut zu gehen scheint.
Hubertus Hess-Grunewald steht am Podium und spricht.
Dr. Hubertus Hess-Grunewald sorgt sich um die ukrainischen Schachspieler der Bremer und Viktor Skripnik. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
Haben Sie auch Kontakt zu Werders ukrainischen Schach-Spielern?
Ja, mit Zahar Efimenko, Alexander Areshchenko und Kirlll Shevchenko haben wir drei ukrainische Großmeister, die für Werder in der 1. Liga spielen. Dort ist die Situation deutlich dramatischer. Sie leben tatsächlich grenznah. Einer in der Nähe der polnischen Grenze, einer in der Nähe der ungarischen Grenze. Unser Mannschaftskapitän hat Kontakt mit ihnen bekommen. Sie möchten so schnell wie möglich das Land verlassen und haben auch Werder nach Unterstützung gefragt. Natürlich werden wir das so gut wie möglich unterstützen. Das Problem ist aber, dass alle drei Spieler im wehrfähigen Alter sind und sie im Rahmen der Generalmobilmachung in der Ukraine das Land wohl nicht verlassen dürfen, sondern rekrutiert werden. Sie müssen damit rechnen, an die Front geschickt zu werden. Die Vorstellung, dass die drei am nächsten Samstag nicht bei uns in der Schach-Bundesliga für Werder antreten, sondern möglicherweise unter Waffen im Krieg sind, ist eine, die mich sehr bedrückt.
Die Verbindungen zwischen dem Fußball und Russland sind eng. In zwei Jahren soll in Deutschland eine Europameisterschaft stattfinden, bei der der russische Staatskonzern Gazprom Hauptsponsor ist. Muss diese Verbindung nicht auch sofort aufgekündigt werden?
Auf jeden Fall muss eine solche Verbindung auf den Prüfstein gestellt werden. Man kann es nicht einfach so laufen lassen. Auf der anderen Seite habe ich die große Hoffnung, dass wir 2024 in Deutschland eine Europameisterschaft spielen werden, bei der wieder Frieden in Europa ist. Ich fände es im jetzigen Moment deutlich zu früh, dort etwas zu machen. Aber man muss das im Auge haben und ganz klar sagen, dass unter den Umständen, in einer kriegerischen Situation zu sein, Gazprom nicht Sponsor einer Europameisterschaft sein kann
Wird es beim Spiel am Sonntag in Anbetracht der aktuellen Situation eine Aktion von Werder geben? Vielleicht sogar gemeinsam mit dem HSV? Oder wird das Thema komplett ausgeklammert?
Wir standen mit den Hamburger Kollegen im Austausch und hätten es sehr begrüßt, wenn es eine gemeinsame Aktion vom HSV und von Werder gegeben hätte. Darauf konnten wir uns aber leider nicht verständigen, weil das für den HSV nicht gewollt war.
Werder wollte also eine gemeinsame Aktion mit dem HSV machen, aber die Hamburger haben gesagt, dass ihnen das nicht in das sportliche Konzept passt?
Das hat nichts mit dem sportlichen Konzept zu tun. Wir haben überlegt, ob wir, wie vor anderen Spielen auch, eine gemeinsame Banner-Aktion machen, sodass beide Mannschaften sich mit beiden Logos und einer Friedensbotschaft vor dem Anpfiff zeigen und diese Botschaft senden. Da hat der HSV gesagt, dass dies für sie nicht gewollt ist. Das muss man jetzt erstmal so hinnehmen. Ich will das auch nicht kommentieren. Aber wenn Sie danach fragen, will ich auch sagen, wie es ist.

(Das Interview führte Olat Rathje. Aufgeschrieben wurde es von Karsten Lübben.)

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Autor

  • Olaf Rathje Moderator

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Das Wochenende, 26. Februar 2022, 13:11 Uhr